21. August 2020 / 07:45 Uhr

RB-Leipzig-Chef Mintzlaff über Angebote für Dayot Upamecano & Co.: "Es gibt immer eine Schmerzgrenze"

RB-Leipzig-Chef Mintzlaff über Angebote für Dayot Upamecano & Co.: "Es gibt immer eine Schmerzgrenze"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Im Interview spricht RB-Chef Oliver Mintzlaff unter anderem über einen möglichen Abgang von Innenverteidiger Dayot Upamecano.
Im Interview spricht RB-Chef Oliver Mintzlaff unter anderem über einen möglichen Abgang von Innenverteidiger Dayot Upamecano. © Getty Images (Montage)
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Eine Gala gegen Atlético Madrid, eine schmerzhafte Niederlage gegen Paris St. Germain: Nach dem Champions-League-Finalturnier spricht der SPORTBUZZER mit RB-Boss Oliver Mintzlaff über dazugewonnene Erfahrungen, die Zusammenstellung des Kaders und etwaige Angebote für Dayot Upamecano & Co.

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Lissabon/Leipzig. Flughafen Lissabon, es ist der Tag nach dem 0:3 gegen Paris. RB-Chef Oliver Mintzlaff steht an Abflug-Gate 16, nippt am Kaffee, nimmt im Minutentakt Geburtstagsanrufe entgegen und sich dann Zeit für ein Gespräch. Mintzlaff, seit Mittwoch 45, spricht im SPORTBUZZER-Interview über das Abenteuer Champions League, den Husarenritt gegen Atletico (2:1-Sieg im Viertelfinale), die unsanfte Erdung durch die Weltstars von Paris St. Germain, die Möglichkeit eines unmoralischen Angebots für Abwehr-Mann Dayot Upamecano und die nur vagen Hoffnungen auf Fußballspiele mit Zuschauern.

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SPORTBUZZER: Ganz Paris träumt von der Liebe und neuerdings vom Henkelpott. Ganz Klein-Paris träumte nach der Gala gegen Madrid von einem Finaleinzug. War ein Sieg gegen Paris utopisch?

Oliver Mintzlaff (45): Paris St. Germain war ein ganz anderes Kaliber als Atletico Madrid. Gleichzeitig haben wir aber auch ein anderes Gesicht gezeigt als noch im Viertelfinale. Wahrscheinlich hätte gegen diese Weltklasse-Mannschaft an diesem Abend auch eine Top-Leistung von uns nicht gereicht. Paris war, so ehrlich muss man sein, die in allen Belangen bessere Mannschaft.

Bleibt der letzte Eindruck hängen?

Nein! Es bleibt hängen, dass wir es in der Champions League unter die besten Vier in Europa geschafft haben. Das war eine großartige Leistung, auf die wir stolz sein können. Im Halbfinale sind wir dann an einer Mannschaft gescheitert, die fünfmal so teuer ist und als es drauf ankam, ihr vielleicht bestes Saisonspiel gebracht hat. Auch das ist eine Ausprägung von Qualität und Klasse. Ich habe kurz mit Zsolt Löw (Ex-RB-Co-Trainer; Anm. d. Red.) gesprochen. Es war ein langer und harter Weg, diese vielen Weltklassespieler zueinander zu fügen. Paris hat gegen uns individuell und als Mannschaft fantastisch funktioniert. Thomas Tuchel und Zsolt leisten gute Arbeit, man sieht ihre Handschrift. Genau so wie man bei den Bayern, die absolut verdient im Finale stehen, die Handschrift von Hansi Flick sehr eindrucksvoll erkennt.

DURCHKLICKEN: Die Bilder zum Halbfinal-Duell mit PSG

Das war ernüchternd: RB Leipzig präsentierte sich im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain über weite Strecken seltsam gehemmt, passiv und ohne Ideen und verlor auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. Zur Galerie
Das war ernüchternd: RB Leipzig präsentierte sich im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain über weite Strecken seltsam gehemmt, passiv und ohne Ideen und verlor auch in dieser Höhe verdient mit 0:3. ©

Bei RB sind Befreiungsschläge aus der Abwehr verpönt. Dieses Stilmittel hätte Ihren Fußballern gegen die Pariser Balljäger gut getan.

Mbappé, Neymar und Di Maria haben auf unsere Fehler gewartet. Die passierten dann leider, PSG nimmt solche Geschenke gerne an. Bei uns ist an diesem Abend sicher nicht alles aufgegangen. Wir werden als junger Verein diese Erfahrungen mitnehmen und aus ihnen lernen. Keiner von uns stand vorher schon in einem Halbfinale der Champions League.

Gab es ein After-Work-Begängnis?

Die Mannschaft kam müde und enttäuscht im Hotel an, es gab ein Essen und das war´s. Wir lassen jetzt Luft dran, lassen das Ganze setzen, die Jungs haben ein paar Tage frei. Es war eine fantastische Teilnahme am K.o.-Turnier, ein prägendes Erlebnis. Ab sofort schauen wir wieder nach vorne. Wir wollen uns auch in der nächsten Saison wieder für die Champions-League-Gruppenphase qualifizieren, haben große Lust auf mehr. Wir müssen ab Dienstag wieder den Schalter umlegen. In drei Wochen ist DFB-Pokal, da wollen wir weit kommen. Nürnberg ist ein unangenehmes Los.

DURCHKLICKEN: Erste Stimmen zum Halbfinal-Duell

Julian Nagelsmann (RB Leipzig): Der Gegner war heute schlichtweg besser als wir. Das muss man auch mal akzeptieren. Wir waren eigentlich ganz gut drin, haben aber im letzten Drittel zu hektisch gespielt. Nachdem wir in unserer besten Phase das Standard-Gegentor bekommen haben, ging so ein bisschen der Glaube verloren. Das zweite Tor war unglücklich, ein ähnliches Geschenk wie das dritte. Auf diesem Niveau wird das bestraft. Trotzdem gibt es da keine Kritik von mir. Wir wollen Fußball spielen und da passieren Fehler. Zur Galerie
Julian Nagelsmann (RB Leipzig): "Der Gegner war heute schlichtweg besser als wir. Das muss man auch mal akzeptieren. Wir waren eigentlich ganz gut drin, haben aber im letzten Drittel zu hektisch gespielt. Nachdem wir in unserer besten Phase das Standard-Gegentor bekommen haben, ging so ein bisschen der Glaube verloren. Das zweite Tor war unglücklich, ein ähnliches Geschenk wie das dritte. Auf diesem Niveau wird das bestraft. Trotzdem gibt es da keine Kritik von mir. Wir wollen Fußball spielen und da passieren Fehler." ©

Wann muss der neue Kader stehen?

Wenn der Ball rollt. Wir wollen und werden diesen Termin einhalten. Unser Kader ist sehr gut, da muss nur an wenigen Stellschrauben gedreht werden. Dass wir Angelino gerne behalten würden, ist bekannt. Von Hwang erhoffen wir uns viel, einen Stürmer brauchen wir aber noch. Wir müssen Timo Werner als Kollektiv ersetzen.

Werner spült über 50 Millionen Euro in die Kasse. Bringt das Geld ausreichend Beinfreiheit?

Wir können die Ablöse nicht komplett in einen neuen Stürmer reinvestieren, das gibt der Etat nicht her. Wir sind wie alle anderen Vereine auch durch Corona gebeutelt.

DURCHKLICKEN: So kommentiert die Presse die Partie

L'Equipe (Frankreich): Nachdem die Pariser im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo zittern mussten und lange zurück lagen, überließen sie es diesmal nicht dem Gegner, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihr 4-3-3 war sehr gut organisiert, sie besetzten die Räume perfekt und ließen die Deutschen vor allem in der ersten Halbzeit viel laufen. Zur Galerie
L'Equipe (Frankreich): "Nachdem die Pariser im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo zittern mussten und lange zurück lagen, überließen sie es diesmal nicht dem Gegner, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihr 4-3-3 war sehr gut organisiert, sie besetzten die Räume perfekt und ließen die Deutschen vor allem in der ersten Halbzeit viel laufen." ©

Wann rechnen Sie mit einer schrittweisen Rückkehr der Fans?

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Die Entwicklung der Pandemie stimmt mich leider nicht optimistisch. Wir würden liebend gerne mit einer 50-Prozent-Auslastung planen, können das aber momentan nicht. Die Einnahmeverluste sind jetzt schon enorm groß.

*Die Teilnahme am Halbfinale sollte RB zwölf Millionen Euro bringen. Kann es sein, dass die UEFA wegen des K.o-Modus weniger springen lässt? *

Es fehlen sechs Spiele mit einer Millionen-Einschaltquote. Dementsprechend wird auch weniger ausgeschüttet. Ein Großteil geht sowieso und das völlig zu Recht an die Mannschaft.

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*Dayot Upamecano ist in aller Munde. Auch an Nordi Mukiele soll es Interesse geben, beispielsweise von PSG. Was passiert, wenn ein Scheich den Sparstrumpf plündert und mit Geld droht? Existiert eine Schmerzgrenze? *

Es gibt immer eine Schmerzgrenze. Wenn jetzt ein völlig unmoralisches Angebot kommt, müssen wir nachdenken. Aber wir gehen nicht davon aus, dass das in dieser Krisen-Zeit kommen wird.

Und wenn sich ein Klub an Herrn Nagelsmann pirscht?

Sie haben eine rege Fantasie. Dann gilt grundsätzlich das gleiche wie bei den Spielern. Julian ist jetzt ein Jahr bei uns. Und er wurde nicht Achter oder Siebter und muss Europa-League-Quali spielen. Er spielt mit uns wieder in der Champions League. Julian hat einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Ohne Ausstiegsklausel. Er ist längst nicht fertig mit RB Leipzig. RB ist ein Klub, bei dem sich Julian weiterentwickeln kann.

*Hat sich Dietrich Mateschitz nach dem Paris-Spiel gemeldet? *

Ich habe mit ihm telefoniert. Es hat ihn gefreut, dass wir in Lissabon dabei waren und wie wir gegen Atletico aufgetreten sind. Paris haben wir nicht schöngeredet. Wenn man verdient verliert, muss man das akzeptieren.