24. September 2021 / 07:36 Uhr

RB Leipzig für Helmer kein Titelkandidat mehr: "Ich hätte mehr erwartet"

RB Leipzig für Helmer kein Titelkandidat mehr: "Ich hätte mehr erwartet"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
interview-maske Thomas Helmer und Guido Schäfer
LVZ-Chefreporter Guido Schäfer und Thomas Helmer. © André Kempner
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Thomas Helmer spricht im Interview über den EM-Triumph vor 25 Jahren, die geschwundenen Meister-Chancen von RB Leipzig, sein Bühnenprogramm am 6. Oktober im Haus Auensee und bezweifelt, dass die Sachsen wirklich um den abgewanderten Julian Nagelsmann gekämpft haben.

Leipzig. Er hat 68 Länderspiele absolviert, 190 Bundesligaspiele für den BVB und 191 für die Bayern gemacht, wurde 1996 Europameister. Von 2015 bis 2021 moderierte Thomas Helmer den legendären Sport1-Doppelpass und ist seit Sommer mit dem Bühnenprogramm „Doppelpass on Tour“ auf Tour. Am 6. Oktober besuchen Helmer und Co. das Haus Auensee. Helmer, 56, über den besten Mitspieler seiner Karriere, seinen Rekord-Wechsel vom BVB zum FC Bayern anno 1992, Tapeverbände bei der EM 1996, die Schieflage bei den Roten Bullen sowie Neu-Bayern-Coach Julian Nagelsmann.

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SPORTBUZZER: Herr Helmer, wer wird eigentlich Meister?

Thomas Helmer: Die Bayern. RB stand auf meiner sehr kurzen Liste mit den Mannschaften, die Bayern ärgern können. Zusammen mit dem BVB.

RB ist runter von der Liste?

Ja, der Abstand ist jetzt schon zu groß. Leipzig hat mit Julian Nagelsmann, Dayot Upamecano, Ibrahima Konaté und Marcel Sabitzer vier sehr wichtige Leute verloren. Ich hätte trotzdem mehr erwartet. Es läuft nicht rund – und gegen Hertha gewinnt man auch nicht mal eben so.

Hätten Sie Nagelsmann zu den Bayern gehen lassen?


Ich hätte alles versucht, ihn zu halten. Wenn die RB-Bosse das getan haben, können sie sich nichts vorwerfen. Wenn da ein großer Kampf um Nagelsmanns Bleiben stattgefunden hat, habe ich nicht viel davon mitbekommen. Julian macht das in München gut, verkauft sich gut, die Ergebnisse und Leistungen stimmen. Das passt.

Was konnte/hatte der Fußballspieler Thomas Helmer?

Mein linker Fuß war mein großes Glück, wahrscheinlich habe ich es deswegen relativ weit gebracht. Wobei ich mit meinem rechten Fuß seltsamerweise fester, aber leider nur geradeaus schießen konnte. Es gibt übrigens nur einen Spieler, bei dem ich nie durchgeblickt habe, was sein stärkerer Fuß ist. Andy Brehme.

Ihr bester Mitspieler war?

Lothar Matthäus. Ein unglaublicher Fußballer, klasse Mentalität. Lothar kam nach schweren Verletzungen schneller und besser als jeder andere zurück.

Ihre unangenehmsten Gegenspieler?

Gegen Rudi Völler und Ulf Kirsten ging es immer beiderseits schön zur Sache. Mit wem ich überhaupt nicht zurecht kam, war Bachirou Salou. Wenn ich dachte, der dreht sich rechts, hat er sich links gedreht. Beim Pokalfinale gegen Duisburg (1998; Red.) hat mich Trap nach 34 Minuten ausgewechselt. Salou hatte das Duisburger 1:0 gemacht. Beim Pokal-Stemmen wollte ich mich zurückhalten, ging aber als Kapitän nicht.

1992 wechselten Sie vom BVB zu den Bayern. Für die damalige Bundesliga-Rekordablöse von 7,5 Millionen D-Mark. Sie wurden in München nicht sofort glücklich.

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Die Ablöse war eine große Hypothek, in den ersten Wochen wurden immer vier, fünf Fotos abgedruckt, mit den Spielern, die zu schlecht für den FC Bayern sind und wegmüssen. Mein Schädel war immer dabei. Ich habe mir dann ein paar Journalisten geschnappt und gefragt, was sie für ein Problem mit mir haben. Irgendwann wurde es besser.

Die EM-Helden von 1996 haben sich just auf Initiative von Berti Vogts im Europapark in Rust zur 25-Jahr-Feier getroffen. Jürgen Klinsmann sagte, dass der Gewinn der Europameisterschaft zuvorderst eine Willenssache war. War das so? Und wie war das Miteinander von sechs Dortmundern und sieben Münchnern?

Die Zeit in England hat uns fast zwangsläufig zusammengeschweißt. Wir hatten schwierige Spiele, jede Menge Verletzte, haben uns gegenseitig aufgebaut und geholfen.

Highlights der deutschen EM-Geschichte

EM 1968 in Italien - Für die Europameisterschaft in Italien nahm Deutschland erstmals an einer Qualifikation teil.   Es galt sich gegen Jugoslawien und Albanien durchzusetzen. Für die deutsche Mannschaft wurde das letzte Spiel gegen   Albanien zur entscheidenden Partie. Es genügte ein einfacher Sieg, um sich für die Endrunde zu qualifizieren... Zur Galerie
EM 1968 in Italien - Für die Europameisterschaft in Italien nahm Deutschland erstmals an einer Qualifikation teil. Es galt sich gegen Jugoslawien und Albanien durchzusetzen. Für die deutsche Mannschaft wurde das letzte Spiel gegen Albanien zur entscheidenden Partie. Es genügte ein einfacher Sieg, um sich für die Endrunde zu qualifizieren... © imago

Auch beim Anlegen der Tapeverbände? Man hatte gegen Turnier-Ende den Eindruck, dass bei Ihnen und Ihren Kollegen alle beweglichen Teile getaped werden müssen.

Unsere Kabine sah nach den Spielen tatsächlich aus wie ein Lazarett, unsere medizinische Abteilung hat Tag und Nacht geschuftet, Großartiges geleistet, wahre Wunder vollbracht.

Stimmt es, dass Teamarzt Hans Müller-Wohlfahrt eine Art Luftbrücke zwischen München und England aufgebaut hatte?

Ja, Mull, dieser Wahnsinnige, wurde bei uns und in seiner Münchner Praxis gebraucht. Jürgen Klinsmann hatte einen Faserriss und Mull ließ irgendwo aus dem Ausland eine Paste einfliegen. Eine Stunde vorm Anpfiff des Finales stand nicht fest, ob Jürgen spielen kann.

Er konnte. Das war insofern gut, als dass Klinsmann gegen Tschechien einen weiten Helmer-Schlag nach Bierhoff-Ablage zu Herrn Bierhoff zurückspielte und es zum berühmten Golden Goal kam. Herr Helmer, heutzutage wird aus der Abwehr heraus ins tiefe Mittelfeld kombiniert.

Ich habe nie behauptet, dass das eine taktische Meisterleistung war. Es gab damals keine hochkomplexen Matchpläne und 34 verschiedene Taktiken, die sich während des Spiels ständig änderten. Wir Spieler haben manche Dinge selbst geregelt. Als wir gegen Kroatien zurücklagen, haben wir Matthias Sammer von der Libero-Position nach vorne geschoben. Matthes war offensiv stark, hat das 1:1 gemacht.

Zurück zum Finale. Nach Ollis Tor bin ich nach hinten gelaufen. Ich dachte, es geht weiter. Golden Goal? Hatte ich in dem Moment nicht auf dem Schirm.

EURO 2008 - EM-Helden von 1996 planen den nächsten CoupARCHIV - Golden Goal-Torschütze Oliver Bierhoff (M) und sein Teamgefährte Matthias Sammer (r) halten den EM-Pokal in den Händen. Links die englische Königin Elizabeth II (r), rechts der applaudierende britische Premier John Major. Die deutsche Fußballnationalmannschaft gewinnt am 30.06.1996 im Londoner Wembleystadion das Europameisterschafts-Endspiel gegen Tschechien durch Bierhoffs Golden Goal in der Verlängerung mit 2:1 und erkämpft den EM-Titel zum drittenmal (zu dpa-Korr.: EM-Helden von 1996 planen den nächsten Coup....). Foto: Oliver Multhaup +++(c) dpa - Bildfunk+++
Golden-Goal-Schütze Oliver Bierhoff und Matthias Sammer halten 1996 den halten den EM-Pokal in den Händen. © Oliver Multhaup/dpa - Bildfunk

Nach dem Spiel war vor dem raumfüllenden Kabinenbesuch von Helmut Kohl.

Er hat uns gratuliert, sich mit Berti Vogts unterhalten.

„Wenn ich übers Wasser laufe, heißt es: Nicht mal schwimmen kann er.“ Eine Selbstbeschreibung von Berti Vogts. Wie haben Sie ihn erlebt?

Bei der EM 1992 und WM 1994 wurde er immer an Franz Beckenbauer gemessen, war entsprechend angespannt. 1996 war er relativ locker. Wir alle haben ihm den Titel sehr gegönnt. Uns natürlich auch. Für Andy Möller und Stefan Reuter tut es mir heute noch leid. Die beiden haben viel beigetragen zum Erfolg und waren im Finale gesperrt.

Vogts hat Ihnen nach Ihrem Karriere-ende anno 2000 den Fußball-Lehrer-Lehrgang für Nationalspieler angetragen. Weshalb wollten Sie nicht?

Der Trainerjob ist nichts für mich. Da musst du ständig Leuten wehtun, hoffen, dass alle auf dich hören, bist Tag und Nacht mit Fußball beschäftigt. Ich bin sehr zufrieden und glücklich mit meiner Karriere als Fußballer und bin es auch danach immer gewesen.

Sie moderierten von 2015 bis 2021 den Sport1-Doppelpass, haben jetzt mehr private Beinfreiheit. Alles richtig gemacht?

Es war ein Traum, Teil dieser Kultsendung zu sein. Dafür bin ich nach wie vor dankbar. Aber jetzt ist es auch schön, nicht jeden Samstag und Sonntag verplant zu haben.

Sie sind an verschiedenen Stellen für Sport 1 im Einsatz, moderieren bei Spielen, beim Fan-Talk, sind seit Sommer mit einem Bühnenprogramm „Doppelpass on Tour“ auf Tour. Wie wird Dopa on Tour angenommen?

Sehr gut. Das Ganze hat Charme, lebt auch vom unmittelbaren Kontakt zum Publikum, bietet uns die Chance zur ein oder anderen Anekdote, die man im Fernsehen nicht erzählen kann.