13. März 2021 / 14:08 Uhr

Pro und Contra zu einem Jahr Geisterspiele: Braucht der Fußball wirklich Fans?

Pro und Contra zu einem Jahr Geisterspiele: Braucht der Fußball wirklich Fans?

André Batistic und Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Braucht der Fußball die Fans für seinen Appeal?
Braucht der Fußball die Fans für seinen Appeal? © Getty Images/IMAGO/Nordphoto (Montage)
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Genau ein Jahr ist es jetzt her, dass erstmals in der Geschichte der Bundesliga ein kompletter Spieltag wegen einer Pandemie abgesagt werden musste. Und Corona hat den Fußball weiter im Griff. Spiele ohne Fans, sogenannte Geisterspiele, sind deshalb die Regel - trotzdem rollt der Ball wie gewohnt weiter. Braucht der Fußball also Fans? André Batistic und Sebastian Harfst diskutieren.

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Pro: Fußball ohne Fans ist maximal die Hälfte wert - emotional wie finanziell

von SPORTBUZZER-Redakteur André Batistic

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Das Champions-League-Finale 2020: Der FC Bayern München sichert sich zum zweiten Mal in der Klub-Geschichte das Triple, die Spieler verfallen auf dem Platz in Ekstase - und vor dem Stadion hört man dank der Geisterkulisse, wie Autos auf einer Straße fahren. Will man das wirklich? Will man nicht, dass 80.000 Fans so laut schreien und das Stadion durch ihre Bewegungen so ins Beben versetzen, dass man als Zuschauer denkt, dass hier gerade etwas Historisches passiert ist? Eines wird nach einem Jahr Geisterspielen immer klarer: Die Emotionalität der Fans macht gerade den Reiz der schönsten Nebensache der Welt aus. Ohne Fans ist Fußball einfach nur Fußball - er braucht Fans, um ein echtes Erlebnis zu werden: für die Zuschauer im Stadion oder vor dem Fernseher - und selbst für die Spieler. Aktuell ist Fußball nur die Hälfte wert.

RB-Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann gab kürzlich nach dem Achtelfinal-Aus in der Champions League auch dem Fehlen der Fans eine Mitschuld am Ausscheiden. Der Impuls von Außen habe gefehlt, um die "zu verkopfte" Mannschaft zu pushen, beklagte der Coach. Das gleiche erlebt beispielsweise der FC Schalke 04 in regelmäßiger Form: Wäre der Klub mit einer der emotionalsten Fangruppen der Liga wirklich auch mit Fans in den Stadien so abgeschlagen Tabellenletzter? Und würde er sich auch mit ihnen im Rücken Woche für Woche auf dem Platz an die Wand spielen lassen? Es darf angesichts der emotionalen Kraft, die Fans nachgewiesenermaßen freisetzen können (siehe beispielsweise der spektakulären Aufholjagd des FC Liverpool gegen den FC Barcelona 2019) angezweifelt werden.



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Der Fußball braucht aber auch aus einem ganz simplen Grund Fans: Geld! Wegen der fehlenden Fans im letzten Drittel der vergangenen Saison (seitdem gibt es - nach kurzer Unterbrechung wegen Lockerungen zu Beginn dieser Spielzeit - Geisterspiele) sind die Ticket-Erlöse der Bundesligisten in der Spielzeit 2019/20 um ein Drittel gesunken. Fast 300 Millionen Euro der üblichen Einnahmen gingen verloren: Für die laufende Spielzeit rechnet die DFL mit einem noch größeren Minus. Gerade die Teams, die aktuell keinen Erfolg haben und daher nicht von Prämien aus Champions- und Europa League über Wasser gehalten werden, haben es schwer. Ob die Millionen-Einnahmen aus den TV-Verträgen wirklich weiterhelfen, steht in den Sternen. Auch deshalb braucht der Fußball die Fans mehr als jemals zuvor.

Contra: Im Fußball war noch nie so viel Fußball wie aktuell

von Sebastian Harfst, dem stellvertretenden RND-Sportchef

Es ist natürlich hochgradig absurd, an dieser Stelle gegen Fans in den Stadien zu argumentieren. Sie sorgen für Stimmung, für Atmosphäre und für Emotionalität. Fußball wird für die Fans gespielt, für niemand anderen. Ich bin Fußballfan - und habe mich trotzdem gern an die Bolzplatzatmosphäre bei den Spielen der Bundesliga, im Pokal und im europäischen Wettbewerb gewöhnt. Ja, ich sehe sogar so viel Fußball wie noch nie in meinem Leben. Warum? Weil im Fußball noch nie so viel Fußball war wie aktuell.

Einer gewissen Romantik, nach der sich vor der schrecklichen Pandemie so viele gesehnt hatten, entbehrt das Geisterspielgeschehen schließlich nicht. Wir Zuschauer können im Fernsehen plötzlich die Anweisungen der Trainer mithören und sind erstaunt, wie einfach diese mitunter gehalten sind. Von wegen ballferner Achter und abkippender Sechser: Die gebrüllten Mantras der Corona-Bundesliga lauten "Kein Foul!" und "Weiter! Weiter! Weiter!". Näher dran ist man nur in der Kreisliga. Aber die spielt halt im Moment leider nicht. Und der Fußball ist dort - mit Verlaub - auch nicht so schön anzusehen wie in der Champions League. Die kann man zudem bequem vom heimischen Sofa aus verfolgen, muss sich nicht unangenehm am Eingang abtasten lassen, wartet, wenn's mal pressiert, nicht auf ein viel zu enges Plätzchen an einem stinkenden Massenpissoir, braucht keine fliegenden Becher zu befürchten, aus denen das viel zu teuer verkaufte Bier die umliegenden Reihen mit klebriger Peke benetzt, und muss bei der Abreise wegen überfüllter Straßenbahnen und Zufahrtsstraßen nicht noch stundenlange Verzögerungen in Kauf nehmen.

Ich vermisse auch kein bisschen das choreografierte Triumphgeheul einiger Profis nach Toren, diese anbiedernden Jubelgesten in Richtung der eigenen Fankurve, das martialische Posieren vor dem Zaun, der die Akteure auf dem Platz von den Akteuren auf den Rängen trennt. Mir fehlt auch nicht die Verwunderung darüber, warum ausgerechnet das gesetzte Pärchen in der Reihe unter mir mit wutverzerrter Miene in diesen unsäglichen "Tod und Hass"-Schlachtruf einstimmt, wegen dem ich meinem Sohn am liebsten die Ohren zuhalten würde. Momentan gibt es gefühlt sogar auf dem Platz weniger Diskussionen - unter den Profis, mit den Schiedsrichtern. Aufgeputscht von der Emotionalität der Fans wurde früher bei fast jeder Entscheidung gemeckert. Eine Erkenntnis nach Re-Start mit Geisterspielen im Mai vergangenen Jahres: eine höhere Nettospielzeit.

Wie gesagt: Im Fußball war noch nie so viel Fußball wie aktuell.

Irgendwann werden die Fans dennoch zurückkehren in die Stadien. Das ist gut so, das soll so sein. Für sie wird, ich wiederhole mich da gern, Fußball gespielt. Doch manchmal werde ich dann trotzdem an die Zeit denken, als ein "Kein Foul!" aus den Fernsehlautsprechern eine Nähe zum Profibetrieb suggerierte, die inmitten von 45.000 Fans im Stadion verloren gehen wird. Da zählt dann wieder weniger der Fußball an sich als das Event-Gesamtpaket Profifußball. Für den muss es schließlich "Weiter! Weiter! Weiter"-gehen.