08. Juni 2019 / 08:11 Uhr

RB Leipzigs Jugendleiter Frieder Schrof: „Ralf war der Begabteste und Neugierigste“

RB Leipzigs Jugendleiter Frieder Schrof: „Ralf war der Begabteste und Neugierigste“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Frieder Schorf, scheidender RB-Jugendleiter, lässt im SPORTBUZZER-Interview seine sechseinhalb Jahre bei RB Leipzig revue passieren und spricht über seine Zeit mit Ralf Rangnick.
Frieder Schorf, scheidender RB-Jugendleiter, lässt im SPORTBUZZER-Interview seine sechseinhalb Jahre bei RB Leipzig revue passieren und spricht über seine Zeit mit Ralf Rangnick. © dc3 Leipzig
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Der scheidende RB-Leipzig-Jugendleiter Frieder Schrof spricht im SPORTBUZZER-Interview über seinen Freund Ralf Rangnick und sechseinhalb Jahre Leipzig.

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Leipzig. 29 Jahre beim VfB Stuttgart, sechseinhalb Jahre Aufbauarbeit bei RB Leipzig: RB-Nachwuchschef Frieder Schrof, ein Superhirn des deutschen Nachwuchsfußballs, geht in den Ruhestand. Schrof, 64, der von der Doppelspitze Sebastian Kegel/Christian Streit beerbt wird, im SPORTBUZZER-Interview über gute Erziehung und gutes Benehmen als Grundvoraussetzung für eine Profi-Karriere, die verlorenen Pokalendspiele der U-19 und der Profis und sein besonderes Verhältnis zu Ralf Rangnick.

Ralf Rangnick startet eine neue Mission. Waren Sie involviert in seine Pläne?

Wir kennen uns seit 1980, haben ein vertrauensvolles Verhältnis, schätzen einander über alle Maßen. Bei allem Ehrgeiz und aller Zielgerichtetheit steht der Mensch im Vordergrund. Wenn ein Spieler private Probleme hatte, war Ralf da und bot Hilfe an. Das war und ist auch mein Ansatz. Und, ja, ich war in seine Pläne und Gedanken eingeweiht.

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War sein Fronten-Wechsel von RB zu Red Bull alternativlos?

Ralf hat hier europaweit einmalige Arbeit geleistet. Als Sportdirektor, Trainer, Antreiber und Anführer. Er wusste immer, was er will und was er tut. Und das war auch jetzt so. Er wird auch in dieser Aufgabe aufgehen und das Bestmögliche herausholen.

Sie hören auf, Rangnicks Mentor Helmut Groß hört auf, Rangnick verändert sich beruflich. Da geht eine Menge Knowhow und Identifikation über Bord.

Es war nie beabsichtigt, dass wir alle drei zeitgleich gehen. Wobei Ralf ja nicht wirklich weg ist. Aber es hat sich so ergeben. Wir bleiben natürlich in Kontakt, Ralf hat schon Einladungen an Helmut und mich ausgesprochen. Leipzig wird uns also nicht los.

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Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. ©
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Wie wichtig war Groß für Rangnick?

Ralf und Helmut kennen sich seit 1984. Beide waren Trainer in den obersten Amateurligen und Mitglieder im Trainerlehrstab des Württembergischen Fußballverbandes. Ralf war der Jüngste, Begabteste und Neugierigste in dieser Trainer-Gruppe. Helmut feierte seit 1981 mit der ballorientierten Raumdeckung Erfolge, was Ralf, der ebenfalls diese Spielphilosophie mit seinen Mannschaften einstudierte, veranlasste, mit Helmut in sehr engen Austausch zu gehen. Beide haben seitdem diese Spielphilosophie weiterentwickelt. Helmut war für Ralf immer Ratgeber, auch Vordenker. Der Macher war immer Ralf, während Helmut in den Proficlubs, in denen sie zusammenarbeiteten (VfB Stuttgart, TSG Hoffenheim, RB Salzburg, RB Leipzig; Red.), für alle Trainer der Ausbilder und Lehrwart war.

Sebastian Kegel wird sportlicher Chef des Nachwuchses, Christian Streit übernimmt administrative Aufgaben und leitet die Akademie. Gute Wahl?

Ja, absolut. Beide sind von Anfang an dabei, wissen, wie zielgerichtete Jugendarbeit funktioniert.

29 Jahre für den VfB Stuttgart, sechseinhalb Jahre für RB Leipzig. Kann man zwei Vereine ins Herz schließen?

Wenn das nicht so wäre, würde es ja bedeuten, dass man in diesen 29 Jahren ohne Empathie miteinander gearbeitet hätte. Und selbstverständlich bestehen immer noch enge Verbindungen zwischen mir und zahlreichen Spielern sowie ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. Dies gilt auch für RB Leipzig. Der tolle Verein, die charmante Stadt - ich habe mich sehr schnell wohlgefühlt.

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Tino Vogel trainiert die Roten Bullen in der Saison 2009/10. Zur Galerie
Tino Vogel trainiert die Roten Bullen in der Saison 2009/10. © Getty Images

Was waren die Höhepunkte Ihrer Leipziger Zeit?

Die Aufstiege unserer Profis bis in die Champions League. Im Nachwuchs das Erreichen der höchstmöglichen Ligen, die Meisterschaften, die Teilnahmen an den Deutschen Meisterschaften und an der Youth League. Wir haben Junioren-Nationalspieler, Trainer und andere Spezialisten entwickelt, die zahlreich, bei uns oder in anderen Proficlubs tätig sind. Ein weiterer Meilenstein war der Bau unserer Akademie, die für viele andere Clubs durchaus als Vorbild dient.

Welche Tiefschläge mussten Sie verkraften?

Es gab schwere Schicksalsschläge. Mit Siegfried Schaal, Andy Biste, Lars Weißenberger und Thomas Albeck sind liebenswerte Kollegen verstorben. Bei allen unserer Entwicklungen und dem hektischen Alltag ist es wichtig, diese Menschen in Ehren zu halten.

Beide DFB-Pokal-Endspiele wurden verloren. Woran hat es gelegen?

Bei den Profis war es die individuelle Klasse von Lewandowski, Coman und Neuer. Beim U19-Endspiel gegen Stuttgart war unsere Mannschaft gleichwertig, machte aber mehr Fehler im eigenen und hatte Pech im gegnerischen Strafraum.

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Der Kader von RB Leipzig bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2019/20 stehen bereits fest. ©

Durch Ihre Hände gingen unter anderen Kevin Kuranyi, Alexander Hleb, Sami und Rani Khedira, Mario Gomez, Sebastian Rudy, Serge Gnabry, Joshua Kimmich, Timo Werner und, und, und. Ist, war die Leipziger Vorlaufzeit zu kurz, um derartige Toptalente bei RB herauszubringen?

Unsere Leipziger U-Mannschaften mussten ja zunächst in die höchsten Spielklassen gebracht werden. Als das gelungen war, war die Hürde zu den Profis noch zu hoch, weil dort inzwischen hochbegabte junge Spieler den Kern der 1. Mannschaft bildeten. Somit hat die Profiabteilung in gewisser Weise selbst erfolgreiche Jugendarbeit geleistet. Für die Zukunft gehen wir aber von einer Veränderung aus. Von Spielern unseres aktuell jüngeren U19-Jahrganges erhoffen wir uns den Sprung zu den Profis. Außerdem wollen wir hochbegabte Spieler in jungen Jahren für uns gewinnen, so dass sie bis zum Eintritt in das Profialter heranreifen können.

Was würden Sie Timo Werner raten?

Er hat die Chance, sich mit unserer Mannschaft und einem neuen Trainer sprunghaft weiterzuentwickeln. Und er müsste dann bei einem späteren Wechsel zu einem Weltklasse-Club nicht so sehr um einen Stammplatz bangen wie es vielleicht jetzt noch der Fall wäre.

Wie nah geht Ihnen der Abstieg des VfB Stuttgart?

Das berührt mich durchaus, zumal neben den Profis, zu denen auch noch Spieler aus meiner Zeit zählen, auch die dortige zweite Mannschaft abgestiegen ist. Bei aller Tragik dieser Abstiege bedeuten diese auch die Chance eines Neubeginns.

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Wie intensiv sind waren Rangnicks Überredungskünste, als er um Sie war?

Ralf wollte keinen Nachwuchs-Chef, der frisch von der Sporthochschule kam, sondern Erfahrungen und Erfolge vorweisen konnte. Obwohl er sagte, „dich vom VfB nach Leipzig zu bringen, wäre in etwa gleichbedeutend mit der Umsiedlung des Papstes von Rom nach Neapel“, wurden wir uns einig. Das hing auch ein Stück weit damit zusammen, dass zu dieser Zeit die schwierige Entwicklung beim VfB ihren Anfang nahm.

Ihre ersten und wichtigsten Themen waren?

Wir mussten die richtigen Trainer finden und professionelle Strukturen schaffen, um die Zertifizierungsvorgaben des DFB zu erfüllen. Dann galt es schnell, in die höchsten Jugendligen aufzusteigen. Für lange Entwicklungen war keine Zeit. Mit dem Umzug in die neue Akademie war 2015 ein Zwischenziel erreicht.

Die RB-Akademie ist die modernste in Europa, 60 Hauptamtliche plus 60 Nebenberufliche sind aktiv. Alles richtig gemacht?

Ja, die Akademie ist in jeder Hinsicht vorbildlich. Ich habe übrigens meine Erfahrungen vom Bau der Akademie in Stuttgart einfließen lassen. Alle RBLer, die hier wohnen und arbeiten, fühlen sich sehr wohl.

Markus Krösche has been appointed as the club's new sporting director, arriving from SC Paderborn 07 ✍️ At his own request, Ralf Rangnick will leave the club on 1st July.

Gepostet von RB Leipzig am Dienstag, 4. Juni 2019

Wie wichtig sind Ihnen gute Umgangsformen bei jungen Fußballern?

In allen Bereichen des Lebens schaden gute Umgangsformen nichts. Es kann nicht allein Aufgabe des Elternhauses sein, die jungen Menschen für ein gutes Miteinander zu erziehen.

Wohin entwickelt sich der Fußball?

Das Spiel wird immer schneller und variabler. Deshalb ist nicht nur eine physische Schnelligkeit und Beweglichkeit verlangt, sondern die Weiterentwicklung der kognitiven Fähigkeiten. Die Spieler müssen Situationen schnell erkennen, analysieren und blitzartig Entscheidungen treffen, um den Gegner zu überlisten.

Wie geht es mit Ihnen weiter? Ruhestand oder Unruhestand?

Zunächst werde ich mich darauf konzentrieren, die Dinge zu machen, zu denen ich in den letzten Jahren zu wenig Zeit hatte. Familie, Verwandte und Bekannte. Und natürlich werde ich Fußballspiele besuchen - und mit dem dann gewonnenen Abstand genießen. Gerne in Leipzig.

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