24. Mai 2017 / 07:42 Uhr

Ralf Rangnick im exklusiven Interview: „Ich bin mit ganzem Herzen Leipziger“

Ralf Rangnick im exklusiven Interview: „Ich bin mit ganzem Herzen Leipziger“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Ralf Rangnick kündigt weitere Transfers an.
Fühlt sich in Leipzig pudelwohl: Ralf Rangnick. © Archiv
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Im zweiten Teil des großen Interviews, spricht der Sportdirektor von RB Leipzig ausführlich über die abgeschlossene Saison, Naby Keita, Timo Werner und seine Liebe zur Messestadt.

Leipzig. Sportdirektor Ralf Rangnick, 58, ist nach einer extrem erfolgreichen Bundesliga-Saison von RB Leipzig der Mann der Stunde. Nach den Erinnerungen an die Aufstiegsjahre in Leipzig im ersten Teil unseres Interviews spricht er im zweiten Teil nun über die zu Ende gegangene Saison und blickt in die Zukunft.

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Sie und Alexander Zorniger haben 2012 feucht durchgewischt, unter jeden Stein geschaut, den Club auf links gedreht. Neue Ärzte, Physios, Spieler und so weiter.

Das mussten wir.

Wann sahen Sie, dass es gut war?

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Dass Dinge besser funktionieren, war zeitnah sichtbar. Wir wollten gesund und organisch wachsen – und zwar nicht mit einer halben Bundesliga-Mannschaft für die vierte oder dritte Liga.

In Bezug auf Kaderzusammenstellungen halten Sie nach wie vor nach Spielern Ausschau, deren nächster logischer Karriereschritt RB Leipzig ist.

Deshalb ist 2012 oder 2013 auch kein Erst- oder Zweitligaspieler zu uns geholt worden. Was soll so einer in der dritten oder vierten Liga, außer Geld verdienen?

Wäre der FC Bayern oder Manchester United ein logischer Schritt für Naby Keita?

Irgendwann vielleicht.

Wann ist irgendwann?

Naby hat sich bei uns fantastisch entwickelt. Er fühlt sich wohl bei uns und spielt klasse Fußball.

Keita hat eine Ausstiegsklausel, die nach unseren Informationen 2018 oder 2019 greift. Im Zuge einer Vertragsverlängerung über 2020 hinaus würden Sie dem jungen Mann die Klausel gerne abkaufen. Womit Keita die enge Gehaltsmütze abziehen würde.

Vertragsdetails bleiben, wo sie hingehören. Nur so viel: Der Spieler, wir und der Berater sollen sich gut dabei fühlen – eine Win-Win-Win-Situation.


Naby Keita: Nicht ganz so prachtvoll wie sonst, diesmal Held der Arbeit. Note 2. (@ dpa)
Für RB Leipzig extrem wertvoll und auch im Fokus anderer Klubs: Naby Keita. © Archiv

Keita neigt zu Überreaktionen im Nahkampf. Gegen Hoffenheim und Bayern hatte er Glück, dass der Ball und die Augen des Schiedsrichters woanders waren, als er zur altdeutschen Sense ansetzte. Haben Sie mit Keita darüber gesprochen?

Ja, wir haben auch mit Emil Forsberg nach seinem Foul an Philipp Lahm gesprochen. Naby tut keiner Fliege etwas zuleide, aber wenn es hitzig wird, neigt er manchmal dazu. Wir wollen Spieler, die selbstbewusst sind und sich nichts gefallen lassen. Unnötige Fouls wollen wir nicht.

Ihr Vertrag läuft nur bis 2019. Warum sollte Keita länger bleiben, wenn sein Entdecker in Bälde den Adler macht?

Wie kommen Sie darauf, dass ich hier aufhöre? Jetzt, wo es anfängt, richtig Spaß zu machen.

Verlängern Sie doch bis 2030, dann ist an dieser Front Ruhe.

Wenn der Verein den Wunsch hat, unsere Zusammenarbeit auszuweiten, setze ich mich mit Oliver Mintzlaff zusammen. Ich bin mit ganzem Herzen Leipziger und fühle mich in dieser wunderschönen Stadt pudelwohl.

Sie haben ein gutes Gespür. Sie haben Diego Demme 2014 für 350 000 Euro aus Paderborn geholt. Demme ist Stammspieler, demnächst Nationalspieler. Ein Top-Einkauf.

Diego ist ein Paradebespiel dafür, was man mit Mentalität erreichen kann. Fast ein modernes Märchen.

Timo Werner hat zehn Millionen Euro gekostet und hat sich und seinen Marktwert explosionsartig entwickelt. Auch ein Top-Einkauf.

Ja. Timo konnte auch vorher kicken, war schnell und gut vor dem Tor. Hier kam auch noch die große Wertschätzung für ihn dazu. Er hat sich, wie viele andere auch, bei uns fantastisch entwickelt.

Ralph Hasenhüttl sagt, dass er, umzingelt von hoch motivierten Experten, ein besserer Trainer geworden ist. Wenn er so weitermacht, überholt er Sie.

Ich stimme Ralph zu, er ist ein noch besserer Trainer geworden. Es ist eine Freude, sich mit ihm auszutauschen. Nicht nur über Fußball. Er passt einfach perfekt zu uns.

Ralph & Ralf: Trainer Hasenhüttl und Sportdirektor Rangnick haben sich gesucht und gefunden. 
Zwei, die sich verstehen: Ralph Hasenhüttl und Ralf Rangnick. © Archiv

Hätten Sie gegen die Bayern auch alle Sturm-Stars ausgewechselt?

Ja, das war in diesem Spiel unter den gegebenen Umständen die absolut richtige Entscheidung. Deshalb hätten wir in einem Spiel, in dem es nur um Prestige ging, Verletzungen von Leistungsträgern riskieren sollen. Direkt nach dem Spiel habe ich mich über das 4:5 geärgert. Niemand verliert schließlich gerne. Ich bin dann mit meinem Sohn essen gegangen und war mir zwei Stunden später sicher: Gut, dass wir nicht 4:2 gewonnen haben. Sonst hätten einige gedacht, wir sind schon eine große Mannschaft.

Sie haben regelmäßig neue Ideen, schrauben permanent am Boliden RB Leipzig. Kann es sein, dass an manchen Stellen weniger mehr ist und Sie Ihre Untergebenen überfordern?

Ich überfordere keinen. Aber klar ist auch, dass nicht jeder jede Entwicklung mitmachen kann und will.

Da bleiben dann einige Männlein und Weiblein auf der Stecke.

Wenn man sich trennt, passiert das bei uns auf möglichst einfühlsame Art und Weise. Wir dürfen uns allerdings nicht ausruhen und zurücklehnen, müssen innovativ und beweglich im Kopf bleiben. Wenn du in diesem Job erfolgreich sein willst, darfst du nicht mit der Zeit gehen. Du musst der Zeit voraus sein. Wir müssen uns die Frage stellen, wie die Welt in ein paar Jahren aussieht. Mein Vater hatte noch nie einen Computer in der Hand. Mit 63 hat er sich einen Macintosh gekauft. Weil er neugierig war. Das ist er heute noch. Helmut Groß (Ralf Rangnicks Mentor; d. Red.) ist jetzt über 70 und sprüht vor Ideen und Tatendrang, ist im Herzen und in der Seele ein 30-Jähriger.

Weiß Ihr neuer Assistent Per Nilsson, dass ein Rangnick-Tag 36 Stunden hat?

Sie übertreiben. Per durchläuft bei uns verschiedene Abteilungen.

Unterschiedliche Auffassungen: Alexander Zorniger und Ralf Rangnick.
Verstehen sich inzwischen wieder gut, hatten am Ende aber unterschiedliche Auffassungen: Ralf Rangnick und Alexander Zorniger. © Archiv

Um Sie eines Tages abzulösen?

Um das Handwerk zu erlernen. Wollen Sie mich loswerden?

Wäre RB ohne Sie überlebensfähig?

Das ist auf jeden Fall mein Ziel. Deshalb ist mein Wissen kein Herrschaftswissen, sondern wird geteilt. Wenn ich eines Tages aufhöre, möchte ich ein in jeder Hinsicht bestelltes Feld hinterlassen.

In Hoffenheim ging es zu Ihrer Zeit bergab, als die Ferraris lauter als die Traktoren wurden. Haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Ja. Damals kam uns die Harmonie ab­handen, kamen Neid und Missgunst
auf.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Ex-Coach Alexander Zorniger?

Gut, wir schreiben uns hin und wieder. Als er sich für Matthias Jaissle als Co-Trainer entschieden hat, haben wir ihn trotz laufendem Vertrag zu Alex gehen lassen.

Philipp Lahm hat aufgehört. Guter Mann, guter Zeitpunkt?

Beides. Philipp hatte das, was wir auch in Leipzig brauchen: Mentalität, Mentalität, Mentalität. Im Jahr 2003 hat mir Hermann Gerland Philipp in Hannover ans Herz gelegt. Ich hatte damals meinen Kapitän Altin Lala, dachte, Philipp sei ein Sechser und habe dankend abgelehnt. Er ist auch ohne mich ein Weltklassespieler geworden (lacht).

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