08. April 2020 / 10:35 Uhr

Quarantäne-WG in Kobe: „Wir haben im Moment viel Zeit“

Quarantäne-WG in Kobe: „Wir haben im Moment viel Zeit“

Sönke Fröbe
Ostsee-Zeitung
Co-Trainer Sebastian Hahn und Chefcoach Thorsten Fink (r.) sitzen seit Juni 2019 beim japanischen Pokalsieger Vissel Kobe auf der Bank.
Co-Trainer Sebastian Hahn und Chefcoach Thorsten Fink (r.) sitzen seit Juni 2019 beim japanischen Pokalsieger Vissel Kobe auf der Bank. © FOTO: imago
Anzeige

Der ehemalige HSV-Coach Thorsten Fink und sein Rostocker Assistent, der frühere Hansa-Spieler Sebastian Hahn, erlebten die Coronavirus-Pandemie als Trainer von Vissel Kobe zuletzt in Quarantäne. Seit Mittwoch gilt in Teilen Japans der Notstand. 

Anzeige
Anzeige

Erst Quarantäne, jetzt Notstand. Thorsten Fink (52) und Sebastian Hahn (44) sind zum Nichtstun verdonnert. Der ehemalige Trainer des Hamburger SV (2011-13) und sein Rostocker Assistent erleben die Corona-Pandemie 9000 Kilometer von zu Hause entfernt in Japan. Seit Juni 2019 trainieren sie den Erstligisten Vissel Kobe. Weil bei Ex-Bundesligaprofi Gotoku Sakai (Stuttgart, HSV) als erstem Spieler der J-League das Coronavirus nachgewiesen wurde, mussten sich die Trainer und das gesamte Vissel-Team für zwei Wochen in häusliche Quarantäne begeben.

Diese ehemaligen Jugendspieler von Hansa Rostock schafften den Durchbruch woanders

Toni Kroos – der bekannste Profi aus der Hansa-Nachwuchsakademie. 2006 wechselte er aus der U17 zum FC Bayern. Die Münchener sollen 2,3 Millionen Euro an die Küste überwiesen haben. Damit ist Kroos bis heute der teuerste Transfer im Juniorenbereich in Deutschland. Zur Galerie
Toni Kroos – der bekannste Profi aus der Hansa-Nachwuchsakademie. 2006 wechselte er aus der U17 zum FC Bayern. Die Münchener sollen 2,3 Millionen Euro an die Küste überwiesen haben. Damit ist Kroos bis heute der teuerste Transfer im Juniorenbereich in Deutschland. ©

Die endete zwar am Mittwoch, doch frei bewegen können sich Fink und Hahn trotzdem weiterhin nicht. Am Dienstag rief Japans Regierungschef Shinzo Abe den Notstand für Tokio und sechs weitere Provinzen aus. Die Menschen sollen, abgesehen von nötigen Besorgungen, möglichst zu Hause zu bleiben. Die Maßnahme tritt am Mittwoch in Kraft und gilt bis zum 6. Mai. Betroffen ist auch die Hafenstadt Kobe (1,5 Millionen Einwohner) in der Provinz Hyogo.

Liga-Neustart wurde mehrfach verschoben

„Wir haben im Moment viel Zeit“, sagt Thorsten Fink. Seine Mannschaft hatte noch bis zum 26. März voll trainiert, als der Spielbetrieb in der J-League bereits längst gestoppt war. Wann der Ball wieder rollen wird, ist völlig offen. Erst nahm der Verband Mitte April ins Visier, später den 9. Mai. Mittlerweile ist von Juni die Rede. „Noch ist nichts fix, es ist ein Hinhalten der Spieler, der Trainer – von uns allen“, sagt Fink, der mit Bayern München als Spieler 2001 die Champions League gewann und vier Mal Meister wurde. Eigentlich sollte seine Mannschaft in dieser Woche wieder ins Training einsteigen, doch ob es dabei bleibt, ist angesichts der sich verschärfenden Lage in Japan ungewiss.

Bisher war das öffentliche Leben kaum eingeschränkt. „Es war alles geöffnet. Das größte Kaufhaus der Stadt hatte nur an einem Tag in der Woche geschlossen“, erzählt Hahn, der die Ausgangsbeschränkungen bisher gelassen nimmt. „Die Situation ist jetzt nun mal so, das müssen wir akzeptieren“, sagt der gebürtige Rostocker, der seit vielen Jahren in Krefeld am Niederrhein zu Hause ist. Nach draußen zum morgendlichen Jogging oder zum Spazierengehen im Park geht es nur mit Mundschutz. „Das ist für die Japaner nichts Außergewöhnliches.“

Fink und Hahn leben in Trainer-WG

Der einstige Hansa-Spieler (bis 1993 im Nachwuchs und von 1997-2000 in der „Zweiten“) lebt mit Fink in einer Wohngemeinschaft – wie schon auf ihren gemeinsamen Stationen bei Apoel Nikosia auf Zypern, Austria Wien und Grasshoppers Zürich. Ihre Wohnung befindet sich auf Rokko Island, einer Kobe vorgelagerten, künstlich aufgeschütteten Insel, die etwa 15 Autominuten vom Zentrum entfernt ist. „Hier wohnen viele Ausländer – Fußballer, Baseball- und Rugbyspieler“, erklärt Hahn. Der Spanier Andres Iniesta, der Belgier Thomas Vermaelen und der Brasilianer Douglas von Vissel Kobe gehören zu den Nachbarn des deutschen Trainerduos. „Bis zu seinem Wechsel in die Türkei hat auch Lukas Podolski bei uns im Haus gewohnt“, sagt der Fink-Assistent, der sich gut eingelebt hat. „Uns geht es gut, wir fühlen uns hier wohl.“ Was ihm fehlt, ist seine Familie. Lebensgefährtin Alexandra und Sohn Finn-Luca wohnen in Krefeld. „Über Weihnachten und Silvester waren sie hier, danach habe ich zwölf Tage Urlaub in Deutschland gemacht.“ Seit Mitte Januar ist er wieder in Kobe.

Thorsten Fink führt seit mehr als einem Jahrzehnt das Nomadenleben eines Fußball-Trainers. Ehefrau Silke und die schulpflichtigen Söhne Julius und Benedict leben in München. „Meine Familie war Ende Februar hier und wäre in den Osterferien wiedergekommen. Aber das ist zurzeit ja leider nicht möglich“, meint Vissels Chefcoach.

Vissel Kobe gewann unter Fink ersten nationalen Titel

Für Kobe ist die Pandemie nicht die erste harte Prüfung. Kurz nach der Gründung des Vereins bebte 1995 für 20 Sekunden die Erde in der Hafenstadt. Mehr als 6000 Menschen starben, 200 000 wurden obdachlos. Seitdem gilt der von Online-Handelsgigant Rakuten finanzierte Verein als ein Symbol der Hoffnung. Ein Vierteljahrhundert nach dem verheerenden Beben holten die „Kühe“, wie die Mannschaft nach dem Vereinsmaskottchen genannt wird, mit den deutschen Trainern ihren ersten nationalen Titel: Am 1. Januar gewann Kobe im Neuen Nationalstadion von Tokio den japanischen Pokal (Kaisercup). Zuvor hatte es das Fink-Team in der Liga mit einer Erfolgsserie von neun Spielen ohne Niederlage noch ins Mittelfeld der Tabelle geschafft.

Anfang Februar sicherte sich Kobe gegen Meister Yokohama auch noch den Supercup und startete mit zwei Siegen in die Gruppenphase der asiatischen Champions League. „Besser kann der Auftakt ins Jahr kaum sein“, sagt Sebastian Hahn, der wie Thorsten Fink noch bis zum Jahresende Vertrag hat. Sie Saison endet regulär im Dezember.

Der Cheftrainer hat sich für diese Spielzeit viel vorgenommen, obwohl mit den Weltmeistern Podolski und David Villa (Spanien) zwei Topstars den Verein im Winter verlassen haben. „Wir streben die höchsten Ziele an, wollen alles gewinnen, was es zu gewinnen gibt“, sagt der Ex-Bayernprofi, der auch die Fußball-Kultur in Japan schätzen gelernt hat: „Im Stadion buht keiner oder zeigt eine böse Geste. Wenn du verlierst, klatschen die Zuschauer trotzdem.“