07. August 2019 / 17:46 Uhr

Von Tönnies bis Frahn: Hat der deutsche Fußball ein Rassismus-Problem?

Von Tönnies bis Frahn: Hat der deutsche Fußball ein Rassismus-Problem?

Jan Jüttner
Clemens Tönnies, Norbert Dickel und Daniel Frahn haben in der vergangenen Woche für Wirbel im deutschen Fußball gesorgt.
Clemens Tönnies, Norbert Dickel und Daniel Frahn haben in der vergangenen Woche für Wirbel im deutschen Fußball gesorgt. © imago images / Montage
Anzeige

Fremdenfeindliche Aussagen von BVB-Kommentatoren, Schalke-Boss Tönnies und die Entlassung von Daniel Frahn in Chemnitz werfen die Frage nach einem Rassismus-Problem im deutschen Fußball auf. Professor Dierk Borstel liefert eine Einschätzung ab.

Anzeige
Anzeige

Erst am späten Dienstagabend wurde eine Entscheidung vom Ehrenrat des FC Schalke 04 verkündet: Das Gremium sei zu dem Ergebnis gekommen, dass der gegen den Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet sei. Allerdings habe er gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen. Tönnies erklärte, dass er sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrats und dessen Vorsitz für einen Zeitraum von drei Monaten ruhen lässt. Anschließend nimmt er seine Tätigkeit wieder auf.

Der Vorfall hatte in Deutschland für einen gewaltigen Aufschrei gesorgt. Einmal mehr. Knapp ein Jahr ist es her, da bewegte der Fall Mesut Özil ganz Fußball-Deutschland. Der Spieler des FC Arsenal verkündete nach der WM-Blamage in Russland seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft und prangerte in seiner Erklärung einen weit verbreiteten Rassismus gegen ihn als Deutschtürken an. Im März dieses Jahres wurden die Nationalspieler Ilkay Gündogan und Leroy Sané von Zuschauern beim Länderspiel gegen Serbien rassistisch beleidigt.

50 ehemalige Spieler des FC Schalke 04 und was aus ihnen wurde

Einst waren sie für den FC Schalke 04 aktiv. Aber was machen Raúl, Christoph Metzelder, Ivan Rakitic und Emile Mpenza heute? Der <b>SPORT</b>BUZZER hat sich auf Spurensuche begeben. Zur Galerie
Einst waren sie für den FC Schalke 04 aktiv. Aber was machen Raúl, Christoph Metzelder, Ivan Rakitic und Emile Mpenza heute? Der SPORTBUZZER hat sich auf Spurensuche begeben. ©
Anzeige

Auch beim BVB und dem Chemnitzer FC gab es Skandale

Auch bei Borussia Dortmund gab es fragwürdige Äußerungen – als Scherz gemeinte Äußerungen gingen mächtig nach hinten los. Stadionsprecher Norbert Dickel bezeichnete die italienischen Spieler von Udinese Calcio im Testspiel gegen den BVB als „Itaker“. Sein Kollege, der ehemalige BVB-Profi und Ex-Nationalspieler Patrick Owomoyela, machte sich über die Namen der gegnerischen Spieler lustig und imitierte Adolf Hitler. Beide wurden inzwischen vom BVB sanktioniert, Owomoyela hat sich entschuldigt.

Mehr zu den drei Fällen

Und Drittligist Chemnitzer FC trennte sich am Montag von seinem Kapitän Daniel Frahn. Laut Vereinsmeldung hat er sich beim Auswärtsspiel in Halle als „großer Sympathisant der rechtsradikalen und menschenverachtenden Gruppierung ‚Kaotic Chemnitz‘ herausgestellt“.

Unterschiedlich gelagerte Fälle, die dennoch eine Frage aufwerfen: Hat der deutsche Fußball ein generelles Problem mit Rassismus? „Nein“, sagt Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. „Wir haben den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft. Und die Mitte der Gesellschaft ist im Fußball vertreten“, so Borstel.

Politikwissenschaftler: Tönnies-Aussage "ist schlicht rassistisch"

Ähnlich sieht es Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Für sie bestätigten beispielsweise Tönnies’ „höchst problematische Aussagen“, dass „dieses kolonial-rassistische Bild von Afrika immer noch Bestand hat und Teil des Diskurses ist.“ Die Diskussion zeige aber auch, „dass die Aussagen kritisch besprochen und gesehen werden. Da ist ein Fortschritt erkennbar“, sagte Della.

Borstel beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit dem Thema Rassismus. Zu den Aussagen von Tönnies hat er eine klare Meinung: „Schalke habe ich immer als einen Verein erlebt, der sich früh sehr klar gegen Rassismus gestellt hat. Der Klub war dahingehend immer ein Vorbild. Umso weniger passt diese Aussage von Tönnies, sie ist schlicht rassistisch.“

Saison 2019/20: Das sind die Sommer-Transfers der Bundesligisten

Thorgan Hazard, Lucas Hernández, Hannes Wolf un Julian Brandt - nur vier Spieler, die in der kommenden Saison in der Bundesliga spielen werden. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Sommertransfers der deutschen Erstligisten! Zur Galerie
Thorgan Hazard, Lucas Hernández, Hannes Wolf un Julian Brandt - nur vier Spieler, die in der kommenden Saison in der Bundesliga spielen werden. Der SPORTBUZZER zeigt die Sommertransfers der deutschen Erstligisten! ©

Im Kampf gegen eben diesen Rassismus wünscht sich Borstel ein strengeres Durchgreifen des DFB und der Landesverbände. „Wir brauchen klarere Regeln und müssen deutlich Kante zeigen gegen derartige Äußerungen. Rassismus ist mit dem Sport nicht vereinbar.“ Insbesondere die Verbände würden zu oft plakative Forderungen stellen, die mit der Realität auf den Fußballplätzen nur wenig zu tun hätten.

Auch fernab vom Hochglanzprodukt Bundesliga tun sich manche Vereine schwer damit, sich klar vom Rassismus abzugrenzen. Insgesamt sei jedoch die Auseinandersetzung mit dem Rassismus besser geworden. „Da gibt es eine Sensibilisierung in der Gesellschaft.“ In nahezu jeder Fußballmannschaft des Landes spielen Menschen unterschiedlicher Herkunft. „Das ist gut so, denn der Sport ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.“

Hier abstimmen: Muss Tönnies auf Schalke gehen - und hat der Fußball ein Rassismus-Problem?

Mehr anzeigen

#GABFAF-AKTION: Robben, van Persie, Lasogga, Jansen, Jarolim, de Jong & Co. - Trikot mit allen Autogrammen vom van-der-Vaart-Abschied hier gewinnen.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus aller Welt