14. Mai 2021 / 15:31 Uhr

Pokalfinale in Berlin: Viel Symbolik – wenig Fußball-Fieber

Pokalfinale in Berlin: Viel Symbolik – wenig Fußball-Fieber

Thomas Lieb
Leipziger Volkszeitung
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Das DFB-Pokalfinale ist das bedeutendste inländische Fußballspiel. Zum zweiten Mal zog Erstligist RB Leipzig ins Berliner Olympiastadion ein. Ein Spiel, das - normalerweise - von zehntausenden Fans begleitet, bejubelt und gefeiert wird. Und ein Spiel, das von großer Symbolik bekleidet ist. Symbolik, die auch Sehnsüchte beschreiben kann. Sehnsucht, die sich auch - oder gerade - rund um die 78. Auflage dieses Endspiels finden ließ. Eine Reportage von Thomas Lieb und Dirk Knofe (Fotos).

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Leipzig/Berlin. Schlecht schlafen kann man auch zwischen Mauern aus edelstem Gestein. "Creme Royal". Der Stoff, aus dem die Fassade des Ritz Carlton am Potsdamer Platz in Berlin gebaut ist. Portugiesischer Kalkstein. Abgebaut in einem Steinbruch in Alcanede. Die Architekten des Beisheim-Centers, Hilmer & Sattler, erhielten im Mai 2005 für das architektonische Meisterwerk den Deutschen Natursteinpreis. Hinter den Creme-Royal-Fliesen liegen auch die Zimmer von Forsberg & Co. in dem Hotel, das mit seinem Art-Deco-Design die goldenen Jahre Berlins wiederspiegelt. “Eine Anspielung auf die Lage am berühmten deutschen Potsdamer Platz” - exklusiver geht’s nicht. Auf dem geschichtsträchtigen Platz stehen Donnerstagabend auch ein paar handverlesene Fans von RB Leipzig. Auf exklusive Handyvideos aus, wie die quarantänisierten Pokalhelden in den Mannschaftsbus steigen. Da stand noch nicht fest, dass die Helden dreieinhalb Stunden später Geschlagene sein würden.

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Pokalfinale? "Ach, ist heute auch noch?"

Viel Leipzig liegt an diesem Pokalfinaltag nicht in der Berliner Luft. Den Breitscheidplatz – Stätte der  Vorfreude für rot-weiße RB-Anhänger 2019, als es auch gegen die Bayern nicht reichte – haben eine Handvoll Dortmund-Fans besetzt. Wie der neunjährige Tom Holstein, der mit Stiefpapa Andreas Nickel bei Fritz-Walter-Wetter durch die Hauptstadt stapft. Der Erling-Haaland-Verehrer aus Fulda tippt ein 4:2 für den BVB, der norwegische Stürmer würde zweimal treffen ... Alles klar.

DURCHKLICKEN: Eindrücke des Pokalfinaltages in Berlin

Vor zwei Jahren tobte hier das Leben. Auf dem Breitscheidplatz neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stieg 2019 das RB-Fanfest. Zur Galerie
Vor zwei Jahren tobte hier das Leben. Auf dem Breitscheidplatz neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stieg 2019 das RB-Fanfest. ©

Im polizeilichen Infomobil des Abschnitts 25 ist man so traurig nicht, dass die Stadt an diesem Männertag nicht auch noch Gastgeber für tausende Fußballfans ist. Die drei jungen Beamten machen Bürgerarbeit aus dem Polizeibus heraus. Pokalfinale? "Ach, ist heute auch noch, ja? Stimmt, habe ich gehört irgendwo. Wer spielt da gleich ...” Das Fußballfieber ist in der Pandemie deutlich gesunken. “Die Leute fragen uns hier mehr nach dem Weg”, aber ein paar Fans habe er tatsächlich schon gesehen, sagt der Beamte. “So drei oder vier Dortmunder.”  Einer davon gerät tatsächlich kurz aus der Fassung, als er einen schwarz-gelben Bus um die Ecke kurven sieht. Bevor der Schal in die Luft gereckt und der Fan-Chorus angestimmt ist, registriert der Schwerter, dass es sich um einen Linienbus der Berliner Verkehrsbetriebe handelt ... zum Verwechseln ähnlich (“heja, heja, heja BVG ...”).



Einsamer Sänger vor dem Olympiastadion

Immerhin - leicht erhöht sind die Körpertemperaturen derer, die sich an diesem grauen Tag rund um das Olympiastadion tummeln. Die Fahrradfahr-Anfänger etwa, die die Fläche des Olympischen Platzes als Übungsparcours nutzen. Platz ist genug. Länge: 410 Meter. An der Ostseite 130, an der Westseite 100 Meter breit. Von Ost nach West eine Neigung von sieben Metern. Stellplätze für normalerweise 970 Fahrzeuge. Vielleicht 30 sind heute belegt. Vor zwei Jahren zum Pokalkracher RB Leipzig gegen FC Bayern München blieb hier keine Lücke frei. Fans überall.

Der Bus der “Holy Bulls” (offizieller Fan-Club aus Leipzig) dreht eine Ehrenrunde. Das freut den Querfurter Silvan Arndt besonders. Der RB-Fan aus Sachsen-Anhalt hat den freien Tag genutzt, um mit drei seiner fünf Töchter nach Berlin zu fahren. Silvan redet wie ein Wasserfall. “Zu jedem Auswärtsspiel ... vor zwei Jahren auch hier ... so geil. Und heute – naja, Pandemie ist Pandemie.” Arndt hat gerade einen neuen Fanverein gegründet - "Die 12er Bullen”. In Anlehnung an den zwölften Mann. Und dann tut er das, was er anderthalb Jahre nicht machen konnte. Zwei, drei Handgriffe später ist die Fanfahne aufgespannt. Mit ihr schüttelt Silvan Arndt einen Enthusiasmus vors Haupttor, dass man denken könnte, der Mann wähnt sich direkt an seinem Stammplatz im Sektor B der Leipziger Arena. Die Töchter Mia, Julienne und Leonie supporten den Vater nach Kräften “Einmal Leipzig, immer Leipzig ...” Sogar eine Mittfünfzigerin in BVB-Outfit lacht und klatscht. Die graue Realität - kurz vergessen.

Nagelsmann ohne mystischen Draht

Der DFB-Pokal wird seit 1935 ausgetragen – als Wettbewerb für deutsche Vereinsmannschaften. Zwischen 1934 und 1936 wird unter Leitung der Architekten Werner March und Friedrich Heinrich Wiepking-Jürgensmann der Olympische Platz gestaltet - im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 1936. Seit 1985 wird das Pokalfinale im Berliner Olympiastadion ausgetragen. Das Spiel am Donnerstag war das 78. Finale in der Geschichte, die ihre Unterbrechung mit dem Zweiten Weltkrieg erleben musste. RB Leipzig, einer von zwei Erstligisten aus dem Osten Deutschlands, steht das zweite Mal auf diesem Grün. Das erste Mal ohne Zuschauer. Auf dem Potsdamer Platz in Sichtweite der RB-Residenz mit Creme-Royal-Fassade stehen noch Mauerteile aus einem ganz anderen Stoff. Fertigbeton. Landwirtschaftliche Fertigteile, wie sie als Lagerwände für Stallmist Verwendung finden. Die Gedenkstätte “Berliner Mauer”! Auch eine dieser geschichtsträchtigen Plätze, die an einem DFB-Pokalfinaltag Randnotizen bleiben. Die alle in eine Epoche gehören. Und alle etwas von einer Sehnsucht der Ostdeutschen erzählen könnten, dass es an diesem Abend doch mal was werden könnte - mit einem Triumph.

RB Leipzigs Fans warten vor dem Ritz Carlton auf die Mannschaft

Findet DFB-Ordner Werner Schlag auch. Der Mann ist eingesperrt. Er steht hinterm Gitter am Eingang zur Südkurve. Er besänftigt ein paar BVB-Anhänger, die das Schicksal der Terminierung dieses Spieltages zu treffen schien: Pokalfinale und Männertag – manche feiern die Feste, wie sie fallen. “Ich fände es schön, wenn es für die Leipziger Mannschaft mal reicht. Die spielen tollen Fußball und Dortmund hat ja schon ein paar Pokale im Schrank. Außerdem gönne ich es auch mal den Sachsen.” Ob Werner Schlag die aus der Geschichte keimende Sehnsucht ahnt? Normalerweise könne das Stadion besichtigt werden. Zurzeit gehe das natürlich nicht. Stattdessen werde viel gebaut. Der obere Teil des Olympischen Glockenturmes an der Südseite ist eingerüstet.  Man sagt dem Klang der Glocken nach, dass er uns vor allem Negativen, sogar vor bösen Geistern und Dämonen beschützt. Dieser mystische Draht blieb Nagelsmann zum Pokalfinale verwehrt. Die olympische Glocke läutet nicht, steht stattdessen im Berliner Regen auf dem Boden gleich neben Werner Schlag.

Held Haaland

RB-Stadionsprecher Tim Thoelke gibt vor dem Ritz Autogramme. Drinnen findet gerade die Mannschaftsbesprechung statt. Es ist 18 Uhr. Silvan Arndt aus Querfurt wartet am Stadion. Hält die Fahne hoch. Manuela Brauckmann und Heike Storkmann aus Hagen im Dortmunder Süden haben jetzt ihre Corona-Schnelltests gemacht, nachdem sie den ganzen Tag in der Stadt schwarz-gelbe Aufkleber verteilt haben: “Füttert den Elch #09” - die Hagener Hommage an Haaland. Jetzt wollen die Dortmunder Mädels, wie sie sich selbst nennen, das Spiel beim Cousin in Berlin schauen. Tom Holstein, der Neunjährige aus Fulda, friert am Stadion und wird nicht viel davon zu sehen bekommen, wie der Norweger gleich den Ronaldo an der Eckfahne mimt und dem am späteren Abend sogar ein Ausrutscher im Berliner Rasen als Brillanz attestiert wird. Ein Ausrutscher mit Folgen eben.

Heike Storkmann ist erkennbar Fan des BVB-Stürmers Erling Haaland, trägt seine Nummer auf ihrer Mütze.
Heike Storkmann ist erkennbar Fan von BVB-Stürmer Erling Haaland, trägt seine Nummer auf ihrer Mütze. © Dirk Knofe

Am Ritz postieren sich drei Mannschaftsbusse. Poulsen, Forsberg, Kampl und ein paar andere klettern lässig und mit Maske hinein. Man sieht nicht, ob sie freundlich zu den Fans schauen oder verkrampft. Start 18.59 Uhr. Um 19.09 umkurvt die RB-Kolonne die Siegessäule. Dass die ganze Symbolik des Tages am Ende kein Omen – kein gutes jedenfalls - sein würde, steht erst später fest. Die Beamten aus dem Infomobil von Abschnitt 25 haben Feierabend. Das Spiel werden sie sich nicht anschauen. Dafür aber Henri (11) aus Berlin. Der darf ausnahmsweise länger aufbleiben und seiner Lieblingsmannschaft zujubeln. Eine klare Arbeitsanweisung hat er den BVB-Stars ans Südtor geheftet: “Haut Sie weg! Euer Henri”. Botschaft angekommen und umgesetzt. Die Borussen gewinnen 4:1 (3:0).