11. Januar 2020 / 11:22 Uhr

Quo vadis, Wintersport? Klimadebatte beherrscht Weltcups in Oberhof und Dresden

Quo vadis, Wintersport? Klimadebatte beherrscht Weltcups in Oberhof und Dresden

Uwe Köster
Leipziger Volkszeitung
Ski Welt cup Samstag Einzelrennen Frauen und Männer
Ein weißes Band in grüner Landschaft! Sieht so die Zukunft des Wintersports aus ? © Anja Schneider
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Für die aktuellen Wintersportentscheidungen muss Schnee über Hunderte Kilometer angekarrt werden. Das ruft zahlreiche Kritiker auf den Plan. Die Frage ist: Wie kann Wintersport in den kommenden Jahrzehnten aussehen, wenn immer weniger Schnee fällt. 

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Oberhof. Mark Kirchner sieht man an, dass ihm die ganze Debatte nicht schmeckt. Der Cheftrainer der deutschen Biathleten wirkt genervt. Es geht, wie so oft in diesen Zeiten, ums Klima. „Ich glaube, auch wenn hier ein Meter Schnee liegt, funktioniert so eine Veranstaltung nicht klimaneutral. Dass das Thema Klima hier so im Vordergrund steht, finde ich unfair“, sagt Kirchner.

Aber so ist es nun mal, angesichts fehlenden Schnees und der verzweifelten Beschaffungsaktionen wird gestritten, ob es Kirchner nun gefällt oder nicht. Denn da sind unappetitliche Fakten. Damit der Biathlon-Weltcup in Oberhof stattfinden kann, mussten 30 LKW 2000 Kubikmeter Schnee aus der Veltins-Arena auf Schalke an den Grenzadler nach Thüringen (380 km) gebracht werden, weil vor Ort zu wenig produziert werden konnte. Auch aus der Skihalle Bispingen (360 km) wurde Schnee rangekarrt. Für den Langlauf-Weltcup in Dresden wurden 4000 Kubikmeter Kunstschnee in einem Hangar des Dresdner Flughafens hergestellt, 120 Lkw-Ladungen waren für den Transport zum Elbufer (10 Kilometer) nötig. Bei der jüngsten Vierschanzentournee wurden nach Innsbruck zur Bergiselschanze sogar 246 LKW-Ladungen Schnee transportiert. In diesem, wieder einmal schneearmen Winter gibt es noch viel mehr solcher Geschichten.

Aufwand zur Absicherung der Wettbewerbe steigt immer weiter

An all den Orten gab und gibt es Diskussionen, ob der riesige Aufwand in Zeiten von Klimakrise, CO2-Debatte und Nachhaltigkeit gerechtfertigt ist. In Dresden nannte der BUND den City-Weltcup "Energieverschwendung". In einer Online-Umfrage des MDR, ob die Lkw-Transporte nach Oberhof für den Weltcup gerechtfertigt seien, stimmte eine klare Mehrheit (68 Prozent) der These zu: „Nein, Kosten und Umweltbelastung stehen in keinem Verhältnis zu den Vorteilen.“ Mehr als 10000 User haben abgestimmt.

Die Veranstalter stehen unter Rechtfertigungsdruck. Die Organisatoren des Weltcups in Dresden haben sich mit Emissionen beschäftigt und verglichen ihr Event mit dem in Oberhof. Ergebnis: Das Ski-Event in der Stadt sei nachhaltiger, weil es weniger Auto-Emissionen gibt. Demnach sei es umweltfreundlicher, den Schnee zum Publikum in große Städte (wie Dresden, früher Düsseldorf) zu bringen als das Publikum in die Skigebiete mit eher kleinen Orten (wie Oberhof) zu holen. Doch es geht um mehr, es geht ums Prinzip. Alfons Schranz, Chef des Organisationskomitees der Vierschanzentournee, sagte: "Mit Gewalt etwas durchführen, weil es immer so war, kann es nicht sein." Knallhart die Prognose von Alexander Stöckl, Cheftrainer der norwegischen Skispringer, in der Tiroler Tageszeitung: "Skispringen soll in einer Winterlandschaft stattfinden, aber ich glaube, das können wir uns in 20, 30 Jahren abschminken."

Wie sieht der Wintersport der Zukunft aus?

Wie aber kann der Skisport in 20, 30 Jahren aussehen? Fieberhaft wird in der Branche an der Winter-Zukunft ohne echten Schnee gewerkelt. Kunstschnee, Skimatten – an Ideen und technischen Neuerungen mangelt es nicht. Zwei Beispiele: Populär bei Veranstaltern ist aktuell die Snowfactory eines Südtiroler Unternehmens. „Egal in welchem Monat – die Snowfactory kann weltweit und zu jeder Jahreszeit eingesetzt werden, um Schnee zu erzeugen“, verspricht die Firma. Die Schneeproduktion erfolgt durch eine besondere Kühltechnik und ist auch bei deutlichen Plusgraden kein Problem. Leider ist die Sache ziemlich energieintensiv.

Ein österreichisches Unternehmen hat "TexSnow", quasi technischen Schnee entwickelt. Auf farbigen Matten (bestehend aus Polyamid und Polyethylen) kann man angeblich 365 Tage im Jahr Skisport betreiben. Die ersten Tests seien vielversprechend verlaufen, heißt es. Langlauf, Biathlon und Skispringen auf farbigen Matten - ist das die Zukunft? Für viele klingt das noch ziemlich abstrakt. Mark Kirchner fordert „grundsätzlich erst einmal klar im Kopf“ zu sein und die Frage zu klären: „Will man in der Region, in Deutschland oder international weiter Wintersport betreiben oder will man es nicht. Und wenn man das für sich entschieden hat, kann man eine Strategie zurechtlegen.“ Eine solche Strategie ist aktuell noch nicht in Sicht.