16. Mai 2020 / 19:50 Uhr

RB Leipzig gegen Freiburg im leeren Stadion: So fühlt sich ein Geisterspiel an

RB Leipzig gegen Freiburg im leeren Stadion: So fühlt sich ein Geisterspiel an

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
SPORTBUZZER-Redakteur Guido Schäfer erlebte ein ganz anderes Fußballspiel.
SPORTBUZZER-Redakteur Guido Schäfer erlebte ein ganz anderes Fußballspiel. © dpa / Privat
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Kein Stau, keine Stimmung, aber eine Taube: Guido Schäfer war einer von nur zehn zugelassenen Journalisten, die die Partie zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg live in der Red-Bull-Arena verfolgen durften. Es wurde ein Tag wie kein anderer.

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Leipzig. Am Abend vor der Rückkehr der Fußball-Bundesliga steigt das Comeback der Gastronomie. Im Leipziger Bermuda-Dreieck Karli/Barfußgässchen, Gottschedstraße verschwindet so manches Getränk in ausgedörrten Hälsen. Vor der Vodkaria sitzen fünf RB-Fans, trinken den Frust über entgehenden Lustgewinn weg. Tenor: Nix gegen Freiburg, aber unsere Jungs schaffen das auch ohne uns. Mit "schaffen" ist ein Sieg gemeint. Was sonst?

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Nix los vorm Stadion

Der Tag danach und die Frage: Wie wird es sein ohne Fans? Ohne gegenseiitigen Funkenflug und gegenseitige Befruchtung im Innenverhältnis Fußballer/Publikum?

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Rückschlag im Kampf um die ersten Plätze: RB Leipzig ist gegen den Sc Freiburg nicht über ein 1:1 hinausgekommen. Zur Galerie
Rückschlag im Kampf um die ersten Plätze: RB Leipzig ist gegen den Sc Freiburg nicht über ein 1:1 hinausgekommen. ©

Sonnabend, 14 Uhr, Anfahrt zur Red-Bull-Arena. Normalerweise sind die Straßen voll. Normalerweise sind über 40.000 Fans Richtung Sportforum unterwegs. Diesmal ist nichts normal, alles anders. Nix los auf der Gasse. Gar nix. Keine drängelnden und hupenden Nervtöter unterwegs. Es ist der einzige positive Aspekt eines Fußballspiels, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Um 14.08 Uhr kreuzt der Bus des SC Freiburg auf, in Reihe eins sitzt Coach Christian Streich. Der SC hat im Seminaris-Hotel in der Hans-Driesch-Straße genächtigt. Drei Minuten später fahren zwei RB-Busse in den Bauch des Stadions. In einem sitzen die Stars der Abteilung Leibesübungen, im anderen der Staff, Zeugwart. Physiotherapeuten, Video-Analysten und so weiter. Die Rasenballer haben eine Woche Quarantäne-Camp im Trainingszentrum am Cottaweg intus. Sie sehnen den Anpfiff herbei. Sie freuen sich auch auf den Abpfiff. Nach dem Spiel ist vor dem Wiedersehen mit den Lieben daheim.

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14.13 Uhr, VIP-Einfahrt. Clubarzt Frank Striegler muss aus seinem dunklen BMW aussteigen, seine Maske aus dem Kofferraum holen und das sehr bunte Teil aufsetzen. Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff sitzen im Porsche, sind bemaskt und dürfen ohne Gedöns rein ins Heiligtum.

Erstmal Fieber messen

Um 14.30 Uhr kommen die Aufstellungen. Yussuf Poulsen ersetzt Patrik Schick, Tyler Adams kickt für Marcel Sabitzer. Kevin Kampl läuft erstmals seit November auf.

Oben unterm Stadiondach ist der Platz der Journalisten. Auch hier gilt: Abstand halten!
Oben unterm Stadiondach ist der Platz der Journalisten. Auch hier gilt: Abstand halten! © dpa

Bevor die rar gesäten Akkreditierungen rüber wachsen, muss ein DFL-Fragebogen ausgefüllt werden. Krank, Schäfer? Kontakt mit Kranken gehabt, Schäfer? Nein und Nein. Gottlob fragt keiner nach der durchaus zehrenden ersten Kneipen-Freitag-Nacht. Dann wird Fieber gemessen. Linkes Ohr 36,3 Grad, rechtes 36,2. Unterkühlt, der Mann. Wer erhöhte Temperatur hat, sieht in Zeiten von Corona kein Stadion von innen. Wer fit und akkreditiert ist, staubt eine Tüte mit Wurstbrötchen, einem Riegel und einem Fläschlein Handdesinfektion ab.

Aufzug nach oben zur Pressetribüne, ein netter junger Mann drückt von außen die 7. Mit Gummihandschuhen.

Bevor die Journalisten zu ihren Plätzen dürfen, wird Fieber gemessen. Da muss auch Guido Schäfer durch.
Bevor die Journalisten zu ihren Plätzen dürfen, wird Fieber gemessen. Da muss auch Guido Schäfer durch. © Privat

Um 14.45 Uhr betreten die Roten Bullen den englischen Rasen, um 14.55 Uhr folgen die Breisgau-Brasilianer. Emil Forsberg ist allein zu Haus. Der Schwede gehörte Angina-bedingt nicht zur Quarantäne-Combo, sitzt in seiner Wohnung im Musikerviertel, guckt Fußball.

Wie ein Spiel der Alten Herren

15.25 Uhr, noch fünf Minuten bis zum Anpfiff. Die Stimme von Tim Thoelke ertönt aus dem Off. Der Stadionsprecher sitzt in der Regie im achten Stock, verliest die Aufstellungen. Ruhig und so gar nicht Thoelke-like, streng nach Vorschriften der DFL.

Um 15.28 füllt sich das Grün. Das gemeinsame Auflaufen mit Kindern an der Hand entfällt. Der Applaus der zigtausend Fans gehört hier, heute und bis auf weiteres ebenso wenig nicht zum Programm. Die Bosse beider Clubs sitzen im sechsten Stock, dem Logen-Bereich der Red-Bull-Arena. Die Sonne scheint den gesalbten Häuptern ins Gesicht. Manuel Gräfe pfeift an. Das Ganze fühlt und hört sich an wie ein Spiel der Alten Herren. Null Atmosphäre. Man fremdelt mit der Situation und beißt ins gummiartige Brötchen.

Beobachten das Spiel aus der VIP-Loge, mit viel Abstand zum Rasen und zueinander: Ralf Rangnick (vorn rechts) und Oliver Mintzlaff.
Beobachten das Spiel aus der VIP-Loge, mit viel Abstand zum Rasen und zueinander: Ralf Rangnick (vorn rechts) und Oliver Mintzlaff. © dpa

Die Hörfunk-Kollegen sind in ihrem Element und en detail zu verstehen. Hörfunk-Reportagen sind die hohe Kunst des berichterstattenden Business. Die Kollegen Thomas Kunze und Thorsten vom Wege sind Könner, unterhalten die zehn Hanseln auf der Pressetribüne.

Keine Sonne im siebten Stock

Das Spiel läuft, und es läuft eigentlich gut für RB. Timo Werner hat die erste Chance, Christopher Nkunku die zweite. Freiburg findet nicht statt. Die Ersatzspieler sitzen neben der Ersatzbank in der Sonne. Und falls RB-Sportdirektor Markus Krösche Sehnsucht hat, kann er neuerdings von der Tribüne blitzartig gen Innenraum. Eine just installierte Flugzeug-Gangway macht‘s möglich.

Die Betreiber des Flughafens Leipzig/Halle stellten den Roten Bullen eine Gangway zur Verfügung. Über diese können Spieler auf die Tribüne, falls der Platz auf der Ersatzbank nicht ausreichen sollte.
Die Betreiber des Flughafens Leipzig/Halle stellten den Roten Bullen eine Gangway zur Verfügung. Über diese können Spieler auf die Tribüne, falls der Platz auf der Ersatzbank nicht ausreichen sollte. © dpa

Bis in den siebten Stock kommt die Sonne nicht. Dafür windet es. So nach 20 Minuten zieht sich die Nummer. Null Fans, null Stimmung, Eiseskälte, Böen. Und das gerade verschlungene Brötchen meldet Gesprächsbedarf an.

Ein Ordner weist freundlich und bestimmt daraufhin, dass Schäfers Maske auf halbacht hängt. Im weiten Rund patroullieren ganze fünf Ordnungswächter. Außerhalb des Stadion sind weitere 60 aktiv, halten in Zusammenarbeit mit einem überm Sportforum kreisenden Hubschrauber nach erlebnisorientierten Fans Ausschau. An einem Spieltag mit Jubel, Trubel, Heiterkeit sind 650 OrderInnen im Einsatz.

Die Arena als Tierasyl?

Die Freiburger machen irgendwann auch mit und gehen mit ihrer ersten Chance 1:0 in Führung. Manuel Gulde will mit rechts einlochen, der Ball landet an seiner linken Wade. Halbzeit, 0:1. Es hat nie jemand behauptet, dass Fußball gerecht ist. Rauchen ist übrigens in der siebten Etage erlaubt, provoziert aber einen Zielkonflikt. Fluppe und Maske kommen nicht zueinander.

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(1) Peter Gulacsi: Bekommt zwei Bälle aufs Tor und einen ins Tor. Kein Spiel für einen Torhüter. Note 3 Zur Galerie
(1) Peter Gulacsi: Bekommt zwei Bälle aufs Tor und einen ins Tor. Kein Spiel für einen Torhüter. Note 3 ©

In der Halbzeit bleibt Zeit und Muse für einen Blick über den Tellerrand. Eine Taube richtet sich unterm Stadiondach häuslich ein, fliegt alle paar Minuten mit Baumaterial im Schnabel ein. Der Vogel denkt wahrscheinlich, dass es hier immer so still ist und seine Nachkommen ungestört aufwachsen können.

Zweite Halbzeit, Ademola Lookman ersetzt Nordi Mukiele. Marcel Halstenbergs Hammer wird vom Keeper gehalten, Poulsen muss das 1:1 machen, Lookman versagt aus vier Metern. Ein Schuss aus dem Desinfektionsfläschlein und weiter geht‘s. Lookman schießt einen TV-Mann an den Hinterkopf, nicht nur die Herren Kunze und von Wege sind außer sich. Dann köpfelt Poulsen den Ausgleich. Dabei bleibt‘s.

Kein Stau, keine Fans, keine Stimmung, eine renitente Wurstbemme, eine fleißige Taube, Chancen-Wucher, 1:1. Ein seltsamer Tag mündet in einer virtuellen Pressekonferenz.