18. Februar 2020 / 08:01 Uhr

Vor Rückkehr mit PSG: Deshalb dachte Thomas Tuchel an einen vorzeitigen Rücktritt beim BVB

Vor Rückkehr mit PSG: Deshalb dachte Thomas Tuchel an einen vorzeitigen Rücktritt beim BVB

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wir werden sicherlich keine großen Freunde mehr im Leben“: Paris-Coach Thomas Tuchel und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. 
"Wir werden sicherlich keine großen Freunde mehr im Leben“: Paris-Coach Thomas Tuchel und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.  © imago/DeFodi
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Am Dienstagabend kehrt der ehemalige BVB-Trainer Thomas Tuchel erstmals zurück nach Dortmund. Im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gibt es für den Trainer von Paris St. Germain ein emotionales Wiedersehen nach einer gescheiterten Ehe, in der die Fetzen geflogen sind. Dabei dachte Tuchel einmal sogar an einen vorzeitigen Rücktritt. 

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Das letzte Treffen gab es am 30. Mai 2017 im Dortmunder Hotel L´Arivee. Ausgerechnet an dem Ort, an dem es wenige Wochen zuvor einen Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB gegeben hatte. Das Gespräch zwischen den Klubbossen Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Trainer Thomas Tuchel, der sein Team gerade zum Pokalsieg – dem ersten Titel nach fünf Jahren geführt hatte – dauerte nur 20 Minuten. Dann war die Ehe nach zwei Jahren und trotz Vertrags bis 2018 geschieden.

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An diesem Dienstag kehrt Tuchel erstmals in den Signal-Iduna-Park zurück und trifft im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League mit Paris Saint-Germain (21 Uhr, DAZN) auf seinen Ex-Klub. „Dieses Spiel ist keine Bühne, um etwas aufzuarbeiten“, sagte der Coach im Vorfeld. Auch Watzke behauptete, dass die Vergangenheit „keine Rolle“ spiele. Einen Seitenhieb konnte er sich dennoch nicht verkneifen: „Wir werden sicherlich keine großen Freunde mehr im Leben“, meinte der BVB-Boss im Bezug auf Tuchel.

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Tatsächlich hatten die beiden Alphatiere nie eine zwischenmenschliche Beziehung – im Gegenteil. Watzke hatte vor seiner Verpflichtung zwar gewusst, dass Tuchel ein schwieriger Charakter war. Ein taktisches Superhirn, dem es vor allem darum ging, seinen Job bestmöglich zu erfüllen: Die Mannschaft und seine Spieler weiterzuentwickeln, viele Siege und Titel einzufahren. Dem ordnet er alles unter.

BVB-Boss Watzke hielt sein Versprechen nicht

Doch Watzke hoffte, dass sein neuer Trainer sich beim großen BVB ändern würde, vielleicht sogar anpassen. „Den kriegen wir hier schon hin“, lautete sein Credo. Doch statt echter Liebe (das Klubmotto des BVB) gab es nur echte Hiebe – trotz sportlichen Erfolgs. In der ersten Saison wurde Tuchels Team Vizemeister, holte 78 Punkte und schoss 82 Tore, mehr als Meister Bayern. Danach ließ Watzke sich zu der Aussage hinreißen, die den Anfang vom Ende des Innenverhältnisses bedeutete. Er versprach öffentlich, dass der BVB keinesfalls Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan verkaufen würde. Es gingen dennoch alle drei.

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Tuchel dachte über vorzeitigen BVB-Rücktritt nach

Vor allem der Abgang seines Lieblingsschülers Mkhitaryan schmerzte Tuchel. Der Armenier kam 2015/2016 auf 55 Torbeteiligungen in 52 Pflichtspielen. Als feststand, dass Mkhitaryan für 42 Millionen Euro zu Manchester United wechseln würde, tobte Tuchel und wollte von seinem Boss eine Erklärung, warum er sein Wort gebrochen habe. Doch statt selbst mit seinem Trainer zu reden, schickte Watzke seinen Sportdirektor zu Tuchel nach Mallorca, wo dieser Urlaub machte und sogar über seinen Rücktritt nachdachte.

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Konflikte dieser Art hat es viele gegeben. Jeder einzelne wäre isoliert betrachtet vielleicht sogar zu lösen gewesen, doch in der Summe waren es einfach zu viele: der Fall Mario Götze, den Tuchel nach dessen Stoffwechselerkrankung aus Sicht der Klubführung nicht gut behandelte. Das Zerwürfnis des Trainers mit Chefscout Sven Mislintat, dem er nach einem Kompetenzgerangel sogar den Zutritt zum Trainingsgelände verweigerte. Die Verpflichtung von Supertalent Alexander Isak für 10 Millionen Euro, die ohne Tuchels Wissen durchgeführt wurde. Die Kapitänsdebatte um Marcel Schmelzer, die Tuchel in der Winterpause 2017 entfachte – und, und, und.

Streitpunkt: Bombenattentat auf BVB-Bus

Endgültig eskalierte die Auseinandersetzung dann rund um das Bombenattentat am 11. April 2017. Nur wenige Zentimeter neben ihm hatten sich mehrere Metallsplitter in Tuchels Kopfstütze gebohrt, die ihn hätten töten können, Verteidiger Marc Bartra wurde an der Hand schwer verletzt. Dennoch musste der BVB im Viertelfinale der Champions League gegen den AS Monaco nur einen Tag nach dem Anschlag antreten, was viele Spieler – und auch Tuchel – im Nachhinein beklagten. Watzke wurde dabei aus seiner Sicht in eine Ecke gedrängt, die er nie für möglich gehalten hätte: Er stand als eiskalter Technokrat dar, Tuchel wurde für seine Menschlichkeit gelobt. Dass sein letzter Termin mit Watzke und Co. ausgerechnet in dem Hotel des Anschlags stattfand, passt da ins Bild. Denn dieser Ort spielte am Ende doppelt Schicksal – für den BVB und für Tuchel.