13. Januar 2021 / 17:04 Uhr

Ralf Schaeffer zum Start der Handball-WM: "Ich war skeptisch und zurückhaltend"

Ralf Schaeffer zum Start der Handball-WM: "Ich war skeptisch und zurückhaltend"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Bei der U21-Weltmeisterschaft 2015 in Russland traf Ralf Schaeffer (r.) auf IHF-Präsident Hassan Moustafa.
Bei der U21-Weltmeisterschaft 2015 in Russland traf Ralf Schaeffer (r.) auf IHF-Präsident Hassan Moustafa. © privat
Anzeige

Der Mannschaftsarzt der U21-Handball-Nationalmannschaft, der als Oberarzt am Kyritzer KMG Klinikum tätig ist, spricht über das Gastgeberland Ägypten, die deutschen Chancen und Bundestrainer Alfred Gislason.

Auf Amateurebene ist der Sport wegen der Corona-Pandemie gänzlich zum Stillstand gekommen, vor dem Fernseher kann man immerhin noch mit den Profis mitfiebern. In den nächsten dreieinhalb Wochen kommen die Handballfans voll auf ihre Kosten, die 27. Weltmeisterschaft der Männer startet heute in Ägypten. Einer aus der hiesigen Region, der sich im Handball bestens auskennt, ist Ralf Schaeffer. Der Mannschaftsarzt der U21-Nationalmannschaft, der als Oberarzt im Kyritzer KMG Klinikum tätig ist, freut sich auf das Turnier. Im Vorfeld sprach der 51-Jährige über die Austragung inmitten der Pandemie, das Gastgeberland, die deutschen Chancen und Trainer Alfreð Gíslason.

Anzeige

Herr Schaeffer, die Ausrichtung der Weltmeisterschaft wurde von Spielern und Verantwortlichen kritisiert. Gehen Sie da mit?

Ralf Schaeffer: Ich war zunächst auch skeptisch und zurückhaltend. In den letzten Wochen und Monaten haben aber auch andere Sportarten wie Fußball, Nordische Kombination oder Ski Alpin ihren Wettkampfbetrieb fortgesetzt. Warum sollte der Handball da eine Ausnahme stellen? Das Turnier kann meiner Meinung nach auch dafür sorgen, dass die Zuschauer, Fans und Bürger wieder ein bisschen mehr an der Normalität dran sind.

Jubel, Schampus, Tränen: Die Handball-Weltmeister seit 1999

Ein Tor Vorsprung gegen Russland bringt Schweden 1999 den WM-Titel in Ägypten. Zur Galerie
Ein Tor Vorsprung gegen Russland bringt Schweden 1999 den WM-Titel in Ägypten. ©

Die WM wird ohne Zuschauer stattfinden, nachdem Spieler mit Nachdruck darum gebeten haben.

Man muss dabei betonen, dass unser Nationaltorhüter Johannes Bitter mit weiteren Handballern einen großen Anteil an dieser Entscheidung hat. Wenn solch eine Initiative von Spielern kommt, dann ist das ein klares Signal und man kann dies nur unterstützen. Die Spieler, die an dieser WM teilnehmen, wollen vor allem ihre Leistung zeigen, auch wenn man den Zuschauerfaktor nicht unterschätzen darf. Das Risiko wird minimiert, weshalb diese Maßnahme korrekt ist.

Ist Ägypten, wo die Infektionszahlen zwar gering sind, wo aber auch wenig getestet wird, der richtige Austragungsort?


Um das zu beurteilen, sind wir zu weit weg. Es steht uns auch nicht zu, den Ägyptern etwas zu unterstellen. Ich war selbst schon mit dem Deutschen Handballbund dort, der Handball genießt in Ägypten einen hohen Stellenwert und Hassan Moustafa (Präsident des Internationalen Handball-Verbandes, Anm. d. Red.) wird alles daran setzen, ein tolles Turnier auf die Beine zu stellen. Ich glaube, dass man keine Bedenken haben muss, was die Sicherheitsstandards vor Ort angeht.

Trotzdem gab es im deutschen Team viele Absagen. Drei Spieler fehlen verletzt, vier dagegen wegen der Pandemie – unter anderem Stammkräfte wie Hendrik Pekeler oder Patrick Wiencek. Können Sie die Besorgnis nachvollziehen?

Natürlich spielt auch die Corona-Pandemie eine Rolle, vor allem bei den Spielern vom THW Kiel wird aber auch das Thema Belastung mitentscheidend gewesen sein. Die Kieler waren bis zuletzt auch in der Champions League aktiv. Ich kann verstehen, wenn es dafür auch aus Reihen der Nationalmannschaft Kritik gibt, sehe diese Absagen aber auch als Chance für andere Jungs, die sich nun beweisen können.

Zum Beispiel Lukas Stutzke. Der 22-jährige Rückraumspieler vom Bergischen HC wurde für Christian Dissinger nachnominiert. Auf was für einen Mann können sich die „Bad Boys“ da freuen?

2019 waren wir noch zusammen bei der U21-WM in Spanien. Lukas ist ein Spieler, der immer in der Lage ist, mit bedingungslosem Einsatz auf das Feld zu gehen. Er ist extrem zweikampfstark und fokussiert.

Mehr News zur Handball-WM

Wie sehen Sie – trotz der Absagenflut – die deutschen Chancen?

Die Person, die mich am meisten neugierig sein lässt, ist tatsächlich der Trainer. Es ist die Herausforderung, ein echtes Team zu formen, davon wird der Erfolg abhängen. Dann kann die DHB-Auswahl auch die fehlende Weltklasse von einigen Spielern durch Emotionen und Teamspirit kompensieren. Und dann ist es durchaus legitim, als deutsche Mannschaft eine Medaille ins Auge zu fassen.

Sie sprechen von Weltklasse. Gilt das für die Trainerposition?

Anzeige

Dafür fehlt Alfreð Gíslason als Nationalcoach noch der endgültige Beweis. Mich würde es aber sehr freuen, wenn er seine Vereinserfolge beim DHB bestätigen kann.

Gibt es Führungsspieler bei der deutschen Mannschaft?

Das ist schwer zu sagen. Zumindest gibt es aber Spieler, die bei einem guten Turnierverlauf die Möglichkeit haben, ins Allstar-Team zu kommen. Julius Kühn, Timo Kastening oder Torhüter Andreas Wolff wären solche Kandidaten, die auf der Platte den Unterschied machen können.

Haben Sie einen Favorit auf den Turniersieg?

Da gibt es einen Kreis von Mannschaften, die ganz vorne landen können. Mit Dänemark, Kroatien oder Norwegen sind das die üblichen Verdächtigen, auch Deutschland habe ich auf dem Zettel. Den Ägyptern wird wohl der Enthusiasmus von den Rängen fehlen, um als Gastgeber eine Überraschung zu schaffen.

Wie ist der Stand bei der U21-Nationalmannschaft?

Es gibt Trainingslehrgänge, die stattfinden, wo aber keine Arztanwesenheit notwendig ist. Momentan ist im März ein Länderspiel-Wochenende geplant. Ob diese Maßnahme stattfinden kann, ist aber noch nicht entschieden.

Und bei Ihrem Heimatverein Elektronik Kyritz, wo sie die Abteilung Kraftsport leiten?

Dort ist wenig bis gar keine Aktivität. Wann sich das ändert, kann ich nicht einschätzen.

Abschließende Frage: Haben Sie sich den Dienstplan so gelegt, dass Sie die deutschen Spiele verfolgen können?

(lacht). Die Vorrunde sollte noch nicht ganz so entscheidend sein, die spannenden Spiele kommen erst in der Hauptrunde oder ab dem Viertelfinale. Wenn der Dienstplan dann Probleme macht, weiß ich, wo die Aufnahmetaste zu finden ist.