11. Oktober 2020 / 12:17 Uhr

Pro und Contra: Hamilton kann Schumacher einholen – ist er der beste Fahrer der Formel-1-Geschichte?

Pro und Contra: Hamilton kann Schumacher einholen – ist er der beste Fahrer der Formel-1-Geschichte?

André Batistic und Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lewis Hamilton und Michael Schumacher - wer ist der beste Rennfahrer der Formel-1-Geschichte?
Lewis Hamilton und Michael Schumacher - wer ist der beste Rennfahrer der Formel-1-Geschichte? © Getty
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Heute könnte Lewis Hamilton auf dem Nürburgring seinen 91. Grand-Prix-Sieg feiern - und damit zur Bestmarke von Michael Schumacher aufschließen. Macht ihn das zu einem genauso großen Rennfahrer wie den deutschen Rekordweltmeister? Die SPORTBUZZER-Redakteure Sönke Gorgos und André Batistic diskutieren.

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PRO: Hamilton ist Schumacher in Manchem sogar voraus

von SPORTBUZZER-Redakteur Sönke Gorgos

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Um es gleich deutlich zu sagen: Ich bin wie so viele andere Menschen wegen Michael Schumacher zum Fan der Formel 1 geworden und deshalb unverdächtig, dessen Leistungen in irgendeiner Weise schmälern zu wollen. Schumacher ist eine Legende des Sports, und bleibt mit seiner Mischung aus naturgegebenem Talent und eiserner Disziplin einer der Größten aller Zeiten. Dennoch muss man ganz objektiv feststellen: Lewis Hamilton agiert mit „Schumi“ schon seit geraumer Zeit auf Augenhöhe – nicht nur, was die Zahl der Grand-Prix-Erfolge und der Weltmeister-Titel betrifft. Sondern auch in puncto Talent, Ehrgeiz und Beständigkeit. Auch er ist ein herausragender Botschafter des Motorsports geworden; vielleicht sogar ein besserer als Schumacher, mit dem er nach dieser Saison wohl nicht nur nach Siegen, sondern auch nach WM-Titeln gleichziehen wird.

Sowohl Hamilton als auch Schumacher sind brillante Piloten; gesegnet nicht nur mit dem jeweils um Längen besten Auto, sondern auch mit unglaublichen strategischen und fahrerischen Fähigkeiten. Man stelle sich die beiden im direkten Duell vor – auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. „Wären Michael und Lewis gleich alt und zur gleichen Zeit im gleichen Team gefahren, hätte die Motorsportwelt einen Wettbewerb erlebt, der alles da gewesene hätte blass aussehen lassen“, hat mir der frühere Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug kürzlich im SPORTBUZZER-Interview gesagt. Haugs Urteil hat ein besonderes Gewicht, denn er hat beide Weltklasse-Piloten zu Beginn ihrer Karrieren gefördert und auch später stets intensiv begleitet. Seine Meinung ist ganz klar: der Brite stünde dem Deutschen in nichts nach.

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In einem engen Rennen der beiden Top-Stars ihrer Zeit gibt für mich ein Aspekt den Ausschlag für Hamilton: seine Nervenstärke, Souveränität und Coolness, mit der er auch unmöglichste Situationen immer wieder meistert. Wo Schumacher mehr als einmal seine (sehr menschliche) Emotionalität im Weg stand, bleibt Hamilton auf beeindruckende Weise immer diszipliniert der Meister seiner Sinne - wie in diesem Jahr in Silverstone, als er seinen Mercedes auf drei Rädern ins Ziel brachte und gewann. Augenblicke, die im Rückblick bar jeder Vernunft sind - man denke bei Schumacher an die fragwürdigen Crashs mit Damon Hill 1994 in Adelaide oder Jacques Villeneuve drei Jahre später in Jerez, als er 2006 in Monte Carlo die Konkurrenz im Qualifying ausbremste, indem er sein Auto auf der Strecke "parkte" oder 2010 Rubens Barrichello in einem lebensgefährlichen Manöver in Ungarn fast in eine Betonmauer drängte - sucht man in Hamiltons Biografie vergebens. Er ist unter Druck wahrscheinlich der coolste Pilot seit Ayrton Senna - und Schumacher zumindest in diesem Bereich eine Nasenlänge voraus. Nicht ohne Grund wird von der "Hammer Time" gesprochen, wenn der Brite besonders gefordert ist: Wenn der Hammer fällt und andere die Nerven verlieren, ist Hamilton zur Stelle.


CONTRA: Nein, denn Michael Schumacher überzeugte auch als Entwickler

von SPORTBUZZER-Redakteur André Batistic

Ja, Lewis Hamilton könnte am Sonntag nach Grand-Prix-Siegen mit Ferrari-Ikone Michael Schumacher gleichziehen - ja, Hamilton wird sich am Saisonende auch wie einst Schumacher seinen siebten WM-Titel sichern. Und trotzdem sind die Erfolge des Engländers und des Deutschen höchst unterschiedlich zu bewerten.

Während Hamilton 2007 seine F1-Karriere direkt beim (damaligen) Top-Team McLaren startete und sich auch bei seinem Wechsel 2013 zu Mercedes quasi ins gemachte Nest setzte, musste sich "Schumi" seinen Erfolg hart erkämpfen - und baute dank seiner akribischen Entwicklungs-Arbeit gleich drei Teams zu absoluten Dominatoren der Königsklasse auf: Erst Benetton (Wechsel 1991, WM-Titel 1994 und 1995), dann Ferrari (Wechsel 1996, WM-Titel 2000 bis 2004) und schließlich auch Mercedes (2010 - 2012). In der Anfangszeit der Stuttgarter als Werksteam legte Schumacher mit seiner Erfahrung und Expertise den Grundstein für die Mercedes/Hamilton-Dominanz der Jahre nach seinem endgültigen Karriereende 2012. Indirekt hat Hamilton seine jüngsten Erfolge also auch der deutschen Renn-Legende zu verdanken.

Wofür Hamilton nichts kann, was seine Erfolge in der Endbewertung aber doch etwas schmälert: Er wird seit Jahren nicht wirklich gefordert. Während sich Schumacher unvergessene Duelle mit Damon Hill, Jacques Villeneuve, Mika Häkkinen und später Fernando Alonso lieferte, gegen die er alle mindestens einmal eine WM verlor (es hätten durchaus mehr als sieben WM-Titel sein können), fährt der 35-jährige Brite seit Jahren aufgrund der zu starken Mercedes-Power praktisch ohne Konkurrenz. Vor allem im Teamduell wird Hamilton seit dem Rücktritt von Intimfeind Nico Rosberg nach dessen WM-Titel 2016 kaum mehr gefordert - Valtteri Bottas ist nicht mehr als ein guter Nummer-Zwei-Fahrer. Angesichts dessen sind die bald 91 Siege Hamiltons auch aufgrund des seit Jahren immer weiter aufgeblähteren Terminkalenders mit immer mehr Rennen fast schon zu wenig ...

Und wie ist eure Meinung? Wer liegt richtig? Stimmt in unserem Umfrage-Tool oben ab: Ist Lewis Hamilton, der am Sonntag mit Michael Schumacher nach Siegen gleichziehen kann, der beste Formel-1-Fahrer der Geschichte? Wir sind gespannt auf das Ergebnis!