23. Juli 2020 / 12:19 Uhr

Profi-Läufer Philipp Baar will an die internationale Marathon-Spitze

Profi-Läufer Philipp Baar will an die internationale Marathon-Spitze

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Philipp Baar lief bei der Marathon-EM 2018 in Berlin als 38. durchs Ziel. Mit dem Rennen startete er seine Profi-Laufbahn.
Philipp Baar lief bei der Marathon-EM 2018 in Berlin als 38. durchs Ziel. Mit dem Rennen startete er seine Profi-Laufbahn. © imago
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Vor knapp 18 Monaten kündigte Philipp Baar seinen Vollzeitjob, um Profi-Läufer zu werden. Der 28-jährige Mecklenburger ist Teil der Eliteeinheit beim SC Charlottenburg unter Trainer Dieter Hogen, der einst Uta Pippig an die Marathon-Weltspitze führte. 

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Kurz nachdem Philipp Baar vor rund zwei Jahren im Deutschland-Trikot auf dem zuschauergesäumten Berliner Breitscheidplatz nach 2:19:59 Stunden über die Marathon-Ziellinie gespurtet war, fiel der Startschuss für sein neues Abenteuer. Das damals frisch gegründete SCC-Events-Pro-Team suchte nach der Leichtathletik-Europameisterschaft Top-Athleten, um diese in die internationale Spitze zu führen. Baar war angefixt. Ein halbes Jahr nach den ersten Gesprächen kündigte der gebürtige Hagenower seinen Job bei einer Recruiting-Firma und verschrieb sich mehr denn je dem Laufen. „Der Schritt fiel mir relativ leicht, weil SCC Events ein gutes Paket angeboten hat. Meine Frau hat mich gut unterstützt, alle waren positiv aufgeregt“, sagt Baar.

Seit Anfang 2019 ist der 28-Jährige Teil des siebenköpfigen Athletenteams, zu dem die Zwillinge Lisa und Anna Hahner, Josina Papenfuß, Christina Gerdes, Fabian Clarkson und Johannes Motschmann gehören. Trainiert werden die Wahl-Berliner von Dieter Hogen. Der Ex-Läufer hat schon einige deutsche und afrikanische Sportler an die internationale Marathon-Spitze geführt. Bekanntestes Beispiel: Uta Pippig, die in den 1990er-Jahren die Marathons in Berlin, Boston und New York gewann sowie bei Olympia in Barcelona und Atlanta startete. Nun soll Baar das SCC-Events-Pro-Team nach oben führen. „Ziel ist, mindestens einen nach Tokio an die Ziellinie zu bringen“, verrät der Mecklenburger.

Vollzeitjob Laufen: 35 Stunden in Trainingsklamotten

Das hätte wohl in diesem Jahr nicht geklappt. Baars Marathon-Bestzeit von 2:16:17 Stunden liegt noch rund fünf Minuten über der sicheren Qualifikationszeit für die kommenden Olympischen Spiele. „2:11:30 Stunden sind auch einfach ein Brett“, pustet Baar durch. Daher schuften er und sein Team weiter. Fünf Stunden Training pro Tag. Sieben Tage die Woche. Dazu kommen zwei Trainingslager pro Jahr. Zuletzt waren die Charlottenburger in Äthiopien.

So ein Pensum ist Baar seit Jahren gewohnt. Während seiner Schulzeit am Sportgymnasium Schwerin schnürte er mehrmals pro Tag die Laufschuhe, war unter anderem Teil der Laufgruppe des TC Fiko Rostock, für den der deutsche Marathonmeister Tom Gröschel immer noch startet. Nach dem Abitur verschlug es Baar für sechs Jahre per Stipendium nach Corpus Christi (Texas), wo er auf der Mittel- und Langstrecke die College-Liga aufmischte. Zurück in Deutschland arbeitete der BWL-Absolvent in Berlin bei einer Bank. Dann kam das Angebot von SSC Events.

Was nach einem Schritt raus aus finanzieller Sicherheit hin zu lebensplanerischer Unberechenbarkeit klingt, hat sich für Baar bisher als Erfüllung des Lebenstraums erwiesen. „Ich würde es immer wieder so machen.“

Geld reicht, „um Kühlschrank zu füllen“

Der Halbmarathon-Meister von 2017 ist bislang von großen Verletzungen verschont geblieben und auch die coronabedingte Wettkampfpause haben er und sein Team bislang durchgestanden. „SSC Events hat gleich zu Beginn klargestellt, dass sie uns weiter unterstützen“, sagt Baar. Die Vergütung reicht, um „die Miete zu zahlen und den Kühlschrank voll zu kriegen. Den Urlaub, die Altersvorsorge, das neue Auto verdienst du dir über Wettkämpfe. Wenn das wegbricht, wird’s schwierig.“

Einen neidischen Blick auf die Fußballbranche, in der Viertliga-Spieler mitunter besser verdienen als deutsche Spitzenathleten anderer Sportarten, verbittet er sich. „Uns Marathonläufern geht es im Vergleich zu beispielsweise Hammerwerfern oder Kugelstoßern ganz gut“, behauptet Baar. Preisgelder im mittleren fünfstelligen Bereich, von denen Läufer wie Baar zehren, sind rar verteilt. Meist trainieren sie ein Jahr lang auf nur ein bis maximal zwei solcher Prestigerennen hin.

Baar berät nebenbei Fußballer und verkauft Massagepistolen

Trotz Fokus auf das Laufen schaut Baar deshalb nach links und rechts. Für eine Firma, die Sportler an US-Universitäten vermittelt, kümmert er sich europaweit um Fußballer und hat schon Kicker des FC Förderkader, Mecklenburg Schwerin und 1. FC Neubrandenburg beraten. Zudem hat Baar vor Kurzem seinen eigenen Onlineshop eröffnet. Auf musclevibes.de vertreibt er Geräte zur Regeneration nach dem Sport. „Ich habe viel Businessliteratur gelesen und jetzt die Zeit, um dieses Projekt zu starten. Das wird sicher nicht mein letztes Unterfangen sein“, hofft der Unternehmer.

Vorrangiges Ziel bleibe aber die Entwicklung als Profi-Läufer. Wie lange er auf diesem Weg Karriere machen will, weiß er noch nicht. „Die Krux ist, du brauchst jemanden, der dich finanziert. Und so lange das gegeben ist, laufe ich. Ich bin jetzt 28, sehe kein Verfallsdatum bei mir.“

Und vielleicht überquert Baar im Sommer 2022 erneut im Deutschland-Trikot die Marathon-Ziellinie bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in München und hat dann schon sein nächstes Projekt vor Augen.