11. September 2022 / 16:30 Uhr

Plötzlich ein Top-Team: Der heimliche Aufstieg des SC Freiburg in die Bundesliga-Spitze

Plötzlich ein Top-Team: Der heimliche Aufstieg des SC Freiburg in die Bundesliga-Spitze

Daniel Theweleit
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Beim SC Freiburg dominiert aktuell die gute Laune.
Beim SC Freiburg dominiert aktuell die gute Laune. © Getty Images (Montage)
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Seit Jahren geht die Entwicklung des SC Freiburg nach oben. Fast ein bisschen unbemerkt entwickelten die Breisgauer sich von einem Abstiegskandidaten zu einem etablierten Bundesliga-Klub - auch weil man aus den Fehlern der Vergangenheit lernte. 

Es wäre nicht verwunderlich, wenn Christian Streich in dieser Woche in süßen Gedanken schwelgen würde. In der vergangenen Woche stand der Trainer des SC Freiburg, der die Profis seit Januar 2012 trainiert, nach einem kompletten Spieltag erstmals an der Spitze der Bundesliga-Tabelle – und will diese an diesem Sonntag (17.30 Uhr, DAZN) gegen Borussia Mönchengladbach wieder vom FC Bayern zurückerobern. Zudem spielen die Badener erstmals seit 2017 im Europapokal, es gibt ein neues Stadion, einen Mitgliederrekord und hoch interessante Spieler. Der Auftakt in die Europa-League-Saison ist mit dem 2:1-Sieg über Qarabag Agdam gelungen.

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Der Aufstieg dieses eigenwilligen Vereins geht einfach immer weiter, nachdem im Mai das (verlorene) Finale um den DFB-Pokal zu einem unvergessenen Höhepunkt der Vereinshistorie geworden war. Ein rheinischer Optimist würde angesichts der jüngsten Erfolge im Glück ertrinken, der Badener Streich hingegen fühlt sich an die schwierigste Phase seiner bisherigen Trainerkarriere erinnert. Die Saison 2013/2014, als die Freiburger zuletzt in der Gruppenphase der Europa League dabei waren, sei ihm "am meisten im Gedächtnis geblieben" erzählt er zu Beginn der anstrengenden Wochen mit Spielen in drei Wettbewerben.

"Das ist das intensivste und härteste, was ich bisher erlebt habe als Trainer beim SC Freiburg." Damals führte die große Belastung dazu, dass die Mannschaft Mühe hatte, in der Bundesliga mitzuhalten. Die Sorge vor dem drohenden Abstieg nahm den Trainer schwer mit. Man musste ihm nur ins Gesicht blicken, um die Spuren des Stresses zu sehen. Er wäre vollkommen zufrieden, wenn abermals der Klassenverbleib gelinge, sagt der mittlerweile 57-Jährige und meint das vollkommen ernst: "Wir wollen in einem Jahr, in dem wir Europapokal spielen, in der Liga bleiben und gute Europacup-Spiele machen."

Dabei ist der Klub längst auch wirtschaftlich ein fest etablierter Bundesliga-Klub. Trotz großer Investitionen ins neue Stadion und der Einbußen, die durch die Pandemie entstanden, verkündeten die Freiburger in ihrer jüngsten Bilanz einen Gewinn von 9,8 Millionen Euro. Was die Einnahme- und Vermarktungsmöglichkeiten bei den Heimspielen betrifft, ist der Klub der Abstiegszone inzwischen genauso enteilt wie im Ranking der TV-Einnahmen.

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SCF-Erfolgsgeschichte scheint noch nicht auserzählt

Gemeinsam mit Sportvorstand Jochen Saier und mit Sportdirektor Klemens Hartenbach hat Streich einen Kader entwickelt, der gar nicht mehr vollkommen fremd wirkt dort oben an der Bundesliga-Spitze. Zumal der Klub längst mehr Geld für Verstärkungen zur Verfügung hat als Konkurrenten wie Köln oder Schalke. Vor dem niederländischen Nationaltorhüter Mark Flekken spielen aktuelle oder ehemalige deutsche Nationalspieler wie Matthias Ginter, Christian Günter und Maximilian Eggestein. Leute wie Vincenzo Grifo, Jonathan Schmid oder Nils Petersen sind zu regelrechten SC-Fans geworden.

Und weil ein stabiles Gerüst mit langjährigen Freiburgern entstanden ist, fällt Neuzugängen die Integration leicht. "Wir haben gute junge Spieler und wir haben auch gute ältere Spieler, die auf der Bank sitzen", sagt Streich. Es wird viel von Akribie gesprochen in der Bundesliga, in Freiburg wird Gründlichkeit gelebt.

Das könne auch mal wehtun, erzählt Mike Frantz, der von 2014 bis 2020 beim SC spielte, weil man hier dazu gebracht werde, sich "voreinander nackt" zu machen. Diese permanente Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern und Defiziten will sich nicht jeder antun. So hat sich Stürmer Michael Gregoritsch 2017 gegen ein Angebot des SC entschieden, weil Streich ihm im Kennenlerngespräch klar sagte, was er alles besser machen muss. Der Österreicher ging lieber nach Augsburg, wo ihm erzählt worden war, was für ein toller Typ er sei.

Im zweiten Anlauf hat Gregoritsch die badische Herausforderung vor dieser Saison angenommen – er spielt stark wie nie zuvor. "Mit der wichtigste Punkt ist, dass man sich gegenseitig Fehler verzeiht, und alle Personen sind sehr uneitel, wenn sie kritisiert werden", erzählt der frühere Kapitän Mike Frantz, bevor er einen schönen Satz formuliert: "Die Bayern haben mit ihrer Mia-san-mia-Mentalität genau das Gleiche, nur in einer etwas anderen Ausprägung." Im Breisgau hieße das demnach also in etwa: Mia san Baden. Und es ist eine Erfolgsgeschichte, die scheinbar noch lange nicht auserzählt ist.

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