22. Dezember 2021 / 19:03 Uhr

Leipzig-Coach Tedesco im Interview: "Ist mir hier alles manchmal zu sehr Tabellen-fixiert"

Leipzig-Coach Tedesco im Interview: "Ist mir hier alles manchmal zu sehr Tabellen-fixiert"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Domenico Tedesco übernahm den Job bei RB drei Spieltage vor der Winterpause.
Domenico Tedesco übernahm den Job bei RB drei Spieltage vor der Winterpause. © IMAGO/Picture Point LE (Montage)
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Domenico Tedesco hat seine ersten Wochen bei RB Leipzig hinter sich. Eine wirkliche Trendwende konnte der Marsch-Nachfolger noch nicht einleiten. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 36-Jährige über die Lage bei den Roten Bullen, sein Leben in Moskau und dem Verhältnis zu seinen Ex-Vereinen.

Leipzig. Nach unerquicklichen 157 Tagen endete die Amtszeit von Jesse Marsch, 48, jetzt soll Domenico Tedesco, 36, die schlechteste Hinserie der RB-Geschichte reparieren. Der gewiefte Taktiker und 1,0-Absolvent des Fußball-Lehrer-Lehrgangs Tedesco ist in Rossano geboren und laut Wikipedia beinahe so berühmt wie der im gleichen Ort geschlüpfte Papst Johannes VII. Gute Kontakte nach ganz oben könnten beim Bundesliga-Zehnten auf dem Weg zurück zu einstiger Klasse und Wiedererkennbarkeit dienlich sein. Der zweifache Familienvater Tedesco über sein Verhältnis zu seinen Ex-Vereinen, ein Leben ohne Rolex, die Liebe zum Beruf, Mehrsprachigkeit und Gedanken zur Urlaubsgestaltung seiner kriselnden Fußballer.

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SPORTBUZZER: Kurz nach dem 0:2 gegen Bielefeld saßen einige Ihrer Profis schon im Privatjet gen Süden. Hätte man eingedenk der Pleite nicht sagen müssen: "Sorry, Jungs, verschiebt den Flug, wir müssen reden!"

Domenico Tedesco: Ja, wir haben das diskutiert, unabhängig vom Ergebnis des Spiels. Die Frage war: Was macht mehr Sinn, wo gewinnst du mehr? Natürlich kannst du die Keule auspacken. Wir haben aber entschieden, dass die Jungs nach der intensiven Hinrunde Birne und Beine ein bisschen freikriegen sollen. Und im Übrigen: Wir haben geredet. Nach dem Spiel. In der Kabine.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit haben die Kameras Spieler eingefangen, die sich beim Stand von 0:0 offenbar amüsierten und lachten. Ist der Ernst der Lage nicht zu allen durchgedrungen?

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Doch, das glaube ich sehr wohl. Mein Eindruck nach den ersten zehn Tagen Training, Analysen und Besprechungen ist, dass alle voll dabei und fokussiert sind.

Nordi Mukiele ließ sich bei seiner Auswechslung aufreizend viel Zeit. Eine körpersprachliche Katastrophe.

Das haben wir gesehen. Kein Trainer will Negativität haben, solche Sachen sprechen wir an. Die ersten Tage haben wir alle Spieler unvoreingenommen beobachtet. Wir hören und sehen viel, aber es liegt auch noch viel vor uns. Da reichen keine zehn Tage. Die Pause und ein Neustart im Januar mit klaren Verhaltensweisen tun uns sicherlich gut.

Boss Oliver Mintzlaff soll in der Kabine eine emotionale Ansprache gehalten haben. Gehen wir Recht in der Annahme, dass er die Spieler rund gemacht und an ihre Pflichten erinnert hat?

Was wir intern besprechen, bleibt intern.

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RB Leipzig blamiert sich: Die Tedesco-Elf unterlag nach einer blutleeren und ideenlosen Vorstellung gegen Abstiegskandidat Arminia Bielefeld mit 0:2 Zur Galerie
RB Leipzig blamiert sich: Die Tedesco-Elf unterlag nach einer blutleeren und ideenlosen Vorstellung gegen Abstiegskandidat Arminia Bielefeld mit 0:2 ©

Vier Punkte aus drei Spielen sind drei bis fünf zu wenig, Herr Tedesco.

Zunächst einmal wollten wir die Mannschaft überzeugen, der erste Impact ist immer sehr wichtig. Natürlich haben wir mit dem einen oder anderen Punkt mehr gerechnet. Trotzdem ist es mir hier alles manchmal zu sehr Tabellen-fixiert. Es wird zu häufig darauf geschaut, wie der Abstand auf Platz vier ist. Dass RB anspruchsvoll sein muss, ist klar. Ansonsten hätte ich hier auch nicht unterschrieben. Aber als Trainer musst du dich auch mal vom reinen Ergebnis lösen.

Weil der Weg das Ziel ist?

Wenn die Spielweise stimmt, wenn die Überzeugung da ist, kommen die Ergebnisse.

Gegen die Arminia stimmte nicht nur das Ergebnis nicht.


Ich bin auch schlecht drauf, wenn wir 0:2 verlieren. Wir wissen, dass wir besser spielen müssen. Aber in der ersten Halbzeit war nicht alles schlecht. Da haben wir sie tief bekommen, nichts zugelassen, hatten zwei, drei Chancen.

Nach dem Wechsel führte der Ballbesitz ins Nirwana.

Ballbesitz darf kein Selbstzweck sein. Er dient immer dazu, Spielkontrolle zu haben, sich Chancen zu erarbeiten und - wenn es optimal läuft - auch mal durchzuatmen für das nächste Dribbling, die nächste Flanke, den nächsten Angriff. Wir waren nach vier Spielen in neun Tagen aber insgesamt nicht spritzig, hatten keine Frische, waren nicht handlungsschnell genug.

Die sperrigen Mainzer reiten am 8. Januar ein, sechs Tage nach Ihrem Trainingsstart. Das grenzt an einen Kaltstart.

Genau das müssen wir meistern. Es ist ja nicht so, das komplett frei ist. Die Jungs haben Trainingspläne. Fürs Taktische bleibt wenig Zeit. Damit müssen wir klarkommen. Das mussten wir auch in den vergangenen drei Spielen.

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(1) Peter Gulacsi: Der Ungar spielt eine für seine Verhältnisse durchschnittliche Saison, war in Sachen Präsenz und Strafraumbeherrschung schon strahlender unterwegs. Liegt natürlich auch an der neu formierten Abwehr und den systemischen Verwerfungen. Note 3. Zur Galerie
(1) Peter Gulacsi: Der Ungar spielt eine für seine Verhältnisse durchschnittliche Saison, war in Sachen Präsenz und Strafraumbeherrschung schon strahlender unterwegs. Liegt natürlich auch an der neu formierten Abwehr und den systemischen Verwerfungen. Note 3. ©

Haben Sie je einen derart guten Kader trainiert?

Der Kader hat eine sehr hohe Qualität. Ich will da aber gar nicht vergleichen. Die Schalker Mannschaft in meiner ersten Saison war auch stark, mit Thilo Kehrer und anderen guten Spielern. Spartak Moskau hat auch tolle Spieler, siehe Victor Moses.

Auf welchen verschlungenen Pfaden kamen Sie 2019 nach Moskau? Hatte der erzgebirgische Weltmann Helge Leonhardt, Ihr erster Chef im Profifußball, damit zu tun?

Helge Leonhardts Einfluss reicht sehr weit, aber damit hatte er nichts zu tun. Irgendwann kam das Angebot - und ich hatte Zeit und Lust auf diesen Verein und diese Stadt.

Das sieht nicht nach einem Karriere-Plan aus.

Ich habe keinen Karriere-Plan (lacht).

Schauen Sie noch, wie es dem FC Erzgebirge Aue im Keller der zweiten Liga ergeht?

Logisch. Alle meine Ex-Vereine verfolge ich weiter, ich habe zu allen ein gutes Verhältnis und bin dankbar für die Zeit - für alles, das Gute und weniger Schöne. Es ist wichtig, was man über dich sagt, wenn du gehst und die Tür hinter dir zu machst.

Wie war das Leben in Moskau?

Ich habe im Hotel im Zentrum gewohnt, hatte keine Suite, nur ein normales Zimmer. Wir haben ohnehin den ganzen Tag auf dem Trainingsgelände verbracht, inklusive Rundumversorgung. Ich habe nur 20 Minuten zum Stadion gebraucht. Das war überragend. Die Dimensionen dieser Stadt sind unglaublich, Moskau hat 16 Millionen Einwohner.

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Wurden Sie auf der Straße erkannt?

Immer wieder mal, aber viel seltener als in Deutschland.

Der Abschied aus Moskau soll beiderseits tränenreich gewesen sein.

Er fiel mir und auch dem Club schwer. Wir hatten Erfolg, waren in jeder Hinsicht gut aufgestellt.

Ihr selbstgewählter Abgang war familiär bedingt. Wären Sie noch in Moskau, wenn Ihre Familie vor Ort gewesen wäre?

Das ist gut möglich.

Wie lang mussten Sie überlegen, als der Anruf aus Leipzig kam?

Man muss im Leben immer überlegen. Mal länger, mal kürzer.

Im vorliegenden Fall: kürzer?

Kann so gewesen sein. Leipzig ist eine Top-Adresse, aber da sage ich ihnen sicher nichts Neues.

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<b>Peter Gulacsi:</b> 11 Millionen Euro (+/- 0) Zur Galerie
Peter Gulacsi: 11 Millionen Euro (+/- 0) ©

Trifft ein Trainer mutigere Entscheidungen, wenn eigene existenzielle Nöte der Vergangenheit angehören?

Meine Art war vor fünf Jahren die gleiche, wie sie jetzt ist. Da habe ich mich nicht verändert. Die Kohle war und ist für mich zweitrangig.

Sie tragen keine Rolex, fahren keinen Sportwagen. Was ist für Sie Luxus?

Zeit mit Freunden und der Familie. Außerdem ist es mir bewusst, dass ich einen wunderbaren Job habe. Den liebe und genieße ich.

Ihr früherer Schalke-Chef Christian Heidel schwärmt von Ihrer Mehrsprachigkeit. Kommen Sie mit der jeweiligen Muttersprache näher an Ihre Spieler?

Am Anfang ja, sozusagen als Eintrittskarte. Wir wollen aber schon, dass die Jungs Deutsch lernen. Am besten ist, wenn ich Ansprachen auf Deutsch mache und mich jeder versteht.

Fußballer hängen permanent am Smartphone rum. Nervt Sie das?

Handys, Instagram und Co. gehören heutzutage dazu. Wenn du Regeln aufstellst, die das komplett verbieten, schießt du dir ins eigene Knie. Dann bestrafst und kontrollierst du nur noch. Regeln sind sehr wichtig, aber auch deren Dosierung. Im Januar wird es einen Neustart geben, auch mit gewissen Regeln, die normal sind und die man in einer Gemeinschaft haben möchte. Nur ein Beispiel: Wenn wir zusammen essen, bleibt das Handy aus.

Brian Brobbey wird wohl ausgeliehen, Ilaix Moriba sitzt auf gepackten Koffern. Wird es weitere Veränderungen geben?

Man muss immer individuell schauen, was das Beste für den Verein und den einzelnen Spieler ist.

Viele Spieler sind verletzt, das Lazarett war noch nie so groß. Das kostet am langen Ende Kraft und Punkte. Gehen Sie diesbezüglich über die Bücher?

Es wäre fahrlässig, wenn wir das nicht tun würden. Wir müssen alles besprechen und durchleuchten. Grundsätzlich ist mein erster Eindruck, dass bei RB alles super professionell aufgestellt ist, auch die medizinische Abteilung.

Emil Forsberg hat sich gegen Bielefeld schwer verletzt, fällt acht Wochen aus.

Emil ist ein Topspieler, sein Ausfall schmerzt und ist brutal.

Wussten Sie, dass Helge Leonhardts Trainer-Fluktuation in Aue ursächlich mit Ihnen zusammenhängt?

Wie kommen Sie darauf?

Er ist verwöhnt. Von Ihnen.

Das haben Sie gesagt.

Nein, er. Gibt es Laster in Ihrem Leben? Alkohol, ein Zigarettchen?

Weder noch. Ab und zu Süßigkeiten, das war´s.

Aufgezeichnet von: Stephanie Riedel

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