04. April 2020 / 06:00 Uhr

ProFans-Sprecher Sig Zelt über Corona und Proteste gegen Dietmar Hopp: "Wird wieder akut werden"

ProFans-Sprecher Sig Zelt über Corona und Proteste gegen Dietmar Hopp: "Wird wieder akut werden"

Jan Jüttner
ProFans-Sprecher Sig Zelt spricht über die Unterbrechung des Bundesliga-Spielbetriebs und die Proteste gegen Dietmar Hopp.
ProFans-Sprecher Sig Zelt spricht über die Unterbrechung des Bundesliga-Spielbetriebs und die Proteste gegen Dietmar Hopp. © Imago Images/Montage
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Die Corona-Krise hat die zuvor andauernden Proteste gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp aktuell verdrängt. Sig Zelt vom Ultra- und Fanbündnis ProFans äußert sich im SPORTBUZZER-Interview zur Bundesliga-Pause und den Protestaktionen.

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Vor der Corona-Krise war die Stimmung in den Fußballstadien höchst angespannt. Teile der aktiven Fanszene protestierten mit diffamierenden Plakaten gegen die ihrer Meinung nach falschen Entwicklungen im Profifußball. Eines der Ziele: 1899 Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp. Im Interview spricht Sig Zelt vom Ultra- und Fanbündnis Pro Fans über die heftigen Proteste in den Arenen, die ebenso heftigen Reaktionen darauf und die Herausforderungen, denen sich Klubs und Fans in Zeiten von Corona stellen müssen.

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SPORTBUZZER: Herr Zelt, welche Folgen hat die Aussetzung des Spielbetriebs für die Ultras und Fans?

Sig Zelt: Gravierende. Alle fußballbegeisterten Menschen müssen auf etwas verzichten, was in ihrem Leben einen großen Platz einnimmt. Das ist nicht nur das Spiel an sich, es sind das Gemeinschaftserlebnis und die sozialen Kontakte. Wirtschaftlich ist es für die Vereine verheerend. Deswegen zeigen sich auch schon Bestrebungen, wie dieser Krise entgegen gewirkt werden kann.

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Die Fans tun viel, um ihren Verein zu unterstützen. Sie kaufen sich Tickets für Spiele, die nicht stattfinden oder verzichten teilweise auf die Rückerstattung.


Die Vereine hoffen, dass sich die Fans solidarisch zeigen. Allerdings muss man dann auch hoffen, dass diese Aktionen nicht vergessen werden. Wenn die Vereine die Krise durch die Solidarität und Mithilfe der Fans und Mitglieder meistern, dann dürfen die Vereine sie danach nicht wieder wie Kunden behandeln. Die Krise sollte auch Anlass sein, die Meinung der Fans gebührend zu berücksichtigen.

Im Mai will die DFL den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Der Plan ist, die Saison mit Geisterspielen zu Ende zu bringen. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben Verständnis für Geisterspiele, wenn es wirtschaftlich nicht anders geht. Natürlich hat ein Geisterspiel keinen Charme. Das werden auch die TV-Zuschauer merken. Aber die Gefahr ist natürlich da, dass die Vereine in den Ruin getrieben werden, wenn die Fernseheinnahmen weiterhin ausbleiben würden.

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Einige Experten glauben, dass sich der Transfermarkt wegen der Krise verändern wird. Glauben Sie, dass der Fußball weniger vom Kommerz bestimmt wird?

Es wäre zu schön, daran zu glauben. Es gibt ja auch andere Stimmen, die meinen, dass nun die 50+1-Regel gekippt werden müsse. Damit die Vereine dann mit privatem Kapital gerettet werden können. Aber genau diese Kommerzialisierung trägt dazu bei, dass die Vereine weniger nachhaltig wirtschaften. Eine größere Abhängigkeit von privaten Sponsoren würde dies noch verstärken.

Zelt: Protestaktionen waren "nicht geschickt"

Besonders unbeliebt bei den Fans ist Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. Würden Sie die heftigen Protestaktionen als Fehler bezeichnen?

Es war nicht geschickt, weil man damit die Öffentlichkeit nicht auf die eigene Seite ziehen kann. Es wirkt auf Leute, die sich mit dieser Thematik nicht auskennen, sehr abstoßend. Das kann man auch nachvollziehen. Aber Fanbewegungen werden nicht zentral gesteuert, da gibt es keine PR-Abteilung, die das Vorgehen vorher abstimmt. Ich hoffe nicht, dass das Ansehen der Fans darunter leidet. Doch wir haben auch eine Überreaktion festgestellt, denn in den Stadien wurden auch Plakate entfernt, die nicht beleidigend waren. Und was die Corona-Krise betrifft: Auch wenn die Dinge in diesen Zeiten ein wenig leiser diskutiert werden, wird das Thema wieder akut werden. Die tiefe Meinungsdifferenz ist nicht verschwunden.

Waren Sie ob der heftigen Reaktionen auf die Proteste überrascht?

Ich fand es befremdlich, dass der DFB das Instrumentarium des Drei-Stufen-Modells zieht, welches für einen anderen Zweck gedacht war – nämlich Rassisten keine Bühne zu bieten. Die Proteste wurden sogar mit den Vorfällen von Hanau in Verbindung gebracht. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun. Die Betroffenheit mit Hanau führt ja nicht dazu, dass sich Meinungsäußerungen zu anderen Dingen verbieten.

Die Chronologie im Fall Hopp: So eskalierte der Hass gegen den Hoffenheim-Mäzen

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Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp ist über die Jahre zur Hassfigur der aktiven Fanszenen geworden. Im Februar 2020 kam es zum Eklat. Doch was ist die Ursache für die Anfeindungen? Der SPORTBUZZER zeigt die Chronologie des Hasses gegen Hopp! ©

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Bundesliga-Klubs auf die Vorfälle?

Die Reaktionen waren differenziert. Persönliche Angriffe kann man nicht verteidigen, auch ich nicht. Wichtig ist, dass man versteht, was dahinter steht. DFB und DFL haben dazu beigetragen, dass Proteste in dieser Art und Weise geäußert werden. Im gesitteten Dialog räumen sie uns die Mitbestimmung in der Toilette ein. Wir dürfen mitbestimmen, ob die Seifenschale links oder rechts vom Wasserhahn angebracht wird. Die Fanszenen haben gemerkt: Wenn sie möglichst beleidigend und laut vorgehen, dann werden sie gehört. Der DFB hat uns so erzogen.

Zurück zu Hopp: Er hat angekündigt, einen möglichen Corona-Wirkstoff allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Kann sein Ansehen bei den Fans dadurch gesteigert werden?

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es ist sehr lobenswert, wenn ein sehr erfolgreicher Unternehmer und Milliardär sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist. Die Proteste waren im Wortlaut sehr stark gegen die Person Hopp ausgerichtet, doch diese war nur das Symbol. Niemand wollte ihn als Person bedrohen, auch wenn er im Fadenkreuz dargestellt wurde. Niemand von den Ultras beabsichtigt, ihn tatsächlich ins Visier zu nehmen mit einer Waffe. Jeder, der tiefer blickt, weiß das. Die Persönlichkeit von Herrn Hopp ist den Fans in Wahrheit ziemlich egal. Die Kritik richtet sich vielmehr – neben den Kollektivstrafen, die wieder gezogen wurden, um seinen Ruf zu schützen – auf die Art und Weise seines Vorgehens mit der TSG Hoffenheim. Das hat nichts damit zu tun, wie er sich als Unternehmer verhält.

"Jeder Profiverein betreibt Kommerz"

Was unterscheidet Klubs wie Hoffenheim und Leipzig von einem Aktien-Unternehmen wie dem BVB?

Letztendlich treibt jeder Profiverein Kommerz. Da gibt es kein schwarz und weiß und eine Grenze zu ziehen ist schwierig. Wir ziehen diese Grenze aber klar. Wir wussten schon in der 4. Liga, dass Hoffenheim in die 1. Liga aufsteigen wird. Bei Leipzig war es noch früher zu sehen. Egal wie viel es kostet, der Sponsor oder Mäzen legt es auf den Tisch und bestimmt damit direkt das Ergebnis. Das verzerrt den Sport.

Auch das Verhältnis von Ultras und der Polizei gilt als schwierig. Inwiefern hat es sich verändert?

Es ist schlechter geworden. Die Polizei zieht zunehmend alle Register, es besteht keinerlei Vertrauen. Fußballfans haben zunehmend den Eindruck stärker verfolgt zu werden. Die meisten Ultragruppierungen sind sehr interessiert daran, dass alles friedlich verläuft. Es gibt unter den Ultras viele besonnene Leute. Aber indem man versucht sie zu kriminalisieren, macht man die Gruppierungen attraktiver für Leute, die eben nicht nur friedfertig sind. So kann eine Fan-Kultur abdriften. Das halte ich für gefährlich.