25. August 2017 / 10:29 Uhr

"Man war in Hannover entweder Rot oder Blau": Rainer Behrends über DAS Stadtderby

"Man war in Hannover entweder Rot oder Blau": Rainer Behrends über DAS Stadtderby

Mark Bode
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Für 2019 hat Kult-Trainer Rainer Behrends den Bezirksliga-Aufstieg als Ziel ausgeschrieben. Wenn es seine <b>TuS Wettbergen</b> aber bereits vorher schafft, sagt Behrends sicher auch nicht nein. Allerdings muss seine TuS dafür nicht nur die Relegation überstehen, - Tabellenführer Ihme-Roloven ist dem Verfolgerfeld bereits enteilt - Behrends' Truppe muss auch die eigenen Verfolger abschütteln. Und das wird ein harter Kampf.
Trainer-Legende Rainer Behrends.
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Seine Lieblingsfarbe ist blau, eine Dauerkarte hat er von Hannover 96: Trainerikone Rainer Behrends erinnert sich nur zu gerne an das „einzig wahre Derby“ SV Arminia Hannover gegen Hannover 96. Mit vielen historischen Fotos!

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Herr Behrends, was ist Ihre Lieblingsfarbe?

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Das ist wirklich Blau – unabhängig vom Fußball. (lacht)

Aber es ist auch kein Geheimnis, dass Sie schon seit vielen Jahrzehnten ein Blauer sind, also: ein Fan des SV Arminia. Wie kam das zustande?

Schon als Kind und Jugendlicher war ich regelmäßig im Stadion und habe mir begeistert die Spiele angeschaut. Mein großes Vorbild war Lothar Ulsaß, der – wie ich – aus Ricklingen kam, für Arminia spielte und 1967 mit Eintracht Braunschweig Deutscher Meister wurde.

Wie war es denn zu der damaligen Zeit um die Rivalität zu Hannover 96 bestellt?

Man war in Hannover entweder für Rot oder Blau. Da gab es auch auf dem Schulhof immer mal gegenseitige Frotzeleien. Damals war es noch nicht ausgeprägt, dass man mit einem Trikot seines Vereins auf der Straße herumgelaufen ist. Wenn es das schon gegeben hätte, hätte ich garantiert immer ein blaues Trikot angehabt.

Beide Klubs befanden sich zu Ihrer aktiven Zeit noch auf Augenhöhe…

Wir sind 1976 in die zweite Liga aufgestiegen, 96 stieg da gerade aus der Bundesliga ab. Das war Gänsehaut pur, als wir vor 60.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion gegeneinander gespielt hatten. Das ist für mich das einzig wahre Derby. Arminia hat dann einen bösen strategischen Fehler begangen: Man ist aus dem eigenen Stadion in das Niedersachsenstadion gewechselt, weil es größer ist. Wir hatten bei uns am Bischofsholer Damm 12.000 Zuschauer, das war ein wahrer Hexenkessel. Im Niedersachsenstadion waren es 3000 und Stimmung kam in dem weiten Rund gar nicht auf.

Das ist Rainer Behrends

Rainer Behrends hatte als Jugendlicher eine große Karriere vor sich und schaffte sogar den Sprung in die Schülernationalelf. Dieses Bild zeigt ihn 1968 als 16-Jährigen vor einem Jugendländerspiel. Zur Galerie
Rainer Behrends hatte als Jugendlicher eine große Karriere vor sich und schaffte sogar den Sprung in die Schülernationalelf. Dieses Bild zeigt ihn 1968 als 16-Jährigen vor einem Jugendländerspiel. © imago/Rust

Sie hatten mit den Sportfreunde Ricklingen 1996 den Aufstieg in die Regionalliga geschafft, wechselten dann aber zu Arminia. Warum?

In der Saison lief es mit Ricklingen erst nicht rund. Und ich dachte mir dann, ich sollte vielleicht doch etwas anderes machen, wenn es wieder nicht mit dem Aufstieg klappt. Kurios war, dass wir nach meiner Entscheidung, die Sportfreunde zu verlassen, kein Spiel mehr verloren hatten. Aber meine Entscheidung für Arminia stand da schon fest. Deren Manager Rüdiger Uphoff hatte sich intensiv um mich bemüht. Und es war für mich auch ein Traum, als Trainer für Arminia zu arbeiten.

Dann gelang Ihnen gleich im ersten Jahr wieder der Aufstieg. In der Relegation setzten sie sich gegen den Heider SV durch.

Das war auch nervenaufreibend. Nach dem 0:0 bei uns im Hinspiel hatten uns alle abgeschrieben. Heide hatte über zwei Jahre kein Heimspiel verloren. Und dann gewannen wir 4:0. Die Rückfahrt war auch ein Traum. Die Freude war schließlich noch größer, als dann feststand, dass wir gegen 96 in der Regionalliga spielen dürfen.

Arminia und Hannover 96 auf Augenhöhe

Das Hinspiel gegen die Roten ging am 30. August 1997 mit 0:2 verloren. Wie hatten Sie die Partie erlebt?

Es war eigentlich kurios, denn ich hatte uns in dem Spiel sehr stark erlebt. Wir hätten das Spiel nicht verlieren müssen.

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Doch es gab ja noch das Rückspiel. Mit welcher Vorgabe hatten Sie die Jungs auf den Rasen geschickt?

Wir wollten möglichst lange die Null halten. Das ging nach 33 Sekunden schon schief. Bastian Reinhard erzielte die Führung für 96. Und ich dachte da schon, dass das richtig böse enden kann und 96 uns abschießt.

Es kam aber anders. Markus Erdmann glich die 96-Führungen jeweils aus. Was ging Ihnen in der Nachspielzeit durch den Kopf?

Wir waren alle wütend auf den Schiedsrichter, denn wir hätten diesen Punkt sofort genommen. Wir wollten, dass der die Partie abpfeift. Denn 96 hätte im Kampf um die Meisterschaft dringend einen Sieg gebracht. Als 96-Torwart Jörg Sievers den Rückpass unbedingt im Spiel halten wollte, ging Marcus Hoffmann hinterher. Ich habe selten einen Spieler erlebt, der so eine Pferdelunge hat. Und dann bugsiert er den Ball tatsächlich über die Linie.

Können Sie Ihre damaligen Gefühle beschreiben?

Das war Freude pur, einfach unglaublich. Das war wie ein Pokalsieg für uns. Jeder im Team ist über sich hinausgewachsen. Die Nacht war anschließend auch sehr kurz. (lacht)

Braunschweig freute sich mit den Blauen

Am Folgetag waren Sie beim Heimspiel von Eintracht Braunschweig gegen Wilhelmshaven im Stadion. Konnten Sie sich da vor Gratulanten überhaupt retten?

Das war wirklich schwierig. Die Braunschweiger hatten sich natürlich riesig über unseren Sieg gegen den Rivalen 96 gefreut. Denn nach dem Sieg über Wilhelmshaven sprang die Eintracht vorübergehend an die Tabellenspitze. Der Stadionsprecher begrüßte mich sogar über das Mikrofon, und die Fans haben alle applaudiert. Das war schon irre.

Wie war es denn in den darauffolgenden Tagen in Hannover?

Für eine Woche waren wir natürlich wer in der Stadt. Es gab allerdings nicht nur Schulterklopfer. 96-Fans beschimpften uns, dass wir dem Verein die Meisterschaft versauen würden.

"Arminia war nicht mutig genug"

Warum führte der Weg von 96 nach den kurzzeitigen Begegnungen auf Augenhöhe über die Jahrzehnte deutlich nach oben und der von Arminia nach unten?

Wir hatten Riesenmöglichkeiten, haben es aber verpennt, den Rückstand zu 96 aufzuholen. Der Verein war auch nicht mutig genug. Spieler wie Dieter Schatzschneider standen zu meiner aktiven Zeit kurz davor, zu Arminia zu kommen. Doch dann hat der Klub doch einen Rückzieher gemacht.

Die Voraussetzungen der beiden Vereine waren doch aber nie gleich…

Das stimmt. 96 hatte durch die Erfolge früher in der Meisterschaft, den Aufstiegen, Spielen in der ersten Liga natürlich eine ganz andere Fan-Basis als wir bei Arminia. Obwohl ich immer wieder erstaunt bin, was für ein hohes Ansehen Arminia im norddeutschen Raum noch hat. Wenn man nach Ostfriesland kommt, kennen die alle noch Arminia Hannover.

60.000 Zuschauer verfolgten am 16. Oktober 1976 das erste Aufeinandertreffen von Hannover 96 und dem SV Arminia Hannover in der zweiten Liga. Die Roten gewannen 1:0.

Die Feierabendkicker von SV Arminia Hannover starteten mit dieser Mannschaft als Aufsteiger in die Zweitliga-Saison 1976/77. Die Elf von Trainer Gerd Bohnsack (rechts, stehend) führte nach elf Spieltagen sogar die Tabelle an. Zur Galerie
Die "Feierabendkicker" von SV Arminia Hannover starteten mit dieser Mannschaft als Aufsteiger in die Zweitliga-Saison 1976/77. Die Elf von Trainer Gerd Bohnsack (rechts, stehend) führte nach elf Spieltagen sogar die Tabelle an. © imago

Blicken Sie neidisch auf Hannover 96?

Nein, gar nicht. Man muss die Leistungen und die Erfolge von denen anerkennen. Ich bin bekennender Hannoveraner und bin sehr froh darüber, dass der Verein in der Bundesliga spielt. Ich kann für beide Sympathien haben.

Solche Worte kommen bestimmt nicht bei jedem Arminen-Anhänger gut an…

Das stimmt wohl. (lacht) Aber ich stehe auch dazu, dass ich mir nach dem Bundesligaaufstieg von Hannover 96 eine Dauerkarte geholt hatte. Ich wollte eben gerne Teams wie Bayern, Bremen und Schalke hier sehen. Und ich fiebere auch richtig mit den Roten mit. Wenn mich Arminen vor oder nach dem Spiel treffen und sie meinen 96-Schal sehen, bekomme ich aber schon ein paar Sprüche zu hören.

"Hannover könnte zwei starke Teams vertragen"

Wird es jemals wieder ein Aufeinandertreffen in einem Punktspiel zwischen 96 und dem SVA geben?

Das kann ich mir kaum vorstellen. Die Schere im Fußball geht immer weiter auseinander, für kleine Klubs wird es immer schwerer, überhaupt zu bestehen. Die Stadt Hannover könnte allerdings zwei starke Teams vertragen, vielleicht noch eine Mannschaft in der dritten Liga. Aber es wäre schon ein Traum, wenn es Arminia überhaupt mal wieder in die Regionalliga schafft.

Hier die Bilder vom Sportbuzzer-Cup-Finale 2017 zwischen Arminia Hannover und dem HSC:

Jordan Petrov hält den Sportbuzzer-Cup und grinst. Zur Galerie
Jordan Petrov hält den Sportbuzzer-Cup und grinst. ©

Was muss dafür denn passieren?

Arminia hat das Potenzial auf jeden Fall. Man braucht nur eine Menge Sponsoren, die bereit sind, sich einzubringen – vielleicht aus alter Verbundenheit.

"Arminia ist ein kleines St. Pauli"

Was macht für Sie die Faszination Arminia aus?

Der ganze Klub ist ein kleines St. Pauli (lacht). Es gehört immer ein wenig Chaos zu dem Verein dazu, das macht es eben besonders. Und seit den 70er Jahren hat sich die Anlage nicht wesentlich verändert. Die Tribüne knarrt immer, wenn jemand darauf entlanggeht. Einzig das Unkraut ist ein wenig höher geworden. Aber allein die Fans sind unglaublich. Die stehen immer auf dem Lahmann-Hügel hinter dem Tor und feuern das Team an. Allein die hätten es schon verdient, dass es mal wieder in die Regionalliga geht.

Was tippen Sie für dieses Freundschaftsspiel?

Ich fürchte, es wird keinen 4:3-Sieg für Arminia geben. 96 wird in dem Spiel schon richtig Gas geben, da kann sich kein Spieler erlauben, nachzulassen. Sonst ist der Platz schnell futsch. Ich wünsche allen Arminen einfach, dass sie das Spiel genießen sollen.

Rollo Fuhrmann kommt als Field-Reporter zum Derby Hannover 96 gegen SV Arminia

Derby-Revival am 31. August

Als Sportbuzzer-Cup-Sieg hat der SV Arminia sich ein Freundschaftsspiel gegen Hannover 96 gesichert. Das Derby-Revival steigt am Donnerstag, 31. August, 18 Uhr, im 96-Stadion in der Eilenriede (Eilenriedestadion). Zusammen mit Stadionsprecher Christoph Dannowski kommentiert Ex-Sky-Reporter Rolf Fuhrmann das Spiel für Euch im Stadion. Die Zuschauereinnahmen gehen je zur Hälfte an die Sportstiftung der Neuen Presse und den SV Arminia.

Stehplätze kosten neun Euro (ermäßigt fünf), Sitzplätze 15 Euro (ermäßigt 10). Tickets sind ab sofort in den Geschäftsstellen und Ticketshops von HAZ und NP sowie in den 96-Fanshops erhältlich. Mehr zum Duell auf unserer Themenseite.