09. September 2021 / 07:39 Uhr

RB gegen Bayern und paar Leipziger: Es lebt sich auch ohne Tradition ganz gut

RB gegen Bayern und paar Leipziger: Es lebt sich auch ohne Tradition ganz gut

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
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Keine Tradition? RB Leipzigs Emil Forsberg (li.) und Dominik Szoboszlai (re.) können damit ganz gut leben - sportliche Erfolge geben ihnen Recht. © dpa
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Die blutjungen Rasenballer haben vom 1900 gegründeten FC Bayern gerade 80 Millionen Euro kassiert – und trotzdem ein Team, das den Rekordmeister schlagen kann. Am Samstag treffen RB Leipzig und die Münchner aufeinander. Dabei werden, mindestens auf den Rängen, jede Menge persönliche Belange eine Rolle spielen.

Leipzig. Es ist furchtbar und bleibt vorerst furchtbar: RB Leipzig hat sie immer noch nicht. Tradition. Die Gelehrten streiten sich, ab wann sich ein Fußball-Verein Traditionsverein nennen darf. Als gesichert gilt, dass eine 2009er Gründung keinen Zugang zum erlauchten Kreis ermöglicht. Tradition bezeichnet „die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen…“

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Freie Sicht aufs Überholen

Wenn RB-Boss Oliver Mintzlaff, 46, am 19. August 2075 seinen 100. Geburtstag feiert, hat das aalglatte Gebilde endlich Patina und, ja, Tradition. Falls es bis dahin im Norden gut läuft, spielen der HSV (am 29. September 1887 geboren) und Werder Bremen (4. Februar 1899) zu Mintzlaffs 100. wieder in der ersten Liga. Wobei die vererbten Handlungsmuster – wir wiederholen beständig unsere Fehler – dagegensprechen.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Sieg der Leipziger

RB Leipzig hat am Freitagabend das erste Heimspiel der Saison gegen den VfB Stuttgart souverän mit 4:0 gewonnen. Zur Galerie
RB Leipzig hat am Freitagabend das erste Heimspiel der Saison gegen den VfB Stuttgart souverän mit 4:0 gewonnen. ©

Ohne Tradition lebt es sich, siehe RB, gar nicht so schlecht. Wer nix am Hut hat mit Meisterschaften, die ewig her sind, betagten Meisterspielern, die regelmäßig in Erinnerungen schwelgen, ist weit vorne. Wer nicht in den Rückspiegel gucken muss, hat freie Sicht auf die nächste Möglichkeit zum Überholen.

Fans konzentrieren sich auf sich selbst

Eine späte Geburt kann im Sündenpfuhl Profi-Fußball auch Vorteile im zwischenmenschlichen Bereich mit sich bringen. Womit wir bei der szeneuntypischen Willkommenskultur in der Red-Bull-Arena wären. RB Leipzig bespielt das Stadion vorm Match mit der Fan-Hymne des Gegners. Am Sonnabend, ungefähr eine halbe Stunde vorm Anpfiff der Partie RB gegen Bayern (18.30 Uhr), gibt es „FC Bayern, Stern des Südens“ auf die Ohren. Während der Spiele beschäftigen sich die Sympathisanten der Roten Bullen vornehmlich mit ihren Lieblingen, kühlen ihr Mütchen nicht ewig an Schiedsrichtern oder Spielern des Gegners, gehen nicht bei jedem Foul mit engleisten Gesichtszügen aus dem Sattel. Sagen wir es so: Als auswärtiger Bundesligaspieler spielt man nicht so gern in Leipzig, weil Leipzig so gut kicken kann. Nicht, weil die Knie angesichts eines feindseligen Hexenkessels schlottern.

Und weil das so ist, werden die meisten der 32 .400 RB-Fans unter den 34 .000 Zuschauern beim Bayern-Gastspiel ihr Team unterstützen und sich ihre Stimmbänder nicht anderweitig zerren. Beispielsweise Richtung Bayern-Bank. Ja, Julian Nagelsmann hat der Öffentlichkeit vielleicht nicht sofort nach dem Anruf aus München reinen Wein eingeschenkt. Ja, die Nummer mit der T6-Leerfahrt nach München gestaltete sich geringfügig anders. Ja, nach dem 1:4 im Pokalfinale wäre eine Brise mehr Demut angesagt gewesen.

Wer soll es gegen die Bayern richten?

Aber von bleibendem Wert sind die zwei exzellenten Nagelsmann-Jahre. Fußballerisch und finanziell. Nagelsmann hat runde neun Millionen Euro verdient und 25 Millionen Münchner Euro dagelassen. Dayot Upamecanos und Marcel Sabitzers Weggang hat für alle Beteiligten Sinn gemacht. Und: Die Bayern haben bei der sächsischen Rechnungslegung nicht nur die Sterne des Südens gesehen. Womit wir wieder bei der Tradition sind.


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Ein am 27. Februar 1900 gegründeter (Welt)Verein hat einem 109 Jahre später mit dünnem Gefieder niedergekommenen halben Hahn anno 2021 um 80 Millionen Euro (!) reicher gemacht. Und es ist keineswegs so, dass RB-Cheftrainer Jesse Marsch vorm Hit nackt im Wind steht und nicht weiß, wen er gegen die Übermacht ins Rennen schickt. Im Gegenteil: Marsch muss diversen Topspielern im edel besetzten Kader weh tun, ihnen Plätze auf der Bank oder Tribüne zuweisen. Einigermaßen klar ist, dass Tyler Adams eingedenk seiner erst am späten Donnerstag endenden Aktivitäten im USA-Trikot nicht auflaufen wird. Naheliegend ist, dass Marsch sein Team gegen Julians Nagelsmänner mit Erfahrung aufpeppt. Zum Beispiel durch die Herren Kevin Kampl, Konrad Laimer und/oder Dani Olmo. Wenn die Leistung beim 0:1 in Wolfsburg ausschlaggebend ist, erlebt Dominik Szoboszlai den Anpfiff nicht auf dem Rasen. Das müsste dann aber konsequenterweise drei, vier anderen Kollegen ähnlich gehen. RB hat drei Punkte nach drei Spielen. Das gab es in der (nicht vorhandenen) Historie schon Mal. 2010/2011.