06. Juli 2020 / 14:06 Uhr

Pro und Contra: Reizvolle Idee oder ärgerlicher Bremsklotz – ist die Relegation eine gute Sache?

Pro und Contra: Reizvolle Idee oder ärgerlicher Bremsklotz – ist die Relegation eine gute Sache?

Roman Gerth und Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Bundesliga-Relegation: Fluch oder Segen? So mancher Bundesligist konnte dem Abstiegsgespenst in den vergangenen Jahren ein Schnippchen schlagen.
Die Bundesliga-Relegation: Fluch oder Segen? So mancher Bundesligist konnte dem Abstiegsgespenst in den vergangenen Jahren ein Schnippchen schlagen. © imago images/Montage
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Am Montag duellieren sich der 1. FC Heidenheim und Werder Bremen - es geht um das letzte verbliebene Ticket für die Bundesliga-Saison 2020/21. Seit elf Jahren wird dieses über die Relegationsspiele zwischen dem Bundesliga-16. und dem Zweitliga-Dritten ermittelt. Zu Recht? Roman Gerth und Sönke Gorgos debattieren.

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PRO: Ja, die Relegation hat Play-off-Charakter und ist reizvoll

von SPORTBUZZER-Redakteur Roman Gerth

Wenn an der Tabellenspitze der Bundesliga längst alles entschieden ist und auch die Europapokal-Plätze vergeben sind, geht es im Tabellenkeller oft bis zum Schluss um den rettenden Strohhalm: Platz 16 und das damit verbundene Erreichen der Relegation. Der Spannung innerhalb der Liga ist das seit 2009 wieder eingeführte Nachsitzen nur zuträglich. Kriselnde Teams können durch einen Endspurt noch die gesamte Saison retten – ein Anreiz, der sonst abgeschlagene und demoralisierte Mannschaften zu Energieleistungen bis zum Schluss antreibt.

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Und von wegen Benachteiligung der Zweitligisten, die in den vergangenen elf Jahren nur in drei Fällen den Favoriten besiegt haben. Denn: die Relegation testet den unterklassigen Verein noch einmal auf Herz und Nieren – kann er wirklich gegen ein in der Saison zuvor oft unterlegenes Bundesliga-Team überzeugen? In zwei Fällen - Nürnberg 2009 und Union 2019 – stand nach dem gelungenen Aufstieg im Vorsommer dann auch der Klassenverbleib. Testlauf erfolgreich - und dann auch über 34 Spiele in der Saison gut genug für die Liga. Nicht zuletzt, da durch Relegationsrang 16 auch nur die beiden letzten Plätze den sicheren Absturz bedeuten. So rettete sich beispielsweise Nürnberg selbst 2010 vom direkten Wiederabstieg.

Weil Auf- und Abstieg zu deutschen (und europäischen) Fußball-Ligen gehören wie der Michel nach Hamburg, liefert die Relegation außerdem zumindest einen Hauch von post-saisonaler Spannung. Das macht den Reiz aus, wenn es sonst zu Sommer-Beginn nur noch um den DFB-Pokal-Titel geht - Fußball-Fans haben länger was von der Spielzeit. Apropos Hamburg: ohne die "geliebten" Entscheidungsspiele wäre der HSV schon viel früher in der Zweitklassigkeit gelandet als 2018. Und nun wäre man dort äußerst froh darüber, den dritten Platz in der 2. Liga überhaupt zu erreichen ...

2009 wurde die Bundesliga-Relegation wieder eingeführt. Alle bisherigen Begegnungen im Überblick:

Der <b<SPORT</b>BUZZER blickt in der Galerie auf alle Relegationsduelle seit 2009. Zur Galerie
Der BUZZER blickt in der Galerie auf alle Relegationsduelle seit 2009. ©

CONTRA: Nein, die Relegation zementiert die bestehende Ordnung

von SPORTBUZZER-Redakteur Sönke Gorgos

Seit elf Jahren gibt es die Relegation wieder. Drei Mal konnte sich der Zweitligist durchsetzen - eine sehr spärliche Ausbeute, die Fragen aufwirft. Wird bei den Zweitligisten schlechter gearbeitet? Sind die Erstligisten doch viel besser als die vorangegangene Saison zeigt? Mitnichten. Die Bundesligisten haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite: mehr Geld und folglich einen besseren Kader. Es ist schon bitter, dass sich der Tabellen-16. der Bundesliga durch die Hintertür einer verkorksten Saison den Klassenerhalt sichern kann, während dem Dritten der 2. Liga, bis 2008 direkt in die Bundesliga aufgestiegen, ein dicker Brocken in den Weg gelegt wird. Machen wir uns nichts vor: die 2. Liga hat de facto einen Aufstiegsplatz verloren.

Nach dem "alten System" hätten unter anderem Ex-Meister Eintracht Braunschweig (2017) und Holstein Kiel (2018) die Bundesliga bereichern können - die Kieler wären sogar der erste Bundesliga-Klub Schleswig-Holsteins gewesen. Stattdessen rettete sich zwei Mal der zuvor mausgraue VfL Wolfsburg - der sich letztlich aber auf seinen Edel-Kader verlassen konnte. Die Durchlässigkeit zur Bundesliga, früher eine große Bereicherung, ist längst zum Problem geworden. Denn die Tür zur höchsten Spielklasse ist für Außenseiter maximal noch einen Spaltbreit geöffnet. In den vergangenen acht Jahren gelang nur Union Berlin das Husarenstück - und das auch nur, weil die Auswärtstorregel für die Köpenicker sprach.

Die bestehenden Verhältnisse werden in der Bundesliga nicht nur an der Spitze zementiert, wo der FC Bayern seit einer gefühlten Ewigkeit einsam seine Kreise zieht. Auch darunter wird es zunehmend eintönig: früher stiegen drei Vereine sicher ab, drei neue kamen hinauf. Heute sind es meistens nur noch zwei Wechsel, der Rest macht es sich angesichts immer weiter steigender TV-Einnahmen im Oberhaus gemütlich. Was entsteht, ist ein exklusiver Klub, dessen Mitglieder aus der Bundesliga nur noch durch ein Wunder herausfallen können. Die Reichen werden reicher - und der Rest ist zum Zuschauen verdammt.

Hier abstimmen: Relegationsspiele - ja oder nein?

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In den Relegationsspielen zur Bundesliga treffen in diesem Jahr Werder Bremen und der 1. FC Heidenheim aufeinander. Das Hinspiel in Bremen endete am Donnerstag 0:0, das Rückspiel findet am Montagabend (20.30 Uhr) in Heidenheim an der Brenz statt.