19. Juni 2021 / 09:57 Uhr

Portugiesische Fans vor Deutschland-Spiel: "Falls wir ein Tor schießen, machen wir hinten dicht"

Portugiesische Fans vor Deutschland-Spiel: "Falls wir ein Tor schießen, machen wir hinten dicht"

Georg Faur
Leipziger Volkszeitung
Zum EM-Auftakt feierten die Portugiesen einen 3:0-Sieg gegen Ungarn.
Zum EM-Auftakt feierten die Portugiesen einen 3:0-Sieg gegen Ungarn. © Getty Images
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Ein neues Gefühl für die Portugiesen: Sie gehen als Titelverteidiger in ein Großturnier. Euphorisiert der Gewinn der EM 2016 noch immer? SPORTBUZZER-Reporter Georg Faur lebt zwischen Lissabon und Porto und hat vor dem Duell gegen Deutschland mit zwei portugiesischen Fans über Fußballleidenschaft, die Rolle Cristiano Ronaldos und die Aufgabe gegen die DFB-Elf gesprochen.

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Lissabon. Eigentlich könnten die beiden (fußballerisch) nicht unterschiedlicher sein: Pedro Varela (45) ist der Gastgeber des ersten clubbezogenen Podcasts in Portugal („Sporting160“) und glühender Fan des amtierenden Meisters Sporting CP. Diogo Carrascos (20) Herz gehört, seit er denken kann, dem Stadtrivalen und Rekordchampion SL Benfica. Aber: „Wenn Portugal spielt, dann hat man ein gemeinsames Ziel und alle tun sich zusammen. Da geht es dann nicht mehr um die Vereine“, sagt Varela, der bei einer IT-Firma in Porto arbeitet.

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Mehr als nur Cristiano Ronaldo

Mit ihren Landsmännern und -frauen teilen sie eine Leidenschaft: den Fußball. „Es ist einfacher jemanden zu finden, der Fußball mag, als jemanden, der sich nicht dafür interessiert“, schätzt Carrasco, der Student in Lissabon ist, ein. Varela weiß aber nicht, „ob sie den Fußball oder ihre Clubs mehr lieben. Rund 90 Prozent supporten Benfica, Sporting oder Porto. Und sie lieben es zu gewinnen, auch bei Länderspielen“. Bei der Europameisterschaft 2016 gelang Portugal der ganz große Wurf: Mit 1:0 entschied die Seleção um Superstar Cristiano Ronaldo das Finale gegen Gastgeber Frankreich für sich und holte damit den ersten großen Titel des Verbandes. Zehn Millionen Menschen waren in Ekstase.

Eine Ekstase, die sich auf das Turnier 2021 überträgt? „Ja, es gibt eine gewisse Vorfreude, aber nicht nur weil man amtierender Titelträger ist“, glaubt Varela. Man sei überzeugt, dass das Team bei der laufenden EM besser ist als 2016. Innenverteidiger Rúben Dias wurde zum Spieler der Saison in England gewählt. ManCitys Trainer Pep Guardiola lobt Offensivspieler Bernardo Silva über den grünen Klee und Bruno Fernandes hatte mit 29 Torbeteiligungen den Hauptanteil an Manchester Uniteds Vizemeisterschaft. Und dann wäre da noch ein gewisser Cristiano Ronaldo. „Wir hatten damals ein Team, das sich auf ihn konzentriert hat. Jetzt haben wir mehrere Spieler auf sehr hohem Niveau“, sagt Varela. Auch Carrasco sieht das so und ergänzt: „Wenn uns was davon abhalten könnte, den Titel erneut zu holen, dann das Spiel auf Ronaldo zuzuschneiden“.

Aber nicht nur außerhalb des Landes am Südwestrand Europas ist aufgefallen, dass der Titelgewinn vor fünf Jahren in Frankreich etwas schmeichelhaft war. „Damals haben wir mit viel Glück gewonnen“, sagt Varela und glaubt nicht, dass sich das Glück in diesem Jahr fortsetzt.

Pedro Varela (l.) und Diogo Carrasco blicken gespannt auf die EM-Partien ihrer Portugiesen.
Pedro Varela (l.) und Diogo Carrasco blicken gespannt auf die EM-Partien ihrer Portugiesen. © Getty Images / Privat

Warum so konservativ?

Oder doch? Beim Auftaktspiel gegen Ungarn ließen die Portugiesen zunächst über 80 Minuten vieles davon vermissen, was einen Europameister auszeichnet. Die Herangehensweise von Trainer Fernando Santos sorgte bei den Anhängern und Diogo Carrasco schon im Vorfeld für Sorgenfalten: „Ich glaube, die Leute haben sich teilweise nicht so sehr auf das Turnier gefreut, weil sie wussten, dass er seinen konservativen Spielstil durchziehen würde“. So kam es auch gegen die Magyaren: „Ich verstehe nicht, warum man gegen einen Gegner, von dem man wusste, dass er defensiv agieren würde, mit Danilo Pereira und William Carvalho zwei Sechser einsetzt“, moniert Varela.

Erst ab der 81. Minute kamen Renato Sanches und André Silva aufs Feld „und plötzlich gewinnst du das Spiel mit 3:0. So wie wir die letzten zehn Minuten gespielt haben, könnten wir das ganze Turnier über agieren“, ist sich Carrasco sicher. Varela sieht darin eine Bestätigung dafür, dass das Team besser geworden ist: „Du kannst jetzt Spieler von der Bank bringen, die das Niveau nicht nur halten, sondern sogar verbessern“.

Zwei Tipps auf Sieg

Was sich gegen Deutschland ändern muss, scheint also klar zu sein. Aber: „Wir werden wieder defensiv agieren. Deutschland braucht den Sieg, wir lediglich einen Punkt, um weiterzukommen. Falls wir ein Tor schießen, machen wir hinten dicht“, denkt Carrasco. Für Varela wird es ein Spiel gegen eine deutsche Mannschaft, „die man nie abschreiben darf und die für mich in den erweiterten Favoritenkreis gehört. Deutschland ist eben Deutschland“.

Und auch wenn der letzte Sieg Portugals gegen die DFB-Elf aus dem Jahr 2000 datiert, glauben die beiden trotzdem an einen Sieg der Grün-Roten: Varela tippt auf ein 2:1, Carrasco auf ein 1:0. Na dann, auf ein gutes Spiel. Que vença o melhor!