03. Dezember 2020 / 11:15 Uhr

„Projekt Zukunft“ des DFB: Droht der Talentförderung im Leipziger Fußball das Aus?

„Projekt Zukunft“ des DFB: Droht der Talentförderung im Leipziger Fußball das Aus?

Max Hempel
Leipziger Volkszeitung
Winkler (1)
SFV-Präsident Hermann Winkler lehnt den Entwurf des DFB ab. © Dirk Knofe/Montage
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Im Vergleich mit den europäischen Top-Ligen ist Deutschland in Sachen Jugendarbeit abgeschlagen. Deshalb will der DFB seine Nachwuchsligen umkrempeln, einen Großteil des bisherigen Spielbetriebs streichen. Die Folgen für Leipzigs Fußball wären enorm.

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Leipzig/Frankfurt. Nach der verheerenden 0:6-Schlappe der DFB-Auswahl gegen Spanien rückt der Fokus mittlerweile auf die Nachwuchsarbeit des Deutschen Fußball Bundes (DFB). Wurde in den vergangenen Jahren zu wenig getan, um internationale Top-Spieler auszubilden? Ja, findet etwa Deutschlands U21-Trainer Stefan Kuntz im Interview mit dem Kicker. Nur noch wenige deutsche Talente würden den Sprung in die Bundesliga schaffen. Im Vergleich mit Europas Topligen sei man hierzulande „sowas von abgeschlagen“.

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SFV gegen die Pläne

Der DFB sucht derweil einen Weg aus der Krise und plant nach Berichten des Kicker nicht weniger als eine Revolution im Bereich der Jugend-Bundesligen und Regionalligen. In den kommenden Jahren soll der überregionale Spielbetrieb von der U14 bis zur U19 abgeschafft werden. Direkt betroffen wären davon auch eine Reihe sächsischer Vereine, darunter RB, Dynamo Dresden oder Lok Leipzig. Fußballfunktionäre in der Region blicken jedoch mit Sorge auf das Vorhaben und schlagen Alarm. Sollte das Konzept in die Tat umgesetzt werden, könnte es die bisherige Nachwuchsförderung in Sachsen und Leipzig auf den Kopf stellen.

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Doch um was geht es bei dem Vorhaben? Im November wurde erstmals ein DFB-Papier mit dem Namen „Projekt Zukunft“ bekannt. Darin legt der Verband eine umfassende Analyse über die derzeitige Lage im deutschen Nachwuchsfußball vor. Das Hauptproblem: Im aktuellen Ligabetrieb der U-Mannschaften gehe es vorrangig um kurzfristige Erfolge und gute Tabellenplatzierungen. Die bestmögliche Ausbildung der Spieler komme in diesem System zu kurz. Eine vermeintliche Lösung: In der U19 etwa sollen die Teams der 56 Topclubs in einer Art Liga der Nachwuchsleistungszentren (NLZ) gegeneinander spielen. Feste Landesverbandsgrenzen würden in diesem Szenario ebenfalls aufgelöst.

Aus Sachsen regt sich indes Widerstand gegen das „Projekt Zukunft“. In einem Schreiben an den DFB, das dem SPORTBUZZER vorliegt, lehnt der Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV), Hermann Winkler, den Entwurf ab. Das vorliegende Konzept greife in erheblichem Maße in die Talentförderkompetenz des Freistaates Sachsen und des SFV ein. Rückendeckung erhält Winkler von seinem Vize Dirk Majetschak, der zugleich Präsident des Fußballverbandes der Stadt Leipzig ist. „Die vorgeschlagene Konzeption können wir schon aus rein sportpolitischer Sicht nicht gutheißen“, sagt Majetschak. Die Nachwuchsförderung der Elite-Spieler würde komplett in die Leistungszentren verschoben. Die Kreisauswahlmannschaften und die Landesauswahlspieler wären somit überflüssig.


DFB gründet Arbeitsgruppe

Für die in Leipzig ansässige Sportschule Egidius Braun würde eine solche Entwicklung massive Einschnitte bedeuten. Schließlich arbeiten dort hauptamtlich angestellte Landestrainer, die sich bisher um den talentierten Nachwuchs kümmern. Diese Lehrer würde der Sächsische Fußballverband nicht mehr benötigen, wenn „Projekt Zukunft“ in Kraft tritt. Und auch finanziell wäre die Entscheidung für den SFV ein Desaster. Knapp 15 Millionen Euro seien in den vergangenen Jahren extra in die Sportschule geflossen, um die Fußballinfrastruktur auszubauen, so Winkler.

Für seinen Präsidiumskollegen Majetschak bedeutet dies: Die Existenz der Fußballschule würde in Frage gestellt werden, weil dort keine Nachwuchsförderung mehr betrieben wird. „Das kann ich so nicht zulassen. Allein schon aus Verantwortung dem Personal gegenüber – und auch nicht für unseren Standort hier in Sachsen.“

Auf Winklers deutliche Kritik hat der DFB bereits reagiert und eine Arbeitsgruppe gegründet. In ihr sollen die Meinungen der einzelnen Landesverbände einfließen. Im Januar wollen sich die Sachsen darüber hinaus mit den anderen ostdeutschen Fußballverbänden über die Zukunft des Nachwuchsfußballs austauschen.

Schwarz sieht Wettbewerbsnachteil

Jürgen Schwarz sorgt sich derweil vor einem „weiteren Schritt in eine fußballerische Zweiklassengesellschaft“. Der Geschäftsführer für Nachwuchs und Infrastruktur von Lok Leipzig sieht die geplante Reform „mit zwei dicken Kullertränen“. Die verbliebenen Vereine wie wir würden attraktive Gegner verlieren – das Niveau sinken.

Die U19 der Probstheidaer spielt in der Landesliga und wäre somit von der Reform vorerst nicht betroffen, die C- und B-Junioren kicken hingegen in der Regionalliga gegen NLZ-Teams wie RB Leipzig, Hertha BSC Berlin oder Erzgebirge Aue.

Gefreut hätte sich Schwarz über ein Signal des Verbandes und sieht Parallelen zur U13. Im Sommer sei es ähnlich gewesen. „Wir waren in einer Talenteliga gemeinsam mit den NLZ-Teams, die sich jedoch ohne Vorwarnung zurückgezogen und eine eigene Liga gegründet haben. Die jüngeren Zweitvertretungen sind dann in unsere Staffel gerutscht“, erzählt der 51-Jährige. Er sieht darin auch einen Wettbewerbsnachteil, wenn der Lok-Nachwuchs sich nicht mit den NLZ-Teams messen könne. „Die Großen werten den Wettkampf auf und machen dich als Verein interessanter.“

Mit Anton Kämpf und Stephanie Riedel