28. Oktober 2020 / 07:28 Uhr

Vor RB Leipzigs Gastspiel in Manchester: "Nagelsmann hat in England einen großen Ruf und Marktwert"

Vor RB Leipzigs Gastspiel in Manchester: "Nagelsmann hat in England einen großen Ruf und Marktwert"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
ManU trauert Klopp hinterher, hat dafür Solskjaer. RB hat Nagelsmann – der wird auf der Insel als Thronfolger für Guardiola und Klopp gehandelt.
ManU trauert Klopp hinterher, hat dafür Solskjaer. RB hat Nagelsmann – der wird auf der Insel als Thronfolger für Guardiola und Klopp gehandelt. © Shaun Botterill/Getty Images/Miguel A.Lopes/Pool via Getty Images
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Manchester-Style versus Nagelsmann-Philosophie: Die Roten Bullen sind beim 20-fachen englischen Meister gefragt und können zu Helden geboren werden. Denn bei den Gastgebern ist der Glanz der legendären Ferguson-Tage längst verblasst. Aber Vorsicht: Coach Ole Gunnar Solskjaer ist immer für Befreiungsschläge gut.

Leipzig/Manchester. Es ist die Frage vorm Gruppe-H-Hit der Champions League zwischen Manchester United und RB Leipzig: Können die 2009 in der fünften Liga geschlüpften Roten Bullen am Mittwoch von 21 Uhr (DAZN) an beim 20-fachen englischen Meister bestehen oder schlottern Julians Nagelsmännern die Glieder im legendären Old Trafford? Dort, wo Coach Matt Busby 24 Jahre und Alex Ferguson 27 Jahre das Sagen hatten. Wo George Best zum fünften Beatle und Männer wie David Beckham, Ryan Giggs und Roy Keane unter Fergusons Knute zu Weltstars wurden. In einem Stadion, das Bobby Charlton „Theater der Träume“ nannte.

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ManU leidet unter dem BVB-Syndrom

„Ja“, sagt der renommierte Journalist Raphael Honigstein, „RB hat auch im Old Trafford gute Chancen.“ Der 47-jährige Münchner lebt seit 1993 in London, ist intimer Kenner des englischen Fußballs, schreibt unter anderem für „The Athletic“, hat eine viel beachtete Biografie über Jürgen Klopp („Ich mag es, wenn´s kracht“) unters Volk gebracht. Manchester United verbreitet schon seit vielen Jahren weder Angst noch Schrecken, giert seit der Demission von Sir Alex Ferguson anno 2013 nach dem 21. Titel und Ferguson II.

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In Manchester suchen sie einen Mann mit Strahlkraft und Philosophie, einen Sir Alex. ManU leidet unter dem BVB-Syndrom, die Dortmunder trauern heute noch Jürgen Klopp nach. Honigstein: „United war unter Ferguson immer eine Mischung aus erfahrenen Klasse-Spielern und gut ausgebildeten Talenten aus dem eigenen Nachwuchs. Und vor allem im Old Trafford gab es fast nur eine Richtung: Schnell nach vorne, gerne über die Außen.“

Der aktuelle Manchester-Style: Das Team von Ole Gunnar Solskjaer spielt selbst zu Hause bevorzugt aus dem Konter, baut auf Sprinter wie Marcus Rashford, 22. Hinten setzen sie auf den teuersten, aber längst nicht besten Abwehrspieler der Welt. Harry Maguire kam 2019 für knapp 90 Millionen Euro aus Leicester. Maguire, 27, ist kein Virgil van Dijk, 29. Honigstein: „In Manchester wurde in den vergangenen Jahren viel Geld verbrannt, allein in die Abwehr sind über 200 Millionen Euro geflossen.“ Das sehe man dieser nicht durchgängig an. Die Transferpolitik sei auch verfehlt, weil sich Geschäftsführer Edward Gareth Woodward, 47, seines Zeichens englischer Buchhalter und Investmentbanker, partout weigert, einen Sportdirektor von internationalem Zuschnitt einzustellen. Und da sich die steinreiche Eigentümer-Familie Glazer nicht fürs von Woodward dominierte Tagesgeschäft interessiert und sich der weltberühmte Verein auch ohne Titel wunderbar trägt, bleibt alles beim Alten. „ManU ist und bleibt eine Cash Cow“, sagt Honigstein. Eine Kuh, die auch ungefüttert Milch gibt.

ManU-Coach Solskjær überlebt immer

In und um Manchester halten sich zudem Zweifel, ob ManU-Legende Ole Gunnar Solskjaer, der seit Dezember 2018 Cheftrainer seines Herzensclubs ist, den Verein langfristig nach vorne bringen kann und wird. Für Honigstein ist klar, dass der taktisch gewieftere und international erfahrenere Trainer heute auf der Leipziger Bank sitzt. „Julian Nagelsmann hat in England einen großen Ruf und Marktwert. Es hat sich herumgesprochen, dass er Spieler und Mannschaften besser und variabler macht.“ Auf der Insel wird Nagelsmann als Thronfolger für Pepe Guardiola und Jürgen Klopp gehandelt.

Der norwegische Ex-Internationale Jan Age Fjörtoft bringt übrigens eine andere Komponente in die Diskussion um seinen Landsmann Solskjær. „Ole überlebt immer. Er wusste schon als Spieler, wann es Zeit ist zu treffen.“ Beispielsweise 1999 im Champions-League-Finale gegen Bayern München zum 2:1-Last-Minute-Sieg. „Und heutzutage weiß er, wann er Spiele gewinnen muss.“ Es ist tatsächlich so, dass dem hochsympathischen Trainer und Spieler-Freund diverse Male das Wasser in den Schuhen stand, ehe er zu spektakulären Befreiungsaktionen schritt. In der vorletzten Saison knockte ManU mit Solskjær nach einer 0:2-Heimpleite im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales Paris 3:1 aus. Und erst unlängst gewannen Oles Männer wieder in Paris - 2:1.