23. Mai 2022 / 19:27 Uhr

Pro und Contra zur Bundesliga-Relegation: Sollen die Entscheidungsspiele abgeschafft werden?

Pro und Contra zur Bundesliga-Relegation: Sollen die Entscheidungsspiele abgeschafft werden?

Roman Gerth und André Batistic
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die DFL beschloss ab der Saison 2008/09 die Wiedereinführung der Relegationsspiele.
Die DFL beschloss ab der Saison 2008/09 die Wiedereinführung der Relegationsspiele. © Getty (Montage)
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Am Montag und Dienstag stehen mit den Relegationsspielen zu 1. und 2. Bundesliga die letzten Entscheidungen im deutschen Profifußball an. Doch ist die Relegation wirklich sinnvoll? André Batistic und Roman Gerth diskutieren.

PRO: Ja, weil das System unfair ist und die Spiele von schlechter Qualität

von SPORTBUZZER-Redakteur André Batistic

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Habt ihr die Relegations-Hinspiele in der vergangenen Woche gesehen? Das Bild, das sich da geboten hat, war erschreckend: Weder das Duell zwischen Hertha BSC und dem HSV um einen Erstliga-Platz noch die Zweitliga-Relegation zwischen Kaiserslautern und Dresden waren auch nur ansatzweise spielerische Leckerbissen - und das mit Ansage: Seit Wiedereinführung der Relegation 2009 lautet das Motto bei beiden Teams fast immer: Angst essen Seele auf. In zwei Partien steht einfach zu viel auf dem Spiel. Das Relegations-System ist unfair, sorgt für qualitativ schlechte Duelle - und muss deshalb dringend wieder abgeschafft werden.

Wenn eine Mannschaft nach einer kompletten Saison den drittletzten Platz belegt, dann hat sie es zu 100 Prozent verdient, abzusteigen - und sollte nicht durch irgendeine Hintertür doch noch die Chance bekommen, die Klasse zu halten. Wie im aktuellen Fall beispielsweise Dresden, das in der Rückrunde nicht ein Spiel gewann. Andersherum hat der Dritte der unterklassigen Liga über 34 Spieltage seine Aufstiegstauglichkeit unter Beweis gestellt. Dass dann in der Relegation nur zwei Spiele über die nähere Zukunft des Vereins (TV-Einnahmen, Geld für neue Spieler und Co.) entscheiden, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

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Und die Relegation treibt das finanzielle Ungleichgewicht zwischen den Ligen nur weiter an - vor allem zwischen 1. und 2. Bundesliga. Früher stiegen drei Vereine sicher ab, drei neue kamen hinauf. Heute sind es meistens nur noch zwei Wechsel (in der Erstliga-Relegation triumphierte in 13 Duellen zehnmal der Erstligist). Die Folge: Das Oberhaus wird zu einer Art exklusivem Klub, in dem die Teams dank höherer Einnahmen immer reicher werden und das finanzielle Gefälle bald so groß wird, dass die Bundesligisten in ein paar Jahren über ihre Relegationsgegner lachen werden.

CONTRA: Nein, die Relegation hat Play-off-Charakter und ist reizvoll

von RND-Redakteur Roman Gerth

Wenn an der Tabellenspitze der Bundesliga längst alles entschieden ist und auch (fast) alle Europapokal-Plätze vergeben sind, geht es im Tabellenkeller oft bis zum Schluss um den rettenden Strohhalm: Platz 16 und das damit verbundene Erreichen der Relegation. So war es auch in diesem Jahr, mit dem Herzschlagfinale des VfB Stuttgart. Der Spannung innerhalb der Liga ist das seit 2009 wieder eingeführte Nachsitzen nur zuträglich. Kriselnde Teams können durch einen Endspurt noch die gesamte Saison retten – ein Anreiz, der sonst abgeschlagene und demoralisierte Mannschaften zu Energieleistungen bis zum Schluss antreibt.

Und von wegen Benachteiligung der Zweitligisten, die in den vergangenen 13 Jahren nur in drei Fällen den Favoriten besiegt haben. Denn: die Relegation testet den unterklassigen Verein noch einmal auf Herz und Nieren – kann er wirklich gegen ein in der Saison zuvor oft unterlegenes Bundesliga-Team überzeugen? In zwei Fällen - Nürnberg 2009 und Union 2019 – stand nach dem gelungenen Aufstieg im Vorsommer dann auch der Klassenverbleib. Testlauf erfolgreich - und dann auch über 34 Spiele in der Saison gut genug für die Liga. Nicht zuletzt, da durch Relegationsrang 16 auch nur die beiden letzten Plätze den sicheren Absturz bedeuten. So rettete sich beispielsweise Nürnberg selbst 2010 vom direkten Wiederabstieg.

Weil Auf- und Abstieg zu deutschen (und europäischen) Fußball-Ligen gehören wie der Michel nach Hamburg, liefert die Relegation außerdem zumindest einen Hauch von post-saisonaler Spannung. Das macht den Reiz aus, wenn es sonst zu Sommer-Beginn nur noch um den DFB-Pokal-Titel geht - Fußball-Fans haben länger was von der Spielzeit. Nicht jedes Jahr steht ein deutscher Klub in einem europäischen Finale wie Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt in diesem Jahr. Und apropos Hamburg: ohne die "geliebten" Entscheidungsspiele wäre der HSV schon viel früher in der Zweitklassigkeit gelandet als 2018. Nun könnte der Weg für den HSV ausgerechnet über die Relegation wieder nach oben führen.