26. Mai 2021 / 15:17 Uhr

Porträt: Jens Härtel – der Trainer, der Hansa Rostock zurück in die 2. Liga führte

Porträt: Jens Härtel – der Trainer, der Hansa Rostock zurück in die 2. Liga führte

Sönke Fröbe
Ostsee-Zeitung
Hansa-Trainer Jens Härtel 
Jens Härtel - der Trainer, dank dem der FC Hansa Rostock wieder in der 2. Bundesliga mitspielt. © dpa
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Mit großer Ruhe, Sachlichkeit und Disziplin hat Fußballtrainer Jens Härtel den FC Hansa Rostock nach tristen Jahren auf Erfolgskurs getrimmt. Von seinem Amtsantritt bis zum Aufstieg dauerte es zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit krempelte der Sachse die Rostocker Mannschaft komplett um und wurde zum Gesicht und zur Stimme des Koggenklubs. So tickt Jens Härtel.

​Sein Start bei Hansa war ungewöhnlich: Nachdem Jens Härtel im Januar 2019 seinen ersten Vertrag in Rostock unterschrieben hatte, musste der Trainer seiner neuen Mannschaft erst mal tausende Kilometer hinterher reisen. Im Trainingscamp an der türkischen Riviera machte er Bekanntschaft mit den Spielern bei seinem neuen Arbeitgeber. Der sehnte sich nach turbulenten Jahren vor allem nach zwei Dingen: Kontinuität und Erfolg. Härtel sollte Ruhe in den daueraufgeregten Verein bringen, der durch den Doppelrauswurf von Pavel Dotchev und Manager Markus Thiele gerade einen Rückfall in überwunden geglaubte Hire-and-fire-Zeiten erlebte.

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Härtel brachte Sachlichkeit zu Hansa Rostock

Der erste gebürtige Sachse auf der Trainerbank des FC Hansa nach der Wende brachte die Sachlichkeit zurück in den Klub. Einen Chefcoach mit Klemmbrett auf dem Trainingsplatz hatten die Rostocker Profis schon lange nicht mehr gesehen. Die unmissverständliche Botschaft seines Premierenauftritts: Der neue Mann hat einen klaren Plan. Die Profis in Belek staunten jedenfalls nicht schlecht über den neuen Chef, der ihnen vom ersten Training an einiges abverlangte. „Viele neue Informationen“ habe man bekommen, ließ einer der Profis schon nach der ersten Übungseinheit sichtbar beeindruckt wissen.

Härtel forderte viel von seinen Spielern, manche konnten seine Ansprüche nicht erfüllen. Von den Profis, die im Winter 2019 bei seinem Amtsantritt dabei waren, wurden bis zum Aufstieg fast alle aussortiert oder sie verließen Hansa auf eigenen Wunsch. Der Trainer gestaltete den Kader zusammen mit Sportchef Martin Pieckenhagen in zwei Jahren nach seinen Vorstellungen komplett um. Nur eine knappe Hand voll Profis ist den ganzen Weg mitgegangen: Julian Riedel, Pascal Breier, Lukas Scherff und Max Reinthaler waren schon bei Härtels Start in Belek dabei. „Mentalität schlägt Qualität“ ist ein Satz, den der Trainer häufiger sagt und der bei seiner Personalakquise schon immer eine Rolle spielte.„Wir sind ein richtig eingeschworener Haufen, das ist unser großes Plus“, sagt der Trainer über sein Aufstiegsteam.

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„Er ist extrem akribisch, unglaublich detailversessen“

Geradlinigkeit, Ehrgeiz, Disziplin und Fleiß sind herausragende Eigenschaften Härtels, die ihm Wegbegleiter bescheinigen. „Er ist extrem akribisch, unglaublich detailversessen“, sagt etwa Klubchef Robert Marien. Er sei „ruhelos am Tüfteln“, ergänzt Pieckenhagen, der von Anfang an geräuschlos mit dem Coach zusammenarbeitet: „Er ist ein sehr strukturierter Trainer und Mensch, der den Jungs klar sagt, was er von ihnen erwartet.“ Härtel gilt als Perfektionist, wenn es darum geht, sein Team auf den nächsten Gegner vorzubereiten.

Er sei „schon immer ein Fan“ von Härtel gewesen, sagt der einstige Hansa-Profi und -Manager René Rydlewicz: „Schon zu der Zeit, als er noch bei RB Leipzig in der Nachwuchsabteilung als Trainer gearbeitet hat.“ Es war Ralf Rangnick, der Härtel 2013 zu den „Roten Bullen“ holte. „Er ist keiner, der sich selbst auf die Schulter klopft oder feiernd durch die Gegend rennt“, sagt René Rydlewicz.

Kein Menschenfänger, aber die Ergebnisse sprechen für sich

Taktische Disziplin, aggressives Pressing, eine gut organisierte Defensive und schnelles Umschaltspiel sind für den einstigen Verteidiger Härtel (91 Zweitligaspiele für Zwickau und Babelsberg) die Grundlagen für sportlichen Erfolg. Mitreißender Fußball kommt dabei nur selten heraus, aber die Ergebnisse geben dem Trainer recht. „Er ruht in sich, das ist in dieser aufgeregten Liga ganz wichtig“, sagt der ehemalige Hansa-Profi Stefan Böger und hebt Härtels beständige Sachlichkeit hervor. „Das strahlt er aus, und das färbt auf die Mannschaft ab.“

Jens Härtel ist kein Menschenfänger, wie etwa sein Vorgänger Pavel Dotchev oder früher Frank Pagelsdorf, unter dem der Defensivspezialist in den neunziger Jahren bei Union Berlin trainierte. Der Vater von zwei erwachsenen Söhnen gilt als ruhig, besonnen und eher introvertiert, lachend sieht man ihn nicht so oft. Durch seine fußballerische Expertise und sein unaufgeregtes Auftreten hat er sich in Rostock viel Respekt erarbeitet. Auch bei denen, die den Sachsen nicht sofort mit weit offenen Armen empfingen und ihm stattdessen eher mit einer Portion Skepsis begegneten. Manche brauchten etwas länger, um mit dem gebürtigen Rochlitzer warm zu werden, der in der Nähe von Potsdam zu Hause ist.

So war es auch beim 1. FC Magdeburg, den der Trainer nach anfänglichen Schwierigkeiten von der Regionalliga bis in die 2. Liga führte. Dort ließ man ihn machen, obwohl sich der Erfolg nicht sofort einstellte. Dass die Verantwortlichen nach dem Aufstieg in die 2. Liga dann doch ziemlich schnell die Geduld verloren, als der Neuling unter dem langjährigen Trainer von den ersten 13 Spielen nur eins gewann, dürfte bei Härtel eine kaum verheilte Wunde hinterlassen haben.

Mit Hansa soll in der nächsten Saison alles anders werden. Das Ziel des Koggenklubs ist es, sich nach fast einem Jahrzehnt Abstinenz wieder im Unterhaus zu etablieren. Mit Jens Härtel und mit Kontinuität. Der bald 52-jährige Fußballlehrer will im zweiten Anlauf beweisen, dass er nicht nur „für die 3. Liga der Beste ist“ – wie Hansas ehemaliger Verteidiger Maximilian Ahlschwede jüngst befand –, sondern dass er auch 2. Liga kann. „Ich traue ihm zu, dass er auch dort besteht“, sagt Rydlewicz.


Schon jetzt hat Härtel Beachtliches geschafft: Er reiht sich ein in den sehr exklusiven Zirkel der Rostocker Aufstiegstrainer nach der Wende mit Uwe Reinders (1991), Frank Pagelsdorf (1995, 2007) und Peter Vollmann (2011). Hansas erst vierter Aufstiegscoach gilt nicht nur als Vater des Erfolgs, seit mehr als zwei Jahren ist der Sachse auch die Stimme und das Gesicht des FC Hansa.

Impressionen vom Aufstiegstag des FC Hansa gegen den VfB Lübeck:

Feiert mit den Fans: Hansas Aufstiegsmannschaft. Zur Galerie
Feiert mit den Fans: Hansas Aufstiegsmannschaft. ©

Die Rollenverteilung zwischen Cheftrainer Härtel und Sportvorstand Pieckenhagen ist klar – und funktioniert

Neben dem Trainingsalltag und dem eng getakteten Spielbetrieb erledigt Härtel auch den Großteil der von ihm nicht sonderlich geliebten Medienarbeit, die mit der Rückkehr in die 2. Bundesliga noch deutlich zunehmen wird. Martin Pieckenhagen wirkt im Hintergrund, bei Pressekonferenzen tritt der ehemalige Torwart kaum in Erscheinung. Doch die Rollenverteilung zwischen Cheftrainer und Sportvorstand funktioniert. Beide ziehen an einem Strang, Meinungsverschiedenheiten werden intern ausgetragen.

Neben dem Trainingsalltag und dem eng getakteten Spielbetrieb erledigt Härtel auch den Großteil der von ihm nicht sonderlich geliebten Medienarbeit, die mit der Rückkehr in die 2. Bundesliga noch deutlich zunehmen wird. Martin Pieckenhagen wirkt im Hintergrund, bei Pressekonferenzen tritt der ehemalige Torwart kaum in Erscheinung. Doch die Rollenverteilung zwischen Cheftrainer und Sportvorstand funktioniert. Beide ziehen an einem Strang, Meinungsverschiedenheiten werden intern ausgetragen.