26. Juni 2020 / 14:44 Uhr

Pleiten-Serie in der Nachspielzeit: Fans und Trainer rätseln über den Hamburger SV

Pleiten-Serie in der Nachspielzeit: Fans und Trainer rätseln über den Hamburger SV

Matthias Preß
Peiner Allgemeine Zeitung
Zack, da war er drin: Das 2:1 des FC Heidenheim gegen den HSV war das vierte Gegentor in der Nachspielzeit innerhalb von fünf Wochen.
Zack, da war er drin: Das 2:1 des FC Heidenheim gegen den HSV war das vierte Gegentor in der Nachspielzeit innerhalb von fünf Wochen. © dpa
Anzeige

Ist die Pleitenserie des Hamburger SV mit vier entscheidenden Gegentoren in der Nachspielzeit in den zurückliegenden fünf Wochen zu erklären? HSV-Fans und Peiner Trainer nennen fehlende Qualität der Spieler, Formschwäche und die Psychologie als Gründe.

Anzeige
Anzeige

Das muss man erstmal schaffen: Innerhalb von fünf Wochen hat Fußball-Zweitligist Hamburger SV viermal in der Nachspielzeit ein Tor kassiert. Sechs Punkte gingen so verloren, die zu Aufstiegs-Platz 2 gereicht hätten. Vor dem letzten Spieltag am Sonntag, bei dem der HSV nicht mehr aus eigener Kraft den Relegationsplatz erreichen kann, staunen Peiner Fußballer und Trainer über diese Pleiten-Serie.

„Woran das liegt, kann keiner beantworten“, sagt der eingefleischte HSV-Fan Tobias Sturm, Spieler bei Germania Blumenhagen. Aber er versucht es dann dennoch: „Es werden Anfängerfehler gemacht. Das war teilweise Slapstick. Und einstige Leistungsträger sind neben der Spur. Vielleicht machen auch die jetzt erlaubten fünf Einwechslungen, die natürlich ausgenutzt werden, das Spiel kaputt. Zuletzt waren beim HSV jedenfalls die Einwechselspieler vom Kopf her nicht klar.“

Hat am HSV zu knabbern: Tobias Sturm
Hat am HSV zu knabbern: Tobias Sturm ©
Anzeige

„Ich hoffe nicht, dass der HSV gegen Sandhausen zu Beginn der Nachspielzeit nur knapp führt. Dann sind die Spieler vom Kopf her wohl komplett weg“, ahnt Max Seeler, Spieler des Kreisligisten Rot-Weiß Schwicheldt. Das 1:2 gegen Heidenheim hatte er am Ticker verfolgt und konnte das Ergebnis kaum glauben. Das späte Gegentor „ist nicht zu erklären“, sagt der HSV-Fan, der mit dem Hamburger Idol Uwe Seeler entfernt verwandt ist. Sein Opa Helmut Seeler aus Edemissen und dessen Bruder Jürgen Hansen aus Berkum entdeckten bei der Stammbaum-Forschung, dass ihr Ur-Großvater und der von Uwe Seeler Geschwister waren.

Thomas Mainka kennt die Situation, wenn plötzlich alles gegen einen läuft. „Letzte Saison haben wir gegen Lehndorf 2:0 geführt und dann durch individuelle Fehler zwei Gegentore in der 91. und 93. Minute kassiert“, erinnert sich der Trainer des Bezirksligisten TSV Wendezelle. Noch schlimmer war es in der Saison 2017/18. „Da hatten wir in Schöningen in der 76. Minute das 1:2 kassiert, dann total aufgemacht und 1:7 verloren. Und in der Saison 2009/10 führten wir gegen Bienrode bis zur 75. Minute mit 2:1 und haben noch 2:6 verloren, weil wir jede Ordnung aufgegeben haben. In beiden Spielen waren wir nicht schlechter.“ In so einer Schlussphase als Trainer das Ruder noch herumzureißen, sei „ganz schwer“, sagt Mainka.

Passiere so etwas öfter, sei es „sehr belastend“ für die Mannschaft. Als Trainer könne man einer Mannschaft das Selbstbewusstsein nicht herbeireden. „Das Patentrezept sind gute Spiele und Ergebnisse“, sagt Mainka und ahnt, dass die HSV-Spieler am Sonntag sehr nervös sein werden, wenn der Spielstand kurz vor Schluss knapp ist.

Börge Warzecha, Trainer der Oberliga-Frauen des FC Pfeil Broistedt, hat so eine Pechserie selbst noch nicht erlebt. „Ich hätte dann schon einen Mentaltrainer eingeschaltet“, sagt er. Das Problem beim HSV sei aber weniger in der Psyche, als vielmehr in der Qualität zu suchen. „Die Defensive ist nicht stabil genug“, stellt er fest. Das 2:1 für Heidenheim sei typisch gewesen. „Der Ball flog gefühlt 30 Meter hoch durch die Luft und kann dann nicht verteidigt werden?“

Als Trainer hätte er bei solch wiederkehrenden Schlussphasen „etwas geändert. Entweder die letzten Minuten total destruktiv spielen oder nochmal voll drauf gehen. Irgendwas, um die Angst aus dem Kopf zu kriegen. Aber das lässt sich von außerhalb leicht sagen.“

Auch Hubert Meyer sieht ein qualitatives Problem im HSV-Team. „Die Mannschaft spielt Sicherheitsfußball. Innenverteidiger Timo Letschert zum Beispiel spielt gefühlt von zehn Pässen neun zurück“, sagt der Trainer des Kreisligisten Fortuna Oberg, der auch schon Co-Trainer von Ex-Nationalspieler Horst Briegel beim türkischen Erstligisten MKE Ankaragücü war. „Und im Mittelfeld läuft viel über den langsamen Aaron Hunt, der das Tempo verschleppt.“ Meyer fehlt der Mut im HSV-Spiel, was schon in der Verteidigung anfange.

Über die Ursache der sich so oft wiederholenden Nachspielzeit-Pannen kann Meyer nur spekulieren. „Es könnte sein, dass die Mannschaft nicht mehr fit ist und sich über die Zeit zu retten versucht. Es könnte auch eine psychologische Geschichte sein.“ Trainer Dieter Hecking habe alles versucht, um die Köpfe der Spieler frei zu bekommen. Aber: Um Erfolg zu haben, sei es entscheidend, die Situation anzunehmen. „Macht man das nicht, gibt man nicht alles.“

Max Seeler und Tobias Sturm wollen am Sonntag das HSV-Spiel gegen Sandhausen vor dem Bildschirm verfolgen. Beide drücken die Daumen, dass die Hamburger es noch in die Relegation schaffen. „Verdient hätten sie es allerdings nicht mehr“, meint Sturm.

Die Pleiten des HSV in der Nachspielzeit

*17. Mai 2020: * Fürth – HSV 2:2. Fürth erzielte den Ausgleich in der 4. Minute der Nachspielzeit.

28. Mai 2020: Stuttgart – HSV 3:2. Stuttgart schoss das Siegtor in der 2. Minute der Nachspielzeit. Die Hamburger hatten schon 2:0 geführt.

8. Juni 2020: HSV – Kiel 3:3. Kiels Ausgleich fiel in der 4. Minute der Nachspielzeit.

*21. Juni 2020: * Heidenheim – HSV 2:1. Das Siegtor fiel in der 5. Minute der Nachspielzeit.

Von Matthias Press