15. April 2020 / 06:59 Uhr

Rangnick sicher: "Wird nur noch Wenigen möglich sein, ständig Qualität dazu zu kaufen"

Rangnick sicher: "Wird nur noch Wenigen möglich sein, ständig Qualität dazu zu kaufen"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Ralf Rangnick ist überzeugt, dass Fußballer auch ohne Fans ihr Potential abrufen können.
Ralf Rangnick ist überzeugt, dass Fußballer auch ohne Fans ihr Potential abrufen können. © Getty Images
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Wie entwickelt sich der Fußball in der Corona-Pandemie und danach? Ralf Rangnick denkt, dass die Aus- und Weiterbildung der eigenen Spieler und Trainer an Bedeutung gewinnen wird. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Schwabe auch über die Personalpolitik von RB Leipzig und eine notwendige Bescheidenheit im Profigeschäft.

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Leipzig. Ralf Rangnick ist zurück in Leipzig, kam ausnahmsweise nicht von einer seiner Red-Bull-Fußball-Dienstreisen in New York oder Brasilien, sondern aus Backnang. Der 61-jährige Schwabe hat seine Mutter Erika, 87, und Vater Dietrich, 88, besucht, wahrte dabei die in diesen Tagen und Wochen so wichtige physische Distanz. Rangnick, Head of Sport and Development bei der Red Bull GmbH, über die Corona-Krise, Heerscharen von Experten(-Meinungen), mögliche Lockerungen in der Woche nach Ostern, die Auswirkungen auf den Fußball und sein Engagement bei "Wir kochen für Helden" des Restaurants "Hundertwasser".

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Sie waren zehn Tage in Ihrer Heimat bei Ihren Eltern. Wie viel Nähe war möglich und nötig?

Ich habe für meine Eltern eingekauft, bin täglich mit ihnen spazieren gegangen. Auf Umarmungen und sonstige körperliche Nähe haben wir verzichtet, man muss das Thema Corona sehr ernst nehmen. Und wir haben natürlich nicht unter einem Dach gewohnt.

Wie besorgt sind Ihre Eltern?

Mein Vater hat gesagt, dass er den Krieg erlebt und überlebt, keine Angst vor einem Virus hat. Ich habe ihm ein wenig ins Gewissen geredet und die notwendigen Vorkehrungen nah gebracht.

Wie beurteilen Sie das deutsche Krisenmanagement, Shut Down, Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen?

Ich glaube, dass die Maßnahmen alternativlos waren und hoffe wie wir alle sehr, dass sie die gewünschten Effekte haben. Diesbezüglich meldet das Robert-Koch-Institut ja vorsichtig optimistische Zahlen und Tendenzen.

Ralf Rangnick vor dem Hundertwasser in Leipzig . Seine Stiftung fördert die Aktion Wir kochen für Helden des Restaurants mit 10.000 Euro.
Ralf Rangnick vor dem "Hundertwasser" in Leipzig . Seine Stiftung fördert die Aktion "Wir kochen für Helden" des Restaurants mit 10.000 Euro. © André Kempner

Blicken Sie bei der Armada an Experten, die täglich in Presse, Funk, Fernsehen erscheinen, noch durch, wer die Deutungshoheit hat und wer sie nur für sich reklamiert?

Die Meinungsbildung war und ist in der Tat nicht einfach, viele Einschätzungen haben sich immer wieder über Nacht geändert. Klar ist, dass verantwortliche Lockerungen stattfinden müssen, wenn es die Situation zulässt, wenn klare Bilder darüber bestehen, wie eine stückweise Rückkehr zur Normalität aussehen kann. Die Empfehlungen der Akademie Leopoldina gehen ja in diese Richtung. Und wenn es Schutzmasken möglich machen, dass wieder mehr Geschäfte aufmachen dürfen, dass wieder mehr Leben und Zuversicht herrschen, dann her mit der Schutzmasken-Pflicht. Wenn ausreichend Masken vorhanden sind.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Oster-Ansprache davon gesprochen, dass man auch an jene Familien denke müsse, die in beengten Wohnungen aufeinander sitzen, die keinen Balkon haben und denen noch dazu finanzielle Nöte im Nacken sitzen.

Die Probleme und Auswirkungen sind vielschichtig und nicht immer sichtbar. Und auch deswegen ist es wichtig, dass sich die Regierung von den besten Fachleuten aus allen Bereichen beraten lässt, um zu guten Entscheidungen zu kommen: Virologen, Soziologen, Psychologen, Ärzten, Ethikern, Ökonomen.

Über allem steht Genauigkeit vor Schnelligkeit?

Das schon, aber im vorliegenden Fall muss beides so gut es geht vereint werden.

Hat die Deutsche Fußball-Liga zu lange gezögert, ehe die Saison ausgesetzt wurde?

Nein. Die Entscheidungsgrundlage beruhte soweit ich weiß immer auf den aktuellen Erkenntnissen der Gesundheitsämter und der Kommunen.

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Halten Sie eine Fortsetzung der Saison für machbar?

Ja, aber nicht ohne Rücksicht auf Verluste. Der Profi-Fußball darf, soll und wird keine Ausnahmestellung für sich in Anspruch nehmen. Aber er ist auch nicht unwichtiger als andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche unseres Lebens. Wenn die Mannschaften, die Betreuer und alle unmittelbar Beteiligten gesund bleiben und das permanent gecheckt wird, kann die Saison zu Ende gespielt werden. Ohne Fans, versteht sich. Spiele ohne Zuschauer werden uns vermutlich noch eine Weile begleiten.

Eine Fortsetzung der Saison hätte den Vorteil, dass überlebenswichtige TV-Gelder zur Auszahlung kommen und alle wichtigen sportlichen Fragen - Meister, Absteiger et cetera - geklärt werden.

Auch das. Uns eint der Wunsch, dass die Saison beendet werden kann. Aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen.

Kann ein Fußballer ohne Fans alles abrufen, was drin ist?

Das muss er und wird er. Wir hatten in der Vergangenheit öfter Testspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Da ist es zur Sache gegangen, ging es um Taktik, Form und Stammplätze. Wir müssen uns der Situation stellen.

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Diverse Clubs wandeln schon nach wenigen Wochen ohne Einnahmen an der Insolvenz. Wie hat man sich den Fußball mit bzw. nach Corona vorzustellen?

Ein „Weiter so“ wird es nicht geben, die Themen Augenmaß und Nachhaltigkeit werden größeren Raum einnehmen. Nachhaltigkeit in der Aus- und Weiterbildung der eigenen Spieler und Trainer. Es wird nur noch wenigen Vereinen möglich sein, ständig Qualität dazu zu kaufen und dafür zig Millionen Euro in die Hand zu nehmen. Junge Spieler wissen, dass sie bei RB Leipzig gute Chancen haben, besser zu werden.

Die Ablösen?

Werden sinken, es wird perspektivisch womöglich auch etwas weniger Geld bei den Beratern und Spielern landen.

Könnte es sein, dass umworbene RB-Stars wie Dayot Upamecano und Timo Werner in Ermangelung an monströsen Offerten in Leipzig bleiben?

Für die absoluten Topspieler gibt es immer einen Markt. Auch wenn der vielleicht nicht mehr das hergibt, was sonst Usus war. In unsicheren Zeiten ist ein Stück weit Sicherheit aber auch sehr wertvoll. Dayot und Timo wissen, was sie in Leipzig haben, was sie mit uns erreicht haben und noch erreichen können.

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<b>Peter Gulacsi:</b> 9,5 Mio Euro (-2,5 Mio Euro) Zur Galerie
Peter Gulacsi: 9,5 Mio Euro (-2,5 Mio Euro) ©

In seiner ersten Trainingseinheit bei RB hängte Dayot Upamecano im Januar 2017 Timo Werner ab. Es war das erste verlorene Sprintduell in Werners Leben. War Upamecano einer der besten Transfers Ihrer Laufbahn?

War er. Er wurde ja bereits 2015 als 16-Jähriger für verhältnismäßig viel Geld vom FC Valenciennes nach Salzburg geholt (2,8 Millionen Euro; Red.), als man noch nicht genau sagen konnte, ob sich die Erwartungen bestätigen würden. Chelsea, Bayern München, ManU waren auch an ihm dran. Dayot, seine Familie und sein Berater hatten immer einen klaren Plan

Timo Werner stand 2016 im Schaufenster und fast kein Mensch ist stehengeblieben. Was sahen Sie ihn ihm?

Einen sehr jungen Stürmer mit unfassbaren Anlagen und jede Menge brachliegendem Potenzial.

Wenn alle Asse bleiben, würden sich die RB-Transferaktivitäten für die Saison 2020/2021 wie gestalten?

Der Kader ist klasse besetzt, jeder Einzelne hat sich Jahr für Jahr verbessert. Man müsste dann sicher nicht allzu viel tun.

Oliver Mintzlaff, Markus Krösche und Julian Nagelsmann werden bei Angeliño und Patrik Schick dran bleiben und versuchen, die beiden in Leipzig zu halten. Für eine gesunkene Ablöse oder auf Leihbasis.

Das wäre ein vorstellbares Szenario, ja.

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(1) Peter Gulacsi: Vertrag bis 30.6.2023 mit Vereinsoption auf ein weiteres Jahr. Zur Galerie
(1) Peter Gulacsi: Vertrag bis 30.6.2023 mit Vereinsoption auf ein weiteres Jahr. ©

Ist Julian Nagelsmann Ralf Rangnick in jung?

Er ist ein Glücksfall für RB Leipzig, macht einen Top-Job, erfüllt bisher alle Erwartungen. Mit einer Philosophie, Beharrlichkeit, Detailversessenheit und einer Mischung aus harter Arbeit und Lockerheit.

Ein Star der Mannschaft ist Marcel Sabitzer. Als er 2015 ins zweitklassige Leipzig kam, begriff er das als eine Art Strafversetzung.

Sabi funktioniert bei 20 Grad plus und bei 20 Grad minus, ist ein Anführer. Die Entscheidung 2015 war und ist goldrichtig - für Sabi und RB.

Sie engagieren sich über Ihre Stiftung bei der Aktion „Wir kochen für Helden“. Kochen Sie mit?

Nein, wir haben 10.000 Euro für diese großartige Aktion beigesteuert. Die Heldinnen und Helden des Alltags haben unsere Anerkennung und jedwede Hilfe verdient. Privat habe ich der Leipziger Arche 5000 Euro gespendet, um zehn Computer für die Schulkinder anschaffen zu können.