31. Mai 2021 / 11:57 Uhr

Pro und Contra zu Pep Guardiola: Ist die heftige Kritik am ManCity-Trainer berechtigt?

Pro und Contra zu Pep Guardiola: Ist die heftige Kritik am ManCity-Trainer berechtigt?

Dennis Ebbecke und Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
ManCity-Trainer Pep Guardiola ging im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea einmal mehr leer aus.
ManCity-Trainer Pep Guardiola ging im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea einmal mehr leer aus. © Getty (Montage)
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Nach der 0:1-Niederlage gegen den FC Chelsea ist die Kritik an Pep Guardiola groß. Dem Trainer von Manchester City wird vorgeworfen, sich vercoacht zu haben - vor allem, weil er gegen die Londoner auf seine defensiven Mittelfeldspieler Rodri und Fernandinho verzichtete. Sind die Vorwürfe berechtigt, ist Guardiola gar ein Auslaufmodell, das sich selbst im Weg steht? Dennis Ebbecke und Sönke Gorgos diskutieren.

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PRO: Ja, Pep hat nicht aus seinen Fehlern gelernt - und bekommt zurecht die Quittung

von SPORTBUZZER-Mitarbeiter Dennis Ebbecke

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Pep Guardiola ist ein Trainer, der an seine Mitarbeiter den höchstmöglichen Leistungsanspruch stellt - von den Spielern über seinen Staff bis hin zu den Physiotherapeuten. Das war in seiner erfolgreichsten Zeit beim FC Barcelona so. Das war beim FC Bayern so. Und das ist bei Manchester City so. Dementsprechend muss er diese Maßstäbe auch bei sich selbst ansetzen. Der Katalane hat sich erneut in einem entscheidenden Champions-League-Spiel vercoacht - und zwar unnötigerweise.

Es gab keinen ersichtlichen Grund, warum Pep seine erfolgserprobte Meister-Taktik ausgerechnet für das große Finale über den Haufen geworfen und seinen bärenstarken defensiven Mittelfeldspieler Rodri nicht in die Startelf berufen hat. Der Ausspruch "Never change a winning team!" kommt nicht von ungefähr. Die Zeitung Sun bezeichnete diese "guardiolische Eingebung" als "eines seiner verrückten Professoren-Experimente".



Die Frage nach dem "Warum" bleibt indes unbeantwortet. Sind Ergebnisse für Pep zweitrangig, weil er in erster Linie die Entwicklung seiner Spielidee vorantreiben möchte? Sollte dem so sein, würde er sich mit dieser Einstellung in letzter Konsequenz über die Spieler, den Verein und letztlich die Fans hinwegsetzen, die lange auf diesen Moment hingefiebert haben. Ich glaube Pep, wenn er sagt, dass er mit seiner Aufstellung das Beste versucht habe. Er ist und bleibt ein Perfektionist. Ein Perfektionist, der nach nunmehr neun vergeblichen Anläufen in der Königsklasse langsam erkennen muss, dass im Fußball der Teamgedanke über allem stehen sollte. Wem wollte er mit dieser Aufstellung etwas beweisen? Sich selbst? Oder wollte er seine Liebe zum Spiel auf die Spitze treiben? Wie dem auch sei: Pep Guardiola muss jetzt seinen Spielern beweisen, dass er ihnen wirklich vertraut.

CONTRA: Pep treibt der Wunsch nach Perfektion um - gerade deshalb ist er meistens erfolgreich

von SPORTBUZZER-Redakteur Sönke Gorgos

Zugegeben, Pep Guardiola hatte schon bessere Ideen, als ein Spiel ohne defensiven Mittelfeldspieler zu bestreiten. Er hatte auch schon bessere Ideen, als Kevin De Bruyne auf der rechten Außenbahn zu verschenken, wie im vergangenen Jahr beim Viertelfinal-Aus gegen Lyon. Aber sind es nicht gerade solche (oft genug genialen) Einfälle, die ihn zu einem der am meisten verehrten Personen des Weltfußballs machen? Es klappt nicht alles, was er sich ausmalt - geschenkt. Kritik verbietet sich keineswegs. Aber Guardiola versucht stets, seinem Sport einen neuen, einen einzigartigen Farbklecks hinzuzufügen. Dass er das ungeachtet seiner Pechsträhne in der Königsklasse immer wieder probiert, nötigt mir großen Respekt ab - gerade weil es auch mal schief geht. Guardiola ist ein Genie - und die wanken nun einmal per Definition am Rande des Wahnsinns. Grundsätzlich bleibt er ungemein erfolgreich.

Es ist kein Wunder, dass Guardiola zum Fixpunkt geworden ist, der quasi alle derzeit erfolgreichen Trainer nachhaltig und maßgeblich beeinflusst hat - nicht zuletzt Thomas Tuchel, dem er einst mit Salzstreuern eine Taktik-Lehrstunde erteilte. Ohne Guardiola keine falsche Neun, keine hybriden Positionswechsel. Pep, so sagte David Alaba einmal, wirke, "als hätte er den Fußball neu erfunden". In neun von zehn Fällen gehen seine Einfälle gut, sind oft genug spielentscheidend. Ein Sieg über Guardiola ist gerade deshalb immer noch ein Ritterschlag, der wenigen vergönnt bleibt. Sein Ideenreichtum bleibt ein Schlüssel seines andauernden Erfolgs, der mit neun von zwölf möglichen Meistertiteln, fünf Pokalsiegen, usw. nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Andere Trainer seiner Generation (selbst Koryphäen wie Tuchel, Klopp, Mourinho) müssen den Beweis einer solchen "Langlebigkeit" erst noch antreten. Ganz davon abgesehen, dass auch Legenden wie Alex Ferguson, Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld die Champions League nicht häufiger als zwei Mal gewinnen konnten.

Ein letzter Punkt sei mir gestattet: In diesem Jahr hat Pep bereits zwei Mal gegen Tuchels Chelsea verloren - einmal spielte er mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Rodri und Fernandinho, beim 0:1 im FA Cup), einmal mit einem (Rodri beim 1:2 in der Premier League) - ein Versuch mit einem (oder gar beiden) wäre also ganz sicher keine Erfolgsgarantie gewesen...