19. August 2020 / 07:30 Uhr

RB Leipzig fliegt im Halbfinale der Königsklasse raus: Fans sind trotzdem stolz

RB Leipzig fliegt im Halbfinale der Königsklasse raus: Fans sind trotzdem stolz

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
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Vor dem Spiel war die Welt für die RB-Fans noch in Ordnung. Danach mischten sich Enttäuschung und Stolz. © Elena Boshkovska
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Das Stadion ist dicht, die Kneipen sind ausgebucht, denn RB Leipzig steht im Halbfinale der Champions League und die Messestadt Kopf. In der Leutzscher Gartenkneipe "Dahlie" ging es am Dienstagabend in Sachen Stimmung hoch und runter. Bis dann mit dem Schlusspfiff das Märchen vom Finale doch auserzählt war.

Leipzig. Es ist still in der Leutzscher Gartenkneipe "Dahlie". RB Leipzig fliegt im Halbfinale der Champions League unspektakulär und deutlich gegen die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel raus. 0:3 (0:2) verlieren die Roten Bullen gegen den französischen Meister Paris Saint-Germain. Die Enttäuschung ist erst einmal groß. "Sie sind weit gekommen und blamiert haben sie sich auch nicht. Schade ist es, aber nicht unbedingt bitter", sagt RB-Fan Michael Sznela. Auch vor der Partie ist es ruhig. Ob das wohl mit Corona zusammenhängt? Sicher ist: Die Fans, die auf das Champions-League-Halbfinale von RB Leipzig gegen Paris Saint-Germain gespannt sind, wären sehr viel lieber im Stadion.

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"Es ist absolut schade, dass wir soweit gekommen sind und nicht mal im Stadion mitfiebern können. Die Atmosphäre wäre sicherlich unbeschreiblich", bedauert Tobias Kramer. Er begleitet die Rasenballer seit ihren Anfängen in Markranstädt. "Ab der dritten Liga habe ich mir schon das eine oder das andere Spiel angesehen." Dann sei er aufmerksamer geworden. Seit RB Leipzig in der Bundesliga mitmischt, ist er ein Fan.

Neymar, Mbappé und Co. machen RB-Fans keine Angst

Der Einzug ins Halbfinale ist auch für ihn - wie für viele andere RB-Fans - ein historischer Moment. Einen konkreten Tipp kann er im Vorfeld nicht abgeben. "Mein Gefühl sagt mir nur, dass es nach 90 Minuten Unentschieden steht", vermutet der 34-Jährige. Paris Saint-Germain ist in seinen Augen schlagbar. Trotz Superstars wie Neymar, Mbappé und Di Maria. "Aber sie haben schon auch eine sehr erfahrene Bank", fügt er noch hinzu.

DURCHKLICKEN: So fieberten die Fans in anderen Leipziger Kneipen mit

Viele Leipziger verfolgten das Spiel beim Public Viewing ins Leipzigs Fußballkneipen. So wie hier in der Tankbar, wo gut 300 Zuschauer, die u.a. in einem großen Bierzelt das Spiel im Garten des Lokals sehen konnten. Aber nach dem ersten Treffer von Paris ließ die zunächst gute Stimmung merklich nach.  Zur Galerie
Viele Leipziger verfolgten das Spiel beim Public Viewing ins Leipzigs Fußballkneipen. So wie hier in der Tankbar, wo gut 300 Zuschauer, die u.a. in einem großen Bierzelt das Spiel im Garten des Lokals sehen konnten. Aber nach dem ersten Treffer von Paris ließ die zunächst gute Stimmung merklich nach.  ©

Es ist eine knappe Minute gespielt, da geht schon das erste Raunen durch die "Dahlie". Der Ball landet in den sicheren Händen von Keeper Peter Gulacsi. In der dritten Minute wird das erste Mal geklatscht, als Christopher Nkunku aufs Tor der Pariser schießt. Es ist klar: Die Fans wollen die Bullen siegen sehen. Dennoch ist spürbar, dass viele lieber auf den unbequemen Plastiksitzen in der Red-Bull-Arena sitzen und das Bier aus Plastikbechern statt aus Krügen genießen würden.

Stresssituation: Neymars erster Treffer gilt nicht

Schreck lass nach! In der siebten Minute befördert Neymar die Kugel ins Tor. Die "Dahlie" flammt einen Moment auf, der Pfiff des Schiris geht in der Verzweiflung unter. Glück gehabt: Der Paris-Star hat den Ball vor seinem Torschuss mit der Hand berührt. Der Treffer zählt nicht. Die Null steht noch! Höhen und Tiefen, Empörung und Verzweiflung, Hoffnung und Furcht: Die Emotionen sind auf Achterbahnfahrt. Und das ist nicht übertrieben ausgedrückt. Alle sitzen fest auf ihren Stühlen, bis dann eine Situation aufkommt, in der sie aufspringen.

Leipziger Fans erleben das Champions-League-Aus von RB Leipzig

13. Minute: Marquinhos köpft das 1:0 für Paris. Besiegelt er damit das Schicksal der Bullen und beendet den Höhenflug? In der Leutzscher Gartenkneipe ist die Stimmung schon mal gedämpft. Trotz Frust schauen die Fans hartnäckig weiter, hoffen, fiebern mit. Fußball wird schließlich 90 Minuten lang gespielt. Noch ist nichts verloren. Aber Paris dominiert. Auch den treuesten aller Fans wird bewusst, dass das Spiel richtig enttäuschend verlaufen kann.


Erfolg nicht greifbar

"Jetzt schon Zeitspiel?!", empört sich Sebastian Horn scherzhaft, als Thiago Silva im eigenen Torraum zu Boden geht. Der Schatzmeister des Fanverbands Leipzig e.V. hat sich auch schon das Viertelfinale gegen Atlético Madrid (2:1) in der "Dahlie" angesehen. Auch für ihn ist es sehr bedauernswert, sein Team nicht im Stadion anfeuern zu können. "Es ist ein völlig anderes Gefühl, vor Ort zu sein. So ist der Halbfinaleinzug nicht wirklich greifbar gewesen." Auch im Verlauf des Spiels gegen Paris sind seine Reaktionen eher verhalten.

Als das Netz der Franzosen kurzzeitig zappelt, regt sich der 34-Jährige nicht. Er hat gesehen, dass der Kopfball von Yussuf Poulsen eigentlich hinters Tor geflogen ist. Die anderen Gäste schreien auf, klatschen, freuen sich, bis der eher säuerliche Gesichtsausdruck von Konrad Laimer auf den Bildschirmen zu sehen ist und die Ersten verstehen, dass die Freude eigentlich unbegründet ist. "Alles richtig gemacht! Alles richtig", kommentiert Horn die Aktion der Roten Bullen. Nur den Abschluss hätten sie besser hinbekommen sollen.

DURCHKLICKEN: Erste Stimmen zum Halbfinal-Duell

Julian Nagelsmann (RB Leipzig): Der Gegner war heute schlichtweg besser als wir. Das muss man auch mal akzeptieren. Wir waren eigentlich ganz gut drin, haben aber im letzten Drittel zu hektisch gespielt. Nachdem wir in unserer besten Phase das Standard-Gegentor bekommen haben, ging so ein bisschen der Glaube verloren. Das zweite Tor war unglücklich, ein ähnliches Geschenk wie das dritte. Auf diesem Niveau wird das bestraft. Trotzdem gibt es da keine Kritik von mir. Wir wollen Fußball spielen und da passieren Fehler. Zur Galerie
Julian Nagelsmann (RB Leipzig): "Der Gegner war heute schlichtweg besser als wir. Das muss man auch mal akzeptieren. Wir waren eigentlich ganz gut drin, haben aber im letzten Drittel zu hektisch gespielt. Nachdem wir in unserer besten Phase das Standard-Gegentor bekommen haben, ging so ein bisschen der Glaube verloren. Das zweite Tor war unglücklich, ein ähnliches Geschenk wie das dritte. Auf diesem Niveau wird das bestraft. Trotzdem gibt es da keine Kritik von mir. Wir wollen Fußball spielen und da passieren Fehler." ©

Nach einer knappen halben Stunde hält es Sebastian nicht mehr aus, geht raus, eine Zigarette rauchen. Als er wiederkommt, dauert es nicht mehr lange, bis Angel Di Maria das Spiel für den Meister Frankreichs mit dem 2:0 scheinbar entscheidet. Die Stimmung in der "Dahlie" kippt, die Enttäuschung ist groß. "Körperlich sind sie ihnen völlig überlegen", kommt die Expertenmeinung vom Nachbartisch. Und so scheint es auch, denn die Pariser überrennen die Messestädter zwischenzeitlich mit gekonnter Leichtigkeit. Das Halbfinale mag nicht greifbar sein, der Unmut ist es umso mehr.

Luft raus in der zweiten Halbzeit, bei Bullen und bei Fans

In der zweiten Halbzeit kommen Patrik Schick und Emil Forsberg für Dani Olmo und Christopher Nkunku, sollen frischen Wind ins Spiel der Bullen bringen. Aber die Luft ist bei RB Leipzig scheinbar raus. "Gebt doch endlich mal Gas", hallt es durch das Gartenlokal. Und tatsächlich: Die Rasenballer gehen in die Offensive, die ersten Minuten der zweiten Hälfte spielen sich im gegnerischen Strafraum ab. Viel Euphorie verursacht das bei den Fans in der "Dahlie" allerdings nicht. Haben sie schon aufgegeben? Nein, denn als Forsberg in der 53. Minute die Kugel Richtung Pariser Tor donnert, kommt wieder Stimmung in die Bude.

"Das 8:2 ist noch machbar", scherzt Michael, der dritte in der Bullen-Runde in Leutzsch. "Auf beiden Seiten." Die Hoffnung sei schon noch da, dass die Franzosen zu schlagen sind. Dann legt Juan Bernat einen drauf und erhöht. "Naja, wir haben's versucht", sagt der 37-Jährige und schaut etwas enttäuscht auf sein Handy. "Letzte Woche war hier deutlich bessere Stimmung." Hätte es ein Timo Werner besser gemacht? Hätte er es anders gemacht? "Na, sie müssen sich erst eine Chance herausspielen. Das sieht momentan eher schlecht aus", analysiert Michael.

Top-Leistung: "Da sind schon ganz andere Teams rausgeflogen"

Tobias ist dagegen ernüchtert. "In der letzten Viertelstunde wird nicht mehr viel passieren." Auch Michael bedauert den Ausgang. "Ein bisschen spannender hätte ich es mir schon gewünscht." Ein letztes Aufflackern der Hoffnung gibt es, als Angelino in der 76. Minute noch einmal einen Torschuss wagt. Aber selbst als die Bullen weiter angreifen, bleibt die Stimmung eher flach. Große Enttäuschung über das Aus? Nicht bei Tobias, Michael und Sebastian. "Halbfinale ist schon eine Top-Leistung. Da sind schon ganz andere Mannschaften rausgeflogen." Die größte Enttäuschung für Sebastian Horn ist dabei immer noch: "Schade, dass man so ein Spiel nicht mit den Fans zusammen erleben konnte." Das Szenario Europa- wie auch generell Auslandsreisen und Gästefans im Stadion sieht der Fanverband-Vorstand erst in der Saison 2021/22. "Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ich bin Realist."

Stolz oder enttäuscht, die Kneipe leert sich dann doch recht schnell. RB ist raus, raus sind auch die Fans. Einen faden Beigeschmack scheint die Niederlage gegen die Parister Star-Fußballer jedoch nicht hinterlassen zu haben. Es kullern keine Tränen, niemand liegt niemandem heulend in den Armen. Die Runde der letzten Vier ist schon ein Titel für sich. Nächste Saison geht es einen Schritt weiter.