18. März 2020 / 22:00 Uhr

RB Leipzigs Mintzlaff: "Persönliche Fanbelange dürfen in dieser Situation keine Rolle spielen"

RB Leipzigs Mintzlaff: "Persönliche Fanbelange dürfen in dieser Situation keine Rolle spielen"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Oliver Mintzlaff will RB Leipzig heil durch die Krise steuern.
Oliver Mintzlaff will RB Leipzig heil durch die Krise steuern. © Getty Images
Anzeige

Oliver Mintzlaff ist um klare Worte nie verlegen, auch nicht in der aktuell herrschende Coronakrise. Gegenüber dem SPORTBUZZER springt der Vorstandschef von RB Leipzig nicht nur Dortmunds Hans-Joachim Watzke zur Seite. Er äußert sich auch zur Kritik am Tottenham-Spiel und Vereinsvertretern, die sich gegen Geisterspiele wehren. 

Anzeige
Anzeige

Leipzig. Nach viertägiger Pause, in der individuelle Trainingspläne abgearbeitet wurden, treffen sich die Roten Bullen am Freitag wieder. Wie die Leibesübungen in Zeiten von Corona vonstatten gehen, wird laut RB Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff, 44, in diesen Stunden zusammen mit Cheftrainer Julian Nagelsmann, 32, Sportdirektor Markus Krösche, 39, und den Vereinsärzten diskutiert. Es sei möglich, dass in Gruppen trainiert wird, so Mintzlaff. Überdies werde erörtert, wer vom Trainer- und Betreuerteam temporär abkömmlich ist. So sei die Anwesenheit aller Videoanalysten eventuell momentan nicht zwingend notwendig. Das wie auch immer geartete Üben im Hinblick auf den 26. Bundesliga-Spieltag findet - natürlich - unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Am 4. April empfängt RB die Hertha. Stand jetzt...

Nachträgliche Kritik am Tottenham-Spiel

Mintzlaff war am Montag bei der Krisen-Sitzung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Frankfurt/Main zugegen, hält die dort beschlossene Aussetzung der beiden Profiligen bis zum 2. April für alternativlos. Der RB-Boss und seine Kollegen aus der ersten und zweiten Liga sind sich allerdings bewusst, dass die Pause ehe länger dauern wird. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir alle in drei Wochen gut gelaunt in einem vollbesetzten Stadion sitzen und Fußball gucken.“ Man nehme die gewichtige gesellschaftliche Rolle als Fußball-Verein „sehr ernst“ und werde im Schulterschluss mit der Bundesregierung und den Behörden allen Maßgaben und Vorgaben folgen. „Die Situation muss permanent beobachtet, Maßnahmen und Entscheidungen angepasst werden.“

Mehr zu RB

Dass das Leipziger Champions-League-Spiel gegen Tottenham Hotspur am 10. März in der ausverkauften Red-Bull-Arena über die Bühne gegangen ist, wird mit dem Wissen von heute von Vielen kritisch hinterfragt. Mintzlaff: „Es gab zu dieser Zeit vier Corona-Fälle in Leipzig, England stand nicht auf der Liste der gefährdeten Länder, das Gesundheitsamt hatte keine Bedenken gegen die Austragung. Also haben wir vor Publikum gespielt.“ Das Ordnungsdezernat der Stadt Leipzig wollte sich auf Anfrage nicht zum Thema äußern. Intern hieß es im Rathaus, aus heutiger Sicht sei die Veranstaltung mit über 42.000 Zuschauern “ein Fehler” gewesen.

DURCHKLICKEN: Bilder zum 3:0 gegen Tottenham

CHAMPIONS-LEAGUE-VIERTELFINALE! RB Leipzig zieht durch ein ungefährdetes 3:0 über die Tottenham Hotspur in die Runde der letzten Acht ein. Zur Galerie
CHAMPIONS-LEAGUE-VIERTELFINALE! RB Leipzig zieht durch ein ungefährdetes 3:0 über die Tottenham Hotspur in die Runde der letzten Acht ein. ©

In der Gesellschaft sei laut Mintzlaff jetzt Solidarität und der Gedanke ans Gemeinwohl oberstes Gebot. „Wir sind in einer Extremsituation. Und für die gibt es kein Handbuch.“ Der RB-Vorstandschef sprang gegenüber dem SPORTBUZZER BVB-Boss Hans-Joachim Watzke zur Seite. „Aki Watzke ist nicht unsolidarisch, er will, wie wir alle, dass die 36 Clubs der ersten und zweiten Liga weiter am Wettbewerb teilnehmen.“ Und: Man solle in diesen Zeiten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Auf Konfrontationskurs mit Röttgermann

Watzke jüngst in der ARD-Sportschau: „Warum sollten die Klubs, die sich ein Polster geschaffen haben, die belohnen, die es nicht getan haben?“ Mintzlaff: „Die DFL und die Clubs haben über das Thema Hilfen noch gar nicht gesprochen. Wer meistert die Krise ohne große Probleme, wer kommt mit einem blauen Auge davon, wer schafft es nicht ohne Hilfe?“ Aber, so Mintzlaff, zur Gesprächsgrundlage gehören klare Bilder. „Und die haben wir noch nicht.“ Zum vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ins Spiel gebrachten Gehaltsverzicht der millionenschweren Fußball-Profis zugunsten der vielen Kleinverdiener sagte Mintzlaff: „Sie dürfen davon ausgehen, dass wir alle Szenarien diskutieren werden. Mit der DFL, den Clubs und den Spielern.“

Wie geht es weiter? Ziel der DFL ist es, die Saison zu Ende zu spielen. Mit Meister, Absteiger und so weiter. Die Verschiebung der EM bietet den dazu notwendigen zeitlichen Aufschub. Die Kröte Geisterkulisse muss nicht nur laut DFL-Boss Christian Seifert geschluckt werden. Dass sich Thomas Röttgermann, Vorstandschef von Fortuna Düsseldorf, kategorisch gegen Geisterspiele stellt („Fußball ist nicht Fußball, wenn keine Zuschauer da sind. So beschädigen wir den Fußball„), ruft Mintzlaff auf den Plan. „Was Herr Röttgermann sagt, ist hochgradig unsolidarisch. Er sollte lieber mal vor der eigenen Tür kehren, statt den Ultras nach dem Mund zu reden. Persönliche Belange, auch persönliche Fanbelange, dürfen in dieser Situation keine Rolle spielen.“

Keinen Kopf für Vertragsgespräche: Wie angespannt die sich ständig ändernde Lage ist, zeigt der Umstand, dass bei RB Leipzig alle Vertragsgespräche seit Tagen auf Eis liegen. Auch so elementar wichtige wie mit Nationalspieler Lukas Klostermann. Mintzlaff: „Dafür haben weder Markus Krösche noch ich momentan einen Kopf. Und dafür haben unsere Spieler und deren Berater ganz sicher großes Verständnis.“