20. April 2019 / 07:56 Uhr

Ralf Rangnick: „Das Ganze hat Züge eines Schachspiels angenommen“

Ralf Rangnick: „Das Ganze hat Züge eines Schachspiels angenommen“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
RB-Leipzig-Sportdirektor Rangnick im LVZ-Talk (7) (Dirk Knofe)
RB-Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick mit Guido Schäfer (links) im Talk. © Dirk Knofe
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Der Trainer der Rasenballer hat einen ganz großen Anteil an der positiven sportlichen Entwicklung in dieser Saison. Seine Kicker können sich sowohl für die Champions League als auch das deutsche Pokalfinale qualifizieren. Guido Schäfer hat den „Mister RB Leipzig“ befragt.

Leipzig. Als der eine Ralf (Rangnick) im Sommer 2018 den anderen Ralph (Hasenhüttl) beerbte, war für die (Bedenken-)Träger der engen Mützen weitestgehend klar: Die Roten Bullen schießen sich mit dieser Trainer-Rochade ins eigene Knie, diesmal wird Rangnick entzaubert und läutet sein Ende als „Mister RB Leipzig“ ein. Der Start in die Saison kippte schales Wasser auf die Mühlen, nach dem 1:4 in Dortmund und dem 1:1 gegen Düsseldorf dümpelte RB im Tiefparterre der Liga. 43 Pflichtspiele später sind Champions-League-Teilnahme und Pokalfinale greifbar nah. Rangnicks Tun weist einen noch besseren Punkteschnitt (1,98) als bei seinem ersten RB-Aushilfsjob in der zweiten Liga (1,94) aus. Rangnick, 60, über die wichtigen Spiele in Gladbach (Sonnabend, 18.30 Uhr) und in Hamburg (Dienstag, 20.45 Uhr) und eine Übergangssaison der besonderen Art. Übrigens: Hasenhüttl hat den FC Southampton wachgeküsst und auf einen Nichtabstiegsplatz geführt. Ralf & Ralph mögen sich wieder.

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Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. Zur Galerie
Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. ©

Wie fühlt sich eine Woche der Wahrheit an?
Wir freuen uns auf diese Spiele. Im Training herrscht eine gute Kombination aus Spielfreude, Spaß, taktischer Disziplin und Konzentration. Wenn wir das auf den Platz bringen, sind wir nur schwer zu schlagen. Mit diesem Bewusstsein fahren wir auch nach Gladbach. Wir wissen, dass wir einen Riesenschritt machen können. Wenn wir gewinnen sollten, hätten wir zehn Punkte Vorsprung vor Gladbach. Bei einem Unentschieden bliebe es bei sieben plus das bessere Torverhältnis. Selbst wenn wir verlieren würden, bleibt die Ausgangslage gut. Wir haben das Selbstvertrauen zu sagen: Wir fahren zu sehr starken Gladbachern und wollen drei Punkte holen.

Hat der Hamburg-Ausflug in Sachen DFB-Pokal-Halbfinale irgendeinen Einfluss aufs Gladbach-Spiel?
Wir werden in beiden Spielen die best- und frischestmögliche Mannschaft aufs Feld schicken. Es kann gut sein, dass in Hamburg drei, vier neue Spieler in der ersten Elf stehen werden.

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Der Pokal hat seine... Sie wissen schon. Wie gefährlich ist der HSV?
Wir spielen nicht bei einem Dritt- oder Viertligisten. Der HSV ist gefühlter Bundesligist, es ist alles angerichtet für ein Topspiel. Und so fühlt es sich auch für uns an. Bei uns nimmt keiner den HSV auf die leichte Schulter, wir brauchen am Dienstagabend eine Top-Leistung.

Champions League? Großartig!

Wer wird eigentlich Meister?
Der BVB darf sich keinen Ausrutscher mehr erlauben, die Bayern sind mittlerweile wieder sehr stabil. Ich gönne es beiden, vom Gefühl her glaube ich aber, dass die Bayern am Ende knapp vorne liegen werden.

Wie schwer wiegt das Pfund Champions League beim Werben um neue Spieler? Finanziell und ideell.
Wir hätten sicherlich einen größeren finanziellen Handlungsspielraum. Bei den Spielern, an denen wir dran sind, ist es aber nicht entscheidend, ob wir Champions League oder Europa League spielen. Champions League wäre für unseren sportlichen Ehrgeiz, die Fans, die Stadt und die Entwicklung unseres Vereins einfach großartig.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Danke für den Hinweis. Wir wollen Platz drei oder vier möglichst frühzeitig sichern. Es soll in den beiden letzten Spielen (gegen Bayern, in Bremen) im besten Fall nicht mehr um entscheidende Punkte gehen, auch, um sich optimal auf eine eventuelle Teilnahme am Pokal-Finale vorzubereiten.

1:4 in Dortmund, aller Anfang war schwer. Wie fanden Sie die August-Schlagzeile „Rangnick Letzter!“?
Ich war nur vom Ergebnis enttäuscht, die Spielweise war richtig gut, aggressiv, couragiert. Dabei hatten wir damals noch nicht alle Spieler auf einem Top-Level. Die einen kamen aus einer Verletzung, andere hatten im Urlaub keine einzige der Hausaufgaben gemacht. Das ist natürlich nicht kompatibel mit dem Fußball, den wir spielen wollen. Wenn wir damals schon einen Emil Forsberg und Dayot Upamecano in Topform gehabt hätten und Amadou Haidara und Tyler Adams bei uns gewesen wären, dann wäre insgesamt wahrscheinlich noch mehr möglich gewesen, als das, was aktuell passiert. Das ist aber alles nur rein hypothetisch. Oder, um es etwas umgangssprachlicher zu sagen: Hätte, wenn und aber, alles nur Gelaber. Es ist gut so wie es ist. Wir wollen die Saison zu einem bestmöglichen Ende führen. Und das heißt Platz drei in der Liga und Pokal-Finale. Und dort kann alles passieren.

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Ein guter Coach sieht, was auf dem Feld falsch läuft, verändert und coacht im Wortsinn.
Stimmt. Ich versuche, mich nicht von positiven oder negativen Dingen auf dem Spielfeld leiten zu lassen. Die besten Entscheidungen triffst du als Trainer, wenn du das Spiel beobachtest, als würden zwei Mannschaften spielen, mit denen man nichts zu tun hat. Ich finde, wir haben das in den vergangenen Wochen gut hinbekommen. Wir mussten viele Entscheidungen treffen, Grundordnungen verändern, auf viele Fragen Antworten finden. Wen wechseln wir ein, wen nicht, wie reagiert der Gegner? Das Ganze hat in den letzten Jahren schon Züge eines Schachspiels angenommen. Wichtig ist auch der Austausch mit unserem Mann auf der Tribüne. Lars Kornetka ist via Headset mit Robert Klauß verbunden, seine Beobachtungen fließen in die Entscheidungsprozesse mit ein. Wir sind im permanenten Austausch.

Im modernen Fußball sind Trainer wie Spieler, werden gescoutet, weiterentwickelt, verkauft. Logische Entwicklung?
Es ist höchste Zeit, dass Trainer gescoutet werden, das passiert auch schon bei Kaderplanern und Sportdirektoren. Für mich ist das eine logische Entwicklung. Die Qualität und Mentalität der Spieler ist wichtig, aber genauso wichtig ist die Qualität derer, die mit den Spielern arbeiten und sie entwickeln. Bei den Top-Clubs der Premier League arbeiten internationale Top-Trainer. Die wissen, wo die guten Spieler sind und dass gute Mitarbeiter und Strukturen dazugehören.

Robert Klauß hat großes Potenzial

Sie gehören zu den Ruhigen an der Außenlinie. Diesbezüglich müssen Sie einen gewissen Herrn Nagelsmann in Bälde einnorden.
Da gibt‘s noch andere, die im Ranking vor Julian sind. Ich werde weiterhin als Sportdirektor nicht auf der Bank sitzen, Julian hat wie damals Ralph Hasenhüttl da unten die komplette Entscheidungshoheit. Er soll so bleiben wie er ist.

Stimmt es, dass Ihrem Assistenten Robert Klauß Cheftrainer-Angebote vorlagen.
Ja, aus der zweiten und dritten Liga. Robert ist mir schon 2012 als Co-Trainer der U14 mit guten blitzgescheiten Fragen aufgefallen. Er hat großes Potenzial und ich zähle ihn zu den deutschen Trainer-Talenten. Er möchte einen Schritt nach dem anderen machen, will nicht gleich an die Fleischtöpfe ran, sich bei mir und dann ab Sommer unter Julian Nagelsmann weiterentwickeln und dazulernen.

Bilder: RB-Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick im LVZ-Talk mit Guido Schäfer

RB-Leipzig-Sportdirektor Rangnick im LVZ-Talk (28) (Dirk Knofe) Zur Galerie
RB-Leipzig-Sportdirektor Rangnick im LVZ-Talk (28) (Dirk Knofe) ©

Ihr anderer Assistent, Jesse Marsch, verändert sich im Sommer Richtung Salzburg. Guter Mann?
Guter Typ und toller Fachmann. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich irgendein Spieler ins emotionale Exil verabschiedet hat. Das ist auch ein Verdienst von Jesse, er ist empathisch, weiß aus eigener Erfahrung als Profi und Cheftrainer, dass Spieler mit weniger Einsatzzeiten mehr Ansprache benötigen. Bei uns sind derzeit alle Spieler emotional mit an Bord.

Kleiner Etat, große Idee, heiße Herzen: Wie gefällt Ihnen Ajax Amsterdam?
Ajax spielt nicht den typischen holländischen Ballbesitzfußball, eigentlich ist das ein Stilbruch. Ajax hat in Madrid und Turin extrem hoch verteidigt, hat früh attackiert. Das sind Top-Mannschaften wie Real oder Juve nicht gewohnt, das traut sich sonst so gut wie niemand. Für mich war das eine mutige und logische Strategie. Mir gefällt die taktische Herangehensweise.

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