01. Dezember 2020 / 12:18 Uhr

Radefelder Ex-Profi Nicky Adler: „Wird wohl meine letzte Saison sein“

Radefelder Ex-Profi Nicky Adler: „Wird wohl meine letzte Saison sein“

Johannes David
Leipziger Volkszeitung
Letzte Station Nordsachsen: Nicky Adler (r.) mit Jürgen Weber, Vize-Präsident des Radefelder SV.
Letzte Station Nordsachsen: Nicky Adler (r.) mit Jürgen Weber, Vize-Präsident des Radefelder SV. © Verein
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Ex-Profi Nicky Adler hat sich sein Comeback beim Radefelder SV ganz anders vorgestellt. Am Saisonende soll endgültig Schluss sein: Zeit für Erinnerungen und noch ein bisschen mehr.

Radefeld. Nein, so hat sich Nicky Adler sein Comeback nicht vorgestellt. Für ganze 36 Landesklasse-Minuten im Dress des Radefelder SV hat es bisher gereicht. Am 5. September stand der einstige Bundesligakicker in Torgau auf dem Platz. Nach gut einer halben Stunde zieht es heftig in der Wade. Adler humpelt von dannen, Muskelfaserriss. Die nächste in einer Reihe von Verletzungen, die den 35-Jährigen Ende 2019 zum Ende seiner Profilaufbahn zwangen. Seine Rückkehr als Amateur in Liga sieben im Sommer galt als echter Coup. Jetzt spürt er: „Das wird wohl meine letzte Saison sein. Mehr geht nicht.“ Und dann steigt der Kämpfer in ihm hoch: „Ich will das noch irgendwie zu Ende bringen. Bei einem Spiel soll es nicht bleiben und das ein oder andere Tor will ich noch schießen.“

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Einfach wird das nicht. Niemand weiß, wann und ob die Serie 2020/21 fortgesetzt wird. Und Nicky Adler weiß nicht, wie weit ihn seine Beine noch tragen. „Die Trainingseinheiten, bei denen ich war, sind mir sehr schwer gefallen. Ich habe jahrelang meinen Körper geschunden, bin seit zehn Jahren nicht schmerzfrei. Das war der Preis für knallharten Leistungssport“, erzählt der Angreifer. Doch es bleiben nicht nur Narben und Wunden von eineinhalb Jahrzehnten Profifußball. Erinnerungen an einstige Glanztage kommen ihm in den Sinn.

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von Nicky Adler

Oktober 2001: In der B-Junioren-Regionalliga kommt es zum Duell zwischen dem VfB Leipzig und dem 1. FC Magdeburg. Hier führt Nicky Adler den Ball. Zur Galerie
Oktober 2001: In der B-Junioren-Regionalliga kommt es zum Duell zwischen dem VfB Leipzig und dem 1. FC Magdeburg. Hier führt Nicky Adler den Ball. ©

Zum Beispiel diese. Bei der U20-Weltmeisterschaft 2005 traf Nicky Adler mit dem Adler auf der Brust und der deutschen Auswahl auf Argentinien – angeführt von den späteren Weltstars Lionel Messi, Angel di Maria und Sergio Agüero. Die Gauchos holten den Titel, gewannen die Partie der Gruppenphase gegen Deutschland 1:0, das damit offenbar glimpflich davonkam. „Messi hat uns aussehen lassen wie Fahnenstangen. Das sind Momente gewesen, in denen ich gemerkt habe, dass ich mit meinem Talent an Grenzen stoße.“

Gereicht hat es trotzdem für 13 Bundesligaspiele, drei Einsätze im Uefa-Cup und 187 Zweitligapartien versehen mit 34 Buden. Obendrauf gab es elf DFB-Pokalspiele und über 200 Begegnungen in den Ligen drei und vier. In Summe mehr als 400 Spiele. Ein bewegter Mann, eine bewegte Zeit, für insgesamt neun Vereine hat Adler gespielt. Profitum bedeutet eben auch bereit zu sein, ständig die Arbeitsstelle zu wechseln. „Du bist eine Ich-AG, stehst im ständigen Konkurrenzkampf und musst trotzdem mit den anderen harmonieren“, erzählt er.

„Krass, was da für Namen dabei waren“

Einen echten Freund im Fußballgeschäft hat der gebürtige Leipziger dennoch gefunden. Mit Christian Tiffert spielte er fünf Jahre (in Duisburg und Aue) Seite an Seite. Aus Arbeitskollegen wurden schnell Kumpels, im Trainingslager und bei Auswärtsspielen teilten sie sich ein Zimmer. Ihre gleichaltrigen Töchter spielten zusammen. „Der Mann macht von zehn Sachen auf dem Platz neun richtig und er tut alles für den Erfolg. Wir hatten auf dem Platz oft den gleichen Gedanken. Es war mir wirklich jeden Tag eine Ehre, mit ihm zu spielen.“ Für Adler Glücksfall und Ausnahme gleichermaßen. „Wir sind sehr gute Freunde geworden. Er ist da einer der wenigen, die ich aus dem Profifußball mitgenommen habe.“

In Radefeld dagegen funktionierte das Miteinander von Anfang an viel besser. „Ein sehr familiärer Verein mit vielen guten Jungs. Das Gemeinschaftsgefühl ist ganz anders als bei den Profis.“ Und wenn einer der Teamkollegen fragt, dann erzählt Nicky Adler gern von seinen Spielen gegen Stars wie Rafinha, Diego oder Rui Costa. Dabei scheint ihn seine Karriere noch immer selbst zu verblüffen. „Krass, was da für Namen dabei waren.“


Nicht zu halten: Der portugiesische Superstar Rui Costa versucht sich Nicky Adler (r.) und Peer Kluge zu entziehen.
Nicht zu halten: Der portugiesische Superstar Rui Costa versucht sich Nicky Adler (r.) und Peer Kluge zu entziehen. © dpa

Solch einen großen Namen hatte Adler selbst nie. In der Region freilich ist er sozusagen weltberühmt und sieht sich auch weiter in der Lage eine gute Kugel zu schieben. „Am Ball hab ich immer noch ein ganz ordentliches Niveau, aber es gehört eben auch laufen und kämpfen dazu. Und ich wollte schauen, wie es mit dem Beruf harmoniert.“ Denn seit Anfang des Jahres verdient Nicky Adler sein Geld nicht mehr mit Fußball, sondern als Führungskraft im Verteilzentrum von Kaufland in Osterfeld. Den Job beschreibt er als „Champions League des Einzelhandels, wir haben gerade wahnsinnig viel zu tun“.

Einzelhandelskaufmannslehre nach dem Abitur

Der Übergang vom Profikicker in die „normale“ Arbeitswelt sei nichtsdestotrotz eine große Umstellung gewesen. „Mit den Arbeitszeiten hatte ich schon teilweise zu kämpfen.“ Insbesondere das Drei-Schicht-System verlangt dem Stürmer einige Kondition ab. Montag früh halb vier auf Arbeit zu sein, bedeutet 2 Uhr aufzustehen. Das ist natürlich etwas anderes als zwei Trainingseinheiten pro Tag und am Wochenende ein Spiel. Das neue Leben birgt freilich auch Vorteile. „Ich hatte zum ersten Mal seit 18 Jahren im November eine Woche Urlaub.“

Zudem: „Ich war schon immer darauf vorbereitet. Ich weiß, dass ich noch 30 Jahre bis zur Rente habe und die sollen mir auch Spaß machen.“ Als Profi machte er nach dem Abitur eine Einzelhandelskaufmannslehre, dazu später per Fernstudium seinen Sportfachwirt, verschiedene Praktika und Hospitationen, um herauszufinden, was ihm neben dem Platz gefällt. Das hat offenbar formidabel funktioniert. „Ein nahtloser Übergang ist das Beste, was mir passieren konnte.“ Und falls zwischendurch ein paar Tore für den Radefelder SV abfallen, wäre das ein hübscher Nebeneffekt. Nicky Adler muss schließlich noch etwas zu Ende bringen.