19. November 2020 / 14:46 Uhr

"Ich staune über ihren Mut": Rainer Hertle erforscht Geschichte jüdischer Fußballvereine in Leipzig

"Ich staune über ihren Mut": Rainer Hertle erforscht Geschichte jüdischer Fußballvereine in Leipzig

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Rainer Hertle berichtet nach feigem Anschlag auf eine jüdische Sportausstellung in Bochum über die Geschichte des jüdischen Sports in Leipzig. 
Rainer Hertle berichtet nach feigem Anschlag auf eine jüdische Sportausstellung in Bochum über die Geschichte des jüdischen Sports in Leipzig.  © Uwe Pullwitt/ imago images / United Archives International (Montage)
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Schikane und Terror: Die jüdischen Fußballvereine in Deutschland erlebten im Nationalsozialismus schwere Zeiten. Ein Experte für jüdische Vereine ist Rainer Hertle (73), der deren Geschichte mit einem Schwerpunkt auf Leipzig ehrenamtlich erforscht.  Dass Hertles Forschungen auch heute noch von hoher Bedeutung sind, hat ein aktueller Vorfall unter Beweis gestellt. 

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Rainer Hertle erforscht seit Jahren die Anfänge des Sports in Mitteldeutschland, speziell im Leipziger Raum. Eines der Teilgebiete, zu dem der frühere Präsident des Leipziger und Vize des Sächsischen Fußball-Verbandes jede Menge historisches Material und Fakten zusammengetragen hat, ist der jüdische Sport in Leipzig.

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Das Thema erlangte in diesen Tagen traurige Aktualität: Ausgerechnet am 9. November, als sich die sogenannte Reichspogromnacht zum 82. Mal jährte, wurden in Bochum lebensgroße Plexiglasfiguren mit Motiven jüdischer Sportgrößen in einer Ausstellung über jüdische Sportstars stark beschädigt.

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Auch der 73 Jahre alte Hertle ist erschüttert, seine Arbeit ist um so wichtiger. „Man muss wissen, dass jüdische Sportler in den um 1900 entstandenen Vereinen meist völlig integriert waren. Oftmals wussten ihre Kameraden gar nicht, dass sie Juden sind, sie gehörten meist selbstverständlich dazu“, recherchierte Hertle.

1600 Bar-Kochba-Mitglieder

Die Vereine hatten sich in verschiedenen Verbänden organisiert. Um 1919/20 setzten Bestrebungen jüdischer Bürger ein, eigene Vereine zu gründen. Der erste jüdische Verein Leipzigs war der SC Bar Kochba, der unter Führung von Adolf Rotter gegründet wurde.

Der Verein war zionistisch ausgerichtet, was hieß, dass dessen Mitglieder auf längere Sicht ihre Zukunft im „gelobten Land“, im heutigen Israel sahen. Wie ernst es damit den einzelnen Mitgliedern war, ist schwer zu sagen. Ihre Bindung zu Leipzig war offenbar trotzdem nicht gering.

In Spitzenzeiten hatte der Verein, der vor allem starke Schwimmer und Boxer entwickelte, bis zu 1600 Mitglieder. Bar Kochba, benannt nach einem jüdischen Rebellen aus der Zeit römischer Besatzung, baute im Norden Leipzigs seinen – heute nicht mehr existierenden – Sportplatz. Danach gründeten sich 1925 der TC Leipzig Rot-Weiß (beheimatet am Forsthaus Raschwitz), der Jüdische Arbeiter- und Sportverein Leipzig (ohne eigenen Sportplatz) sowie 1934, unter Duldung des nun herrschenden Nazi-Regimes, der SV Schild Leipzig, der seine Heimstatt in Thekla (heute SV Thekla) baute.

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Schild war auch Mitglied im Jüdischen Frontkämpferbund, einem Zusammenschluss von Soldaten und Offizieren, die im I. Weltkrieg für Deutschland gekämpft und ihr Leben riskiert hatten. Die Mitglieder des SV Schild waren ihrem Heimatland sehr verbunden. „Vielleicht gründeten sich die Vereine auch als eine Art Schutz vor der sich abzeichnenden Bedrohung durch die neuen Machthaber“, mutmaßt Hertle über die Motive und erklärt die eher hinterhältige Duldung: „So hatte die NSDAP einen besseren Überblick über jüdische Sportler. Nicht umsonst sicherte sich die Nazi-Behörden als erstes die Mitgliederlisten der jüdischen wie auch anderer missliebigen Vereine, so vom Arbeiter-, Turn- und Sportbund.“

Die Schikanen nahmen zu

Zu Beginn der Nazi-Herrschaft durften die jüdischen Fußballvereine noch in deutschen Ligen mitspielen. Doch bald wurde ihnen das verboten, woraufhin sie zunächst untereinander weiterspielten, zum Beispiel auch gegen jüdische Teams anderer Städte, organisiert unterm Dach von Maccabi oder Schild. Doch die Schikanen nahmen zu. „Es gab Angriffe der berüchtigten SA auf jüdische Sportplätze und auf die des ATSB“, weiß Hertle, „wie auch Denunziationen von schier normalen Bürgern.“

Bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wahrte das Regime wegen der internationalen Wirkung einigermaßen das Gesicht. Gleich danach wurden die Präsidenten der Vereine Bar Kochba, Schild und TC Rot-Weiß zur SS einbestellt. „Ich staune über ihren Mut, ihnen drohte dort die sofortige Verhaftung“, so Hertle. „Ihnen wurde aber zunächst nur verkündet, dass sie den Sportbetrieb sofort einzustellen hätten.“

Die Repressionen wurden immer schlimmer. Die Leipziger SS-Schergen preschten übereifrig vor, denn zum deutschlandweiten Sportverbot für Juden kam es erst mit den November-Pogromen 1938. „Das wurde den Vereinen zynischerweise postalisch zugestellt, obwohl diese da gar nicht mehr existieren konnten“, beschreibt Hertle die absurde wie verzweifelte Situation der Sportler.

Die Präsidenten erkannten die grausamen Zeichen der Zeit, emigrierten nach England und kehrten nach dem Krieg nach Westdeutschlands zurück. „Rot-Weiß-Präsident Dr. Michaelis versuchte von dort aus, das Vereinsgelände zurückzubekommen, was die DDR aber ablehnte“, so Hertle. Heute gibt es mit Maccabi Leipzig einen jüdischen Sportverein in der Messestadt, mit Abteilungen für Tischtennis, Schach, Volleyball und Fußball. Insgesamt gibt es in Deutschland im Maccabi-Verband heute wieder immerhin 37 Vereine.