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Schulsport in der (Corona-)Krise: "Nur ein Drittel bewegt sich außerhalb der Schule"

Andreas Neustadt
Peter Pattke ist Präsident des Sächsischen Sportlehrerverbandes. © SLV Sachsen

Bewegungspausen statt Sportunterricht: Wir haben mit Peter Pattke, Präsident des Sächsischen Sportlehrerverbandes, gesprochen. Der 50-Jährige äußert sich über bürokratische Hürden digitaler Angebote, wie sich der Sportunterricht in den letzten Jahren verändert hat und warum Sport immer noch das beliebteste Schulfach ist.

Landkreis Leipzig. Durch die coronabedingten Schulschließungen haben Sachsens Schülerinnen und Schüler in allen Fächern Defizite aufgebaut. Doch während in Mathe, Deutsch und Fremdsprachen über das Homeschooling wenigstens etwas Wissen vermittelt werden konnte, fiel der Sportunterricht in den meisten Schulen ersatzlos aus – und das über Monate. Der SPORTBUZZER hat mit Peter Pattke, dem Präsidenten des Sächsischen Sportlehrerverbandes, über die Auswirkungen der beiden Lockdown-Phasen und Veränderungen im Sportunterricht gesprochen. Der 50-Jährige ist gleichzeitig Sport- und Geschichtslehrer am Beruflichen Schulzentrum 1 Wirtschaft und Verwaltung in Leipzig.

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SPORTBUZZER: Was ist aktuell im sächsischen Schulsport möglich?

Peter Pattke: Aktuell ist das Ganze ein riesiger Flickenteppich. Die Grundschulen sind bis heute ohne Sportunterricht und – was viel schlimmer ist – ohne Schwimmunterricht. Das einzige was hier derzeit möglich ist, sind sogenannte Bewegungspausen. Dabei fällt aber jegliche motorische Ausbildung flach. In den weiterführenden Schulen ist Sport unter Einhaltung der Corona-Regeln möglichst im Freien und kontaktarm möglich. Aber es gibt keine klaren Regeln. Es steht und fällt alles mit dem Engagement der Lehrer und der jeweiligen Gegebenheiten. Eine Umfrage des Verbandes hat ergeben, dass derzeit etwa 50 Prozent der Schulen ansatzweise Sportunterricht anbieten. Das Schlimmste ist, dass es aktuell keine Perspektive gibt, wie es weitergeht. Weder für Schülerinnen und Schüler noch für die Lehrerinnen und Lehrer gibt es derzeit klare und vor allem praktikable Regeln. Auch die Schulleitungen sind hilflos.

Digitalunterricht ist seit Beginn der Corona-Pandemie das große Zauberwort. Ist das im Sportunterricht überhaupt möglich und praktikabel?

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Es gibt in Sachsen einige tolle digitale Angebote von engagierten Lehrern, um die Schülerinnen und Schüler zum Sportunterricht zu animieren. Dabei gibt es aber aktuell eine große Diskussion, inwieweit diese Angebote versicherungstechnisch abgesichert sind. Das ist typisch für Deutschland und wirklich schade. Denn das bedeutet gleichzeitig: Wer sich Gedanken macht, bekommt durch bürokratische Hürden Knüppel zwischen die Beine geschmissen.

Was macht der fehlende Sportunterricht mit den Schülerinnen und Schülern?

Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten immer mehr eine depressive Grundhaltung bei den Schülerinnen und Schülern erkannt. Dazu greift eine Perspektivlosigkeit um sich, außerdem ist durch das Homeschooling das digitale Abtauchen extrem. Die Folgeschäden werden sich in den kommenden Jahren zeigen. Ich bin selbst ein Freund des Digitalen, aber es muss einen Ausgleich geben. Den gibt es derzeit in der Schule nicht. Auch als Lehrer muss man übrigens aufpassen, sich von der aktuellen Stimmung nicht runterziehen zu lassen, denn der Sportunterricht steht und fällt mit dem Engagement der Lehrer. Das gilt in der Corona-Zeit noch mehr als sonst.

Welche Auswirkungen hat das konkret?

Die Zahlen, die wir aktuell schon haben, sind wirklich ernüchternd. Daraus geht hervor, dass tatsächlich nur der Schulsport ‚alle bewegt‘. Nur ein Drittel der Schülerinnen und Schüler bewegt sich auch außerhalb der Schule aktiv – und diese Zahl geht immer weiter zurück. Das zeigen verschiedene Studien. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 45 Minuten Bewegung am Tag als Richtwert. Dieser Wert wird in Deutschland von nicht einmal 20 Prozent erreicht. Das sieht man vielen Schülerinnen und Schülern auch an. Das ist ein Teufelskreis. Dazu kommt, dass das motorische Lernen immer weiter zurückgedrängt wird, so dass immer mehr Grundeigenschaften verloren gehen. Wenn man sich anschaut, wie viele Grundschüler heute noch einen Purzelbaum können, ist das wirklich verheerend. Wie in vielen anderen Bereichen hat die Coronakrise auch bei uns viele Grundprobleme schonungslos offengelegt.

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Welche Grundprobleme sind das?

Neben der ohnehin zu wenigen Bewegung der Kinder und Jugendlichen setzt die Politik auch noch die falschen Zeichen. Immer wieder wird die dritte Sportstunde in Frage gestellt. Hier gab es vor zwei Jahren eine Petition von uns, die überaus erfolgreich war. Diese hat dazu geführt, dass das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Ein weiteres Problem, das in Großstädten noch deutlich größer als in kleineren Kommunen ist, sind fehlende Sportstätten. Das wirkt sich natürlich auch auf den Schulsport aus. In Leipzig fehlen zum Beispiel extrem viele Sporthallen. Hier wurde der Sportstättenneubau 15 Jahre verschlafen. Da waren beispielsweise Dresden oder Chemnitz schneller. Das Problem wurde nun endlich auch in Leipzig erkannt, aber die Welle ist natürlich trotzdem noch da. Priorität hat aber nach wie vor der Neubau von Schulen, Sporthallen sind hier eher (noch) Beiwerk.

Wie sieht aus Ihrer Sicht ein moderner Sportunterricht aus?

Das ist ein spannendes Thema, das uns immer wieder beschäftigt. Der Sportunterricht hat aus meiner Sicht drei Komponenten: Leistung, Soziales sowie persönliche Entwicklung und Motivation. Ich persönlich könnte auch gut damit leben, wenn man die Noten für bestimmte Leistungen abschafft. Ich möchte niemanden bewerten, sondern ein Feedback geben, um weiter an den Schwächen zu arbeiten. Strenge Leistungskontrollen sind aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß. Aber wir leben in einer Noten-Hierarchie. Nur dort, wo eine Note dahintersteht, ist etwas wichtig. Wenn man dem Sportunterricht die Noten nimmt, besteht die Gefahr, dass man den Sportunterricht ganz abschafft. Die Noten sind leider die Daseinsberechtigung für den Sportunterricht. Guter Sportunterricht soll freudbetont, abwechslungsreich und sozial verbindend sein. Er sollte so gestaltet sein, dass wirklich jeder abgeholt werden kann – egal wie gut er oder sie ist. Das funktioniert im Sport deutlich besser als in anderen Fächern.

Wie hat sich der Sportunterricht in den letzten Jahren verändert?

Der Sportunterricht sieht heute tatsächlich ganz anders aus als vor 20 oder 30 Jahren. Es ist eine generelle Tendenz zur Verspielung zu sehen. Es geht heute darum, vielfältige Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen. Da kommt mir teilweise die Ausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten zu kurz. Die Leistungskomponente ist klar in den Hintergrund gerückt – und das zu Recht. Wir wollen schließlich keine Olympiasieger züchten. Uns geht es darum, die Lust an der Bewegung zu fördern und die Jungen und Mädchen für den Sport zu begeistern – möglichst auch über die Schule hinaus.

Viele Vereine klagen über fehlenden Nachwuchs. Wie kann der Sportunterricht dabei helfen?

Schülerinnen und Schüler müssen wieder von den Vereinen gesichtet werden. Da hat sich in den vergangenen Jahren aus der Not geboren schon einiges getan. Das ist aber eher noch die Ausnahme. Leider gibt es immer weniger Sportlehrer, die sich auch in Vereinen engagieren. Dadurch fehlen die Verbindung und auch die Kommunikation zwischen Verein und Schule. Die steht und fällt vor allem mit dem Engagement der Eltern.

Welche Bedeutung hat der Sportunterricht eigentlich für die Schülerinnen und Schüler selbst – unabhängig von Corona?

Der Sportunterricht hat nach wie vor eine große Bedeutung, das hat sich nicht verändert. Bei Umfragen ist Sport immer noch das beliebteste Fach – und das aus gutem Grund. Sport ist im positiven Sinne eine Entlastung für die Schülerinnen und Schüler. Deshalb müssen wir auch alles dafür tun, dass er bald wieder möglich ist.

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