06. Januar 2022 / 19:56 Uhr

RB Leipzig entdeckt Liebe zur Kurzfristigkeit: „Plane von Tag zu Tag“

RB Leipzig entdeckt Liebe zur Kurzfristigkeit: „Plane von Tag zu Tag“

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Coach Domenico Tedesco feuert seine Mannschaft in der Red-Bull-Arena an.
Coach Domenico Tedesco feuert seine Mannschaft in der Red-Bull-Arena an. © Jan Woitas/dpa
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Corona-Infektionen und Verletzungen bei den Profis von RB Leipzig zwingen Domenico Tedesco zur Improvisation. Der Coach findet das gar nicht so schlecht für’s Team und sagt: „Ich habe gerade das Gefühl, die Kurzfristigkeit tut uns gut.“

Leipzig. Was kann ein Trainer (und im Grunde jeder andere Mensch auch) bei einem Neuanfang so gar nicht gebrauchen? Sind es Corona-Infektionen, Urlaub, Verletzte, wenig Zeit? Domenico Tedesco kämpft mit all dem und sicher noch einigen Punkten mehr, die er (natürlich) nicht öffentlich verrät. Vor dem Rückrunden-Auftakt am Samstag gegen den 1. FSV Mainz 05 (Anpfiff 15.30 Uhr) ist längst nicht alles bei RB Leipzig, wie in den Gedanken des Coaches skizziert. Bange machen? Jammern? Gilt nicht. Tedescos aktuelle „Freunde“ heißen deshalb Improvisationsvermögen und Kurzfristigkeit. „Ich plane von Tag zu Tag.“

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Die Abwehr rückt in den Fokus

Ein Beispiel aus dem echten RB-Leben. „Wir wollten die Woche ursprünglich mit Spielaufbau und Spiel im letzten Drittel beginnen. Dann haben wir gemerkt, wir haben keinen Stürmer mehr so richtig auf dem Platz.“ Bekanntlich saß André Silva zu Wochenbeginn ebenso wie Christopher Nkunku noch in Quarantäne fest (beide sind inzwischen zurück), Brian Brobbey spielt jetzt in Amsterdam, Yussuf Poulsen muss sich nach Verletzung heranarbeiten.

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RB Leipzig hat am Sonntag gegen aufopferungsvoll kämpfende Mainzer mit 0:1 verloren. Zur Galerie
RB Leipzig hat am Sonntag gegen aufopferungsvoll kämpfende Mainzer mit 0:1 verloren. ©

Also musste geändert werden, rückte die Abwehr in den Fokus. „Wir hatten Innenverteidiger und eher die Defensive zur Verfügung, haben deswegen unter anderem das Pressing trainiert.“ Diesbezüglich erinnert die Arbeit mit den hoch bezahlten RB-Profis den Coach momentan an seine Zeit als Nachwuchstrainer. „Da war es auch so: Um 17 Uhr war das Training und um 16 Uhr hab ich erfahren, dass irgendein Bus Verspätung hatte. Da mussten wir auch ein Training umkrempeln.“

Im Moment plant Tedesco am Abend den Folgetag. „Ich habe gerade das Gefühl, diese Kurzfristigkeit tut uns gut“, erklärte er. Wie er die Position des Rechtsverteidigers am Samstag besetzen will, ließ der 36-Jährige deshalb am Donnerstag offen. „Das weiß ich noch gar nicht, weil ich ja erst die morgige Einheit geplant habe“, meinte der Coach nicht ohne Lächeln. Klar ist: Benjamin Henrichs und Nordi Mukiele, die die Position zuletzt bekleideten, sind nach positiven Corona-Tests keine Option.

„Weihnachten ist das Fest der Familie“

Ebenso klar ist: Die neuerliche Corona-Welle im Team trifft RB härter als beispielsweise den FC Bayern München, und das obwohl der Rekordmeister rein nominell mit neun positiv auf das Virus Getesteten weit mehr Ausfälle zu verkraften hat. „Für die Kurzfristigkeit, für die ein, zwei Spiele, die das betrifft, ist das brutal“, so Tedesco mit Blick Richtung Isar. Für ihn und sein Team geht es indes mitnichten um kurzfristige Belange. Es geht um wichtige Grundlagen für eine möglichst erfolgreiche Rückrunde, für das Erreichen des Saisonziels, den so wichtigen Champions-League-Platz. Diese Grundlagen wollte das Trainerteam am Cottaweg in dieser Woche zumindest beginnen zu legen. Und fand nur einen Teil des dafür nötigen Auditoriums. „Das betrifft also ein bisschen mehr als ein, zwei Spiele, weil wir keine Inhalte vermitteln können.“

Hätte der Club demnach seinen Angestellten (also seinen Profis) über die Feiertage Auslandsreisen zum Schutz vor Corona und damit zur Wahrung der „Arbeitsfähigkeit“ besser untersagen sollen? Nein, sagt Tedesco, und das deutlich. „Es ist Weihnachten. Weihnachten ist das Fest der Familie. Wir haben Spieler, deren Familien im Ausland sind. Und da ist es einfach menschlich, den Jungs das zu ermöglichen. Alles andere würde ich nicht teilen, da würde ich nicht dafür stehen. Und ansonsten: Es ist ja nicht so, dass man sich hier in Deutschland nicht infiziert.“ Man müsse die Situation so annehmen wie sie ist. Ein Was-wäre-wenn? helfe da wenig.


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Helfen könne dagegen der Blick auf positive Nebeneffekte. Die kleinere Trainingsgruppe sei ein solcher gewesen. „Wir konnten intensiv mit den Jungs arbeiten. Das war sehr gut, hat sich irgendwie gut angefühlt. Wir sind uns in vielen Situationen einfach von der Idee her, von dem was auf dem Platz ist, nahegekommen.“ Alles was negativ ist, habe eben vielleicht auch positive Seiten für andere Spieler in der Gruppe oder alle zusammen. Um diesen Blick auf das Positive „sollte man sich ja eigentlich immer bemühen“, so Tedesco. Dabei klang der Coach ein ganz klein wenig wie sein Amtsvorgänger Jesse Marsch. Aber wirklich nur ein wenig.