28. Dezember 2020 / 07:01 Uhr

Klare Ansage von RB Leipzigs Oliver Mintzlaff: "Wollen keine Rendite, sondern Erfolg"

Klare Ansage von RB Leipzigs Oliver Mintzlaff: "Wollen keine Rendite, sondern Erfolg"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Oliver Mintzlaff ist zufrieden mit der Entwicklung bei RB Leipzig.
Oliver Mintzlaff ist zufrieden mit der Entwicklung bei RB Leipzig. © Picture Point
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Hinter RB Leipzig liegt ein bewegtes und sehr erfolgreiches Jahr. Vorstandschef Oliver Mintzlaff zieht im exklusiven SPORTBUZZER-Interview Bilanz, spricht über Transfers und erklärt, warum es nicht das Ziel sein kann, einen Coach wie Julian Nagelsmann mit Gewinn zum nächsten Klub ziehen zu lassen.

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Leipzig. RB-Boss Oliver Mintzlaff, 45, ist per Du mit Großkopferten wie Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke, gern gesehener Talk-Gast, hat sensationelle Körperfett-Werte und etwas zu sagen. Über den zweiten Frühling von Emil Forsberg, Geld und Liebe, Julian Nagelsmanns Können/Treue, die Pandemie und das Duell gegen King Klopp in der Champions League.

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SPORTBUZZER: Gab es in dieser Saison dieses eine Spiel, das Ihnen zeigte: Läuft, wir sind wieder auf dem richtigen Weg?

Oliver Mintzlaff: Ich brauchte diesen einen Moment der Bestätigung nicht, weil ich nach der letzten Saison sicher war, dass wir in jeder Hinsicht gut aufgestellt sind.

Auch ohne Timo Werner?


Auch ohne Timo, ja. Timo war nicht zu halten, diesen Lauf der Dinge können und wollen wir nicht aufhalten. Wir hatten Spieler, die nach Verletzungen zurückgekommen sind. Beispielsweise Ibrahima Konaté. Und wir hatten auch einen Amadou Haidara, der gegen Ende der letzten Saison gezeigt hat, dass er wichtig werden wird. Er hat das in dieser Saison toll nachgewiesen. Und Sie dürfen Emil Forsberg nicht vergessen. Emil erlebt seinen zweiten Frühling, spielt eine fantastische Runde, ist ein Unterschiedsspieler. Angelino ist ja schon seit Januar bei uns und hat sich seit Saisonbeginn nochmal gesteigert. Und Dani Olmo hat Zeit gebraucht, um sich an unser Spiel und die Bundesliga zu gewöhnen. Er ist jetzt voll da. Ich kann nicht alle aufzählen - aber was auch dazu gehört: Wir sind auch neben dem Platz top aufgestellt, so dass ich eine gute Hinrunde erwarten durfte.

Hee-chan Hwang und Alexander Sörloth sind noch nicht zur Gänze angekommen. Haben Sie Hoffnung, dass sich das ändert?

Nicht nur die Hoffnung, auch die Überzeugung. Wir hatten diese Spieler schon länger auf dem Radar, das waren kein Nacht- und Nebel-Aktionen. Wir haben das schon oft thematisiert: Neuzugänge brauchen bei uns Zeit. Julian wird beide hinbekommen, da bin ich mir sicher.

Hätte man mit dem Wissen von heute Patrik Schick kaufen sollen?

Das Gesamtpaket war nicht zu stemmen. Jedenfalls nicht für uns. Wir mussten aufgrund der bevorstehenden Belastungen ja parallel noch weitere Spieler verpflichten. Wir wollten für die außergewöhnliche Saison vorbereitet sein und das zur Verfügung stehende Budget in einen breiten Kader und nicht in nur ein, zwei Spieler stecken. Das entspräche auch nicht unserer Philosophie.

Darf man als Klubchef eigentlich einen Lieblingsspieler haben?

Ich schätze alle unsere Spieler. Zu Emil Forsberg, Yussuf Poulsen und Willi Orban beispielsweise besteht aber schon eine besondere Verbindung. Sie sind sehr lange bei uns, mit uns in die Bundesliga aufgestiegen und gemeinsam mit RB groß geworden. Die Jungs sind mir als Sportler, Typen und Aushängeschilder ans Herz gewachsen.

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In Gladbach hat man Angst, dass Marco Rose fahnenflüchtig wird. Wie geht es Ihnen mit Julian Nagelsmann?

Ich habe ihn vorm Hoffenheim-Spiel in seinem Büro getroffen, er hat gerade einen Koffer gepackt. "Geht´s nach Madrid oder Barcelona, Julian?" Er sagte: ,"Nach Hoffenheim, Oliver, nach Hoffenheim" und meinte unser Auswärtsspiel. Wir sind in dieser Personalie entspannt. Julian hat einen langfristigen Vertrag bei RB, er fühlt sich wohl, hat Erfolg, will mit uns noch einiges erreichen. Julian und RB - das passt. Wir sind selbstbewusst genug zu sagen, dass wir diesem tollen Trainer einiges bieten können. Das Team um das Team, perfekte Trainingsbedingungen, Harmonie im Verein. Ich glaube, dass die Zeit beim Champions-League-Turnier in Lissabon, aber auch die letzte Saison alle noch näher zueinander gebracht hat. Und das merkt man.

Sie haben fünf Millionen Euro nach Hoffenheim überwiesen. Wenn er vor Vertragsende geht, dürfte eine satte Rendite rüberwachsen.

Wir wollen keine Rendite, sondern Erfolg. Wir haben uns sehr früh für Julian entschieden, über ein Jahr auf ihn gewartet und ihn ganz bewusst mit einem für Trainer sehr langfristigen Vertrag ausgestattet.

Diese Geduld hatten der brennend interessierte BVB und andere Interessenten nicht.

Das ist nicht mein Thema. Wir haben Julian verpflichtet, weil er auf unserem Fundament weitere Elemente hinzufügen und eine Weiterentwicklung erreichen wollte. Er hat das trotz kleinerer Rückschläge und Form-Dellen konsequent durchgezogen. Julian und sein Team haben unsere Erwartungen übererfüllt.

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Tino Vogel trainiert die Roten Bullen in der Saison 2009/10. Zur Galerie
Tino Vogel trainiert die Roten Bullen in der Saison 2009/10. © Getty Images

Wie hat man sich Gespräche mit diesem fordernden jungen Mann vorzustellen?

Angenehm und zielführend. Er will mit dem Klub das Optimum erreichen, sieht aber auch die Grenzen des Machbaren. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Als wir im letzten Winter einen deutschen Innenverteidiger aus der Bundesliga holen wollten, war unsere Preisvorstellung X und der Preis lag drei, vier Millionen Euro drüber. Julian hat von sich aus gesagt, dass es dann zu teuer wird und er versteht, dass wir es nicht machen können. Das was ich bei Julian erlebe, habe ich bisher bei noch keinem Trainer erlebt. Nämlich das Verständnis für die Gesamtsituation. Auch das zeichnet ihn aus.

Von welchem Innenverteidiger sprechen Sie?

Der Name fällt mir gerade nicht ein (lacht).

Julian Nagelsmann redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Gefällt Ihnen das oder wäre weniger mehr?

Von ihm kommen keine Floskeln, keine Worthülsen. Ich finde das gut. Das ist aber auch unser Weg - so sind wir.

Wie hoch war Ihr Puls, als Peter Gulacsi kurz vorm Ende der Manchester-Partie ein Eigentor von Nordi Mukiele verhinderte?

Sehr hoch. Petes Parade passt zu seiner fantastischen Saison. Wir haben das Weiterkommen aufgrund unserer Leistungen absolut verdient, haben diese schwere Gruppe mit Bravour gemeistert. Trotz zweier unberechtigter Elfmeter gegen uns (in Paris und gegen ManU). Dass wir es immer mal wieder bis zur 94. Minute spannend machen, gehört offenbar dazu. (lacht)

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Daily Express (England): „United zahlte im Sommer 80 Millionen Pfund für Harry Maguire. Aber der englische Nationalspieler war gegen Leipzig schwach, verschuldete das dritte Gegentor. Maguire führte das Team als Kapitän auf’s Feld, konnte seine Mannschaft aber nicht zurück ins Spiel führen und wirkte verwundbar, wenn Leipzig begann loszustürmen.“ ©

Im Achtelfinale geht es gegen den FC Liverpool. Gegen den LFC könnte man ehrenvoll ausscheiden.

So denken wir nicht. Es ist ein großartiges Los. Jammerschade, dass voraussichtlich keine Fans dabei sein können. Wir wollen auch gegen diesen überragenden Verein weiterkommen, wollen ins Viertelfinale.

Jürgen Klopp hat den Weg von RB gelobt.

Diese Wertschätzung tut gut, wir haben sie uns hart erarbeitet. In diesem fantastischen Achtelfinale sehen wir zwei der drei besten deutschen Trainer.

Klopp soll bei den Verhandlungen mit Naby Keita alles und noch viel mehr gegeben haben.

Haben wir auch. Jürgen wollte Naby unbedingt schon 2017, wir wollten ihn bis 2018 behalten.

Als dann wurde ein Notausgang für Helden beschritten. Keita blieb bis 2018, wechselte dann für viel Geld nach Liverpool.

Ja, am Ende waren alle zufrieden.

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Sie haben auch Timo Werner und Dayot Upamecano zu Vertragsverlängerungen bewegt, wodurch das Horror-Szenario ablösefreier Wechsel vom Tisch war. Ihr Verhandlungsgeschick gepaart mit Dankbarkeit auf der anderen Seite?

Wir arbeiten hier im Team. Verhandlungserfolge sind immer eine Gemeinschaftsleistung. Ich glaube schon, dass Timo und Dayot wissen, was sie an uns haben beziehungsweise hatten, dass sie bei und mit uns wachsen können und konnten. Ich kann mich noch gut an Dayots Spiel in Mainz 2017 erinnern. Er war erst kurz bei uns, wurde noch in der ersten Halbzeit gelbrot-gefährdet ausgewechselt und spielte gelinde gesagt grottenschlecht. Und was macht Ralph Hasenhüttl? Er stellt ihn im nächsten Spiel wieder auf. Großartig!

Ist Upamecanos Wechsel im Sommer für Sie in Stein gemeißelt?

Uns hat noch niemand angerufen. Wir alle hätten nichts dagegen, wenn er bei uns bleibt.

Sportdirektor Markus Krösche arbeitet seit Sommer zusammen mit Florian Scholz und Christopher Vivell in der Sport-Führung. Könnte Krösche die beiden anderen Beförderungen als Misstrauensvotum verstehen?

Nein, derartige Befindlichkeiten gibt es bei uns nicht. Markus hatte zwei sensationelle Jahre als Sportchef in Paderborn. RB Leipzig ist ein Klub, der immer Champions League spielen will. Da sind die Themen noch vielschichtiger, müssen Aufgaben verteilt werden. Jeder hat seine Verantwortung – alle entscheiden zusammen. Das klappt bislang hervorragend. Ich kann auch nicht alles allein und will das auch nicht. Ich habe oft eine klare Meinung, aber dennoch höre ich mir die Ansichten meiner Kollegen an und lasse mich mit guten Argumenten auch umstimmen. Wir leben bei RB Leipzig nicht in Organigrammen.

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Wie ist RB Leipzig bisher durch die Pandemie gekommen?

Uns fehlen Einnahmen von über 30 Millionen Euro. Wir haben es aber dennoch geschafft, uns von keinem einzigen Mitarbeiter und keiner einzigen Mitarbeiterin trennen zu müssen. Solange der Ball rollt und die TV-Gelder kommen, wird es weiter gehen – wenn auch vor trostloser leerer Stadionkulisse und ohne unsere Fans, was auf Dauer für uns alle eine große Belastung ist.

Was sagen Sie zu demonstrierenden Querdenkern?

Die Gesundheit steht an erster Stelle. Ich fand es seltsam und fahrlässig, dass ein Gericht eine Demonstration in der Leipziger Innenstadt genehmigt hat. Daraus hat man hoffentlich gelernt.

Gérard Houllier ist verstorben. Was verbinden Sie mit ihm?

Er war ein warmherziger, wunderbarer Mensch, exzellenter Fußball-Kenner und wichtiger Berater und ein guter Freund. Es gibt unzählige Erinnerungen mit ihm, ich habe ihn oft getroffen und wir waren auf vielen gemeinsamen Reisen. Er hat uns noch vorm Spiel in Paris im Hotel besucht und uns viel Glück gewünscht. Gérard fehlt uns und mir sehr.