14. Mai 2021 / 11:25 Uhr

Pokalfinale im Leipziger Biergarten: Ein illegaler Fußballabend

Pokalfinale im Leipziger Biergarten: Ein illegaler Fußballabend

Josa Mania-Schlegel
Leipziger Volkszeitung
dpa
Das Pokalfinale zwischen RB Leipzig und dem BVB im Biergarten: Erlaubt war das nicht. © dpa
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Eine Kneipe im Leipziger Süden widersetzte sich dem „Lockdown Light“ und hatte seit November einfach weiter geöffnet. Der Abend des DFB-Pokal-Finales machte da keine Ausnahme. Die Stimmung beim 1:4 (0:3) von RB Leipzig gegen Borussia Dortmund war dann allerdings nicht überbordend.

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Leipzig. Irgendwo im Leipziger Süden, am Donnerstagvormittag, gut neun Stunden vor Anpfiff der DFB-Pokalfinals und zwölf Stunden, bevor der Gastronomie-Lockdown endet, sperrt ein Wirt das Tor zu seinem Biergarten auf. Ist der gute Mann zu früh dran? Hat er sich in den komplizierten Lockerungs-Regelungen verirrt?

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Nein, nein, bescheidet der Wirt und bindet sich seine Schürze zu. Man habe nun schon wieder eine ganze Weile geöffnet. „Den ersten Lockdown hatten wir geschlossen“, sagt er. „Aber den zweiten blieben wir offen. Ich konnte das meinen Leuten einfach nicht mehr erklären.“ Wie bitte? Ja, wirklich: Während ganz Deutschland im November in den Lockdown ging, machte eine Kneipe in einem Wohnviertel im Leipziger Süden einfach weiter.

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Und es hat wieder nicht gereicht: Nach einer indiskutablen ersten Spielhälfte muss sich RB Leipzig im Finale des DFB-Pokals Borussia Dortmund mit 1:4 geschlagen geben. Zur Galerie
Und es hat wieder nicht gereicht: Nach einer indiskutablen ersten Spielhälfte muss sich RB Leipzig im Finale des DFB-Pokals Borussia Dortmund mit 1:4 geschlagen geben. ©

Man darf nicht viel über den Wirt und seine Kneipe sagen, so ist es vereinbart. Schließlich befindet man sich hier, irgendwo zwischen Cospudener See und Südplatz, am vielleicht illegalsten Ort der Stadt. Aber man kann erzählen, was sich hier am Männertag 2021 abspielte. Und an dem Abend, an dem RB Leipzig seinen ersten Vereinstitel gewinnen wollte. Vielleicht erfährt man dabei, warum eine Leipziger Kneipe während des Lockdowns nicht zumachte.



Eine Stunde vor Beginn sind zehn Leute da

„Es plätschert“, sagt ein Mann mit Schnauzer am Nebentisch. Trotz des Regens ist der Biergarten nachmittags um eins gerammelt voll. Fünf, sechs Männergruppen, bestimmt 30 Leute, drängen sich dicht, eine Maske trägt niemand. Ein Bild wie aus einer anderen Zeit. Von Corona ist in keinem der Grüppchen die Rede.

Später, eine knappe Stunde vor Anpfiff, sind noch etwa zehn Leute da, vor allem ältere Männer. Schon das ist, natürlich, illegal. Wenn jetzt die Polizei kommt, wird es teuer. Für jeden Gast wären 150 Euro fällig, wegen „unzulässiger Gruppenbildung“. Der Wirt müsste mindestens 500 Euro bezahlen, weil er trotz Lockdown seine Kneipe betreibt – vielleicht noch mehr.

Das Leipziger Ordnungsamt kontrolliert im Rahmen einer täglichen Streife, ob die Schließung von Einrichtungen eingehalten wird. Aber es kommen weder Amt noch Polizei. Sie kamen nie. Dabei ist der Biergarten, so viel darf man sagen, für jeden Passanten, der daran vorbeiläuft, gut einsehbar. Wer will, kann hier einfach reinkommen und ein Bier bestellen. Einige Nachbarn dürften das alles mitbekommen. Hat da, all die Monate, nie jemand die Polizei gerufen? „Nein“, sagt der Wirt. „Vielleicht haben wir Glück, dass wir im Süden sind. Die Leute hier haben nicht gerne die Polizei in ihrem Viertel.“

0:3 zur Pause rührt niemanden

Auf einem Fernseher laufen im Berliner Olympiastadion die beiden Mannschaften ein. Ein Kommentator bedauert, dass immer noch keine Fans ins Stadion dürfen. In dem Biergarten im Leipziger Süden klirren die Gläser. „Ich krieg noch drei Schnäpse“, sagt ein Mann in Jeansjacke. „Ist doch schön, dass wir hier sein können“, sagt ein anderer.

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Drei Tore gegen RB Leipzig in der ersten Halbzeit. Der Biergarten nimmt sie ungerührt zur Kenntnis. Eine Frau, die an der Wand lehnt, sagt: „Ich glaube der Autokorso löst sich langsam auf, oder?“ Noch mal: Corona? „Wir sind doch draußen“, sagt die Frau.

Als im November 2020 mit dem „Lockdown Light“ deutschlandweit alle Bars und Kneipen schließen mussten, ließ der Wirt im Leipziger Süden einfach offen. Warum? Im ersten Lockdown, erzählt er, habe er Essen zum Mitnehmen angeboten. „Das haben die Leute gemacht“, sagt er. „Aber den zweiten Lockdown hat niemand mehr verstanden.“ Er bot wieder Essen to-go an, aber seine Stammgäste setzten sich einfach weiter an seinen Tresen. Sollte er sie wegschicken? Manche fingen nun an, sich bei ihrem Wirt über die Corona-Regeln zu beschweren. Darüber, dass sie das nicht verstünden. Der Wirt der Kneipe im Leipziger Süden hätte sie nun fortschicken können. Stattdessen schenkte er ihnen Bier aus. Woche für Woche, im November, im Dezember, bis heute. Erst drinnen. Dann, im Frühjahr, auch draußen. Einfach, weil es ging.

"RB ist nicht Leipzig"

Aber war das nicht verdammt gefährlich? Oder zumindest unfair gegenüber allen, die sich wegen der Pandemie einschränkten? „Das muss jeder selbst wissen“, sagt der Wirt. Hier habe man sich seine eigenen Regeln gemacht: „Wer sich krank fühlt, kommt nicht. Wer Maske tragen will, kann das machen.“ Corona-Fälle habe es in seiner Kneipe nicht gegeben.

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Aber warum ging man dieses Risiko ein? Auch das einer saftigen Strafe? Um das zu verstehen braucht man: den Fußball. RB Leipzig liegt mittlerweile 4:1 zurück. Und daher entbrennt unter den Gästen nun eine Debatte, wie viel Leipzig überhaupt in RB Leipzig stecke. „RB ist nicht Leipzig“, sagt ein Mann, „dieser Wahnsinn ist doch viel zu weit weg.“ Der Wirt klärt auf: Viele, die hier heute ihr Bier trinken, hätten früher Fußball gespielt. Landesliga, Sachsenpokal. RB Leipzig sei für viele schon deshalb kein Leipziger Verein, weil man niemanden kenne, der je für RB Leipzig gespielt hätte.

Der letzte illegale Abend

Ein simples Gesetz: Was man nicht kennt, das gibt es nicht. So denkt man hier auch über Corona. In dem illegalen Biergarten im Leipziger Süden hat niemand Angst vor Corona, weil es niemand von ihnen hatte. Es hat auch niemand Angst vor Bußgeldern, weil sie noch niemand kassiert hat. Anderswo mag es anders gelaufen sein, aber hier war es so. Eventuell, weil es hier eine hohe Stammgäste-Quote gibt. Denn meistens sitzen hier dieselben fünfzehn bis zwanzig Gäste. Freunde treffen sie wenn dann: hier.

Am Ende des Abends hat der Verein, der sich Leipzig nennt, seine Pokalhoffnungen wieder begraben. Es war, nach sechseinhalb Monaten Lockdown, der letzte illegale Abend in dem Biergarten im Süden der Stadt: Ab Freitag darf wieder ganz legal geöffnet werden.

Ganz vorn, vor dem Fernseher, ist ein Mann an seinem Tisch eingeschlafen. Thomas heißt er, früherer Messebauer, auch er war Landesliga-Spieler. „Das habe ich ja noch nie erlebt“, sagt der Wirt. Dann streicht er seinem Stammgast fast zärtlich über die Schulter.