01. August 2020 / 09:05 Uhr

Ralf Rangnick, RB Leipzig und das Ende einer Ära: Deshalb war die Trennung unausweichlich

Ralf Rangnick, RB Leipzig und das Ende einer Ära: Deshalb war die Trennung unausweichlich

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Nach acht Jahren endet Ralf Rangnicks Zeit beim Red-Bull-Konzern.
Nach acht Jahren endet Ralf Rangnicks Zeit beim Red-Bull-Konzern. © dpa
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Das Kapitel Red Bull ist für Ralf Rangnick vorbei. Der Architekt des RB-Aufstieges von der 4. Liga in die Champions League löst seinen Vertrag auf. 

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Leipzig: Der eine – Abwehr-Ass Dayot Upamecano – bleibt länger, genauer gesagt bis 2023 und befreit die Roten Bullen vom Horror-Szenario ablösefreier Wechsel. Der andere – Ralf Rangnick – geht vorfristig, genauer gesagt ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages bei Red Bull.

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Mit Rangnicks Vertragsauflösung endet nach acht bewegten und überaus erfolgreichen Jahren auf der Überholspur eine Ära. Der 62-jährige Schwabe hat die Rasenballer 2012 in der piefigen 4. Liga übernommen, den irrlichternden Klub auf links gedreht und mit Hingabe, Können, harter Hand, Ansagen und Entscheidungen bis in die Champions League geführt.

RB erblickte im Mai 2009 das Licht der Welt, der eigentliche Geburtstag datiert vom Sommer 2012, als Rangnick "Ja" sagt zur Offerte von Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz. "Ja" zum Sportdirektoren-Job in Leipzig und Salzburg.

Vorbild für erfolgreiches Management

Am Freitag endete die Ehe Mateschitz/Rangnick mit Verlautbarungen, die, nun ja, mit Vorsicht zu genießen sind, weil sie einen nicht ganz so harmonischen Teil der Wahrheit aussparen. Beginnen wir mit Mateschitz. "Wir lassen Ralf Rangnick nur ungern ziehen, entsprechen aber seinem Wunsch nach Vertragsauflösung und danken ihm für die außergewöhnliche Arbeit, die er in den letzten acht Jahren geleistet hat. Dank Ralf Rangnick gilt Red Bull Soccer heute weltweit als Referenzpunkt und Vorbild für erfolgreiches Management im Fußball. Es ist uns beispielsweise gelungen, mit RB Leipzig auf beeindruckende Weise aus der 4. Liga in die Top 8 des europäischen Klubfußballs vorzustoßen. Ich danke Ralf aber nicht nur für die geleistete Arbeit, sondern auch für seine Freundschaft und Verbundenheit ganz herzlich."

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Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. Zur Galerie
Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. ©

Rangnick lässt sich so zitieren: "Für mich ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, meine Tätigkeit bei Red Bull zu beenden. Ich möchte mich bei allen Mitarbeitern und speziell bei Dietrich Mateschitz für die Unterstützung und das Vertrauen bedanken. Er hat mir die Möglichkeit gegeben, hier über all die Jahre etwas Einzigartiges aufzubauen. Red Bull Soccer steht heute für eine höchst erfolgreiche Organisation, die rund um den Globus sehr gut aufgestellt ist. Hierzu einen Beitrag geleistet zu haben war mir eine große Ehre und erfüllt mich mit Stolz. Ich wünsche Red Bull für die Zukunft weiterhin alles Gute."

Verhältnis wurde schlechter

Wie gesagt: nur die halbe Wahrheit. Wahr ist, dass der Trennung diverse Machtkämpfe und Kompetenzstreitigkeiten vorangegangen sind. Rangnick störte es beispielsweise kolossal, dass er bei den Anbahnungsgesprächen mit Erling Haaland erst dann einbezogen wurde, als das Kind schon im Brunnen beziehungsweise in Dortmund war. Seine Dienste, Kontakte und Netzwerke wurden in der vergangenen Saison so gut wie gar nicht in Anspruch genommen. Das war trotz seines 2019er-Wechsels zur internationalen Red-Bull-Sparte so nicht abgesprochen.

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Die RB-Bosse um Oliver Mintzlaff wiederum fanden es nicht ganz so prickelnd, dass Rangnick während seiner Tätigkeit als Trainer und Sportdirektor in der Saison 2018/2019 auch noch Körner bei seiner Ralf-Rangnick-Stiftung ließ. Das Verhältnis zwischen dem genialen Zahlenmenschen und Verhandlungsführer Mintzlaff und dem getriebenen Fußball-Macher Rangnick wurde von Tag zu Tag schlechter, gemeinsame Nenner verflüchtigten sich mit dem Dienstantritt von Cheftrainer Julian Nagelsmann und Sportdirektor Markus Krösche im Sommer letzten Jahres endgültig.

RB-Kader wurde verjüngt

Alles auf Anfang anno 2012: Am 3. Juli 2012 wehen in Piesteritz laue Winde. Erster Test der Rasenballer unter Coach Alexander Zorniger und Boss Ralf Rangnick. Rangnick will Überblick, besteigt ein Baugerüst, lässt sich eine Bratwurst reichen. Im Piesteritzer Parterre führt Timo Rost bei RB Regie. Rost ist 33, hat viele Kilometer auf der Uhr und schmerzende Achillessehnen. Bei RB spielen viele Rosts.

Rangnick und Zorniger sind sich einig: So wird das nix. Der neue Kader wird jünger, schnittiger. Erster Königstransfer: Der Hoffenheimer Profi Dominik Kaiser steigt 23-jährig hinab von der Bundesliga in die Regionalliga Nordost. RB muss gegen Mannschaften wie Torgelower SV Greif, Optik Rathenow, die TSG Neustrelitz und die U23 von Union Berlin ran, wird Meister.

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Der Kader von RB Leipzig bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2020/21 stehen bereits fest. Zur Galerie
Der Kader von RB Leipzig bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2020/21 stehen bereits fest. ©

Dann steigt der Krimi unterm Lotter Autobahnkreuz. Die Sportfreunde Lotte zwingen RB am 2. Juni 2013 im Rückspiel in die Verlängerung, dort machen die Roten Bullen alles klar, spielen 2:2. Rangnick: "Das war der wichtigste und schwerste Aufstieg." Er kauft den Sportfreunden die alten Alu-Tore ab. Die stehen seitdem in der RB-Asservatenkammer, sollen Bestandteil eines RB-Museums werden. Als Tore zur großen weiten Fußball-Welt. Es folgen zwei weitere Aufstiege in drei Jahren. Der in die Bundesliga 2016 unter dem Trainer Rangnick.

Leipzig bleibt Lebensmittelpunkt für Ralf Rangnick

Am 21. Juni 2018 wird bekannt, dass Julian Nagelsmann ab 1. Juli 2019 von RB Leipzig bezahlt wird. Und bis dahin sitzt wer auf der Trainerbank? Rangnick. RR führt RB in die Champions League und ins Pokalfinale, gründet in seiner nicht vorhandenen Freizeit die Ralf-Rangnick-Stiftung zur Förderung benachteiligter Kinder. Im Sommer 2019 lässt er ab von der unmittelbaren Macht bei RB, kümmert sich zwischenzeitlich um die Red-Bull-Standorte New York und Brasilien, ist bei den Rasenballern fünftes Rad am Wagen.

Jetzt also das Ende ohne offiziellen Schrecken. Upamecano war übrigens eines der Top-Talente, die Rangnick nach allen Regeln der Kunst umgarnte und nach Leipzig holte. Und das noch: Leipzig bleibt weiterhin Lebensmittelpunkt Ralf Rangnicks. Dr. Helge Riepenhof wurde als medizinischer Direktor installiert.