02. April 2021 / 19:00 Uhr

Leipzig-Trainer Nagelsmann über das Topspiel gegen Bayern, Titel-Träume und den Lewandowski-Ausfall

Leipzig-Trainer Nagelsmann über das Topspiel gegen Bayern, Titel-Träume und den Lewandowski-Ausfall

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Julian Nagelsmann spricht vor dem Topspiel gegen den FC Bayern über seine Trainerarbeit und den Ausfall von Robert Lewandowski.
Julian Nagelsmann spricht vor dem Topspiel gegen den FC Bayern über seine Trainerarbeit und den Ausfall von Robert Lewandowski. © IMAGO/motivio
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Für RB Leipzig kommt es am Samstag zum Showdown gegen Bundesliga-Spitzenreiter FC Bayern. RB-Trainer Julian Nagelsmann sieht gegen die Münchener durchaus Chancen. Vor der Partie spricht der 33-Jährige im SPORTBUZZER-Interview über Titel-Träume, Trainer-Talente und das perfekte Spiel.

Am Samstag ist es soweit. RB Leipzig empfängt den FC Bayern München zum absoluten Kracher der laufenden Bundesliga-Saison (18.30 Uhr/Sky). Die Bayern sind vier Punkte vor den Sachsen in der Führungsposition. Doch Leipzig erweist sich als zäher Widersacher. Einer der Hauptverantwortlichen dafür: RB-Trainer Julian Nagelsmann, der sich in seiner zweiten Spielzeit in Leipzig durchaus Hoffnungen auf den Titel ausmalen darf. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND), spricht er über den Ausfall von Bayerns Toptorjäger Robert Lewandowski, seine Titel-Sammlung und Trainer-Kollegen.

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SPORTBUZZER: Herr Nagelsmann, Bayern Münchens Torjäger Robert Lewandowski fällt aus. Ein Vorteil für RB?

Julian Nagelsmann (33): Jede Mannschaft der Welt ist mit ihm besser. Er ist ein kompletter Stürmer, es macht Spaß, ihm zuzuschauen. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass in einem Topspiel immer alle Topspieler dabei sein können. Auch wir können leider nicht in Bestbesetzung antreten.

Alles andere als ein Sieg für RB würde Bayern den Teppich zur neunten Meisterschaft in Folge ausrollen.

Davon ist auszugehen. Man hat gegen Stuttgart gesehen, wie stark die Bayern sind. Fußballerisch und mental. Die Stuttgarter beginnen klasse, bei Bayern fliegt Davies nach elf Minuten runter, dann schalten sie den Turbo ein und nach dem 4:0 wieder aus. Zu zehnt. Bayern hat den besten Kader, die beste Mannschaft. Das heißt nicht, dass wir sie am Samstag nicht schlagen können.

Für Waldemar Hartmann sind Sie gottbegnadet, Ansgar Brinkmann nennt Sie den besten Bundesliga-Trainer, die Liste der Elogen wird lang und länger. Berührt Sie das?


Jeder wird lieber gelobt und gemocht als andersrum. Und ja, ich freue mich, dass unsere und meine Arbeit anerkannt wird, auch wenn es mir wirklich manchmal etwas zu viel ist. Ansgar hat im zweiten Teil seiner Einschätzung meine Klamotten in die Kreisliga West verortet. Da hat er mich schnell wieder auf den Boden zurückgeholt (lacht)!

Trainer, die 33 Jahre alt sind, firmieren meist als Talent. Im Zusammenhang mit Ihnen fällt dieser Begriff eher selten.

Das könnte daran liegen, dass ich seit 2008 Trainer bin, meine fünfte Bundesliga-Saison coache und gewisse Erfahrungen gesammelt habe. Ich weiß nicht, wann man den Status Talent verlässt.

Nagelsmann über seine Titel-Träume

Viele behaupten, dass Titel und eine Entlassung zur Vita eines wahren Übungsleiters gehören.

Ich fühle mich auch ohne Entlassung ganz okay. Gegen einen Titel hätte ich hingegen nichts einzuwenden ...

Sind Sie glücklich?

Ja. Meiner Familie und mir geht es gut. Mein Familien- und Freundeskreis erdet mich. Die müssen nicht jeden Tag Fußball schauen. Ich habe sehr viel Kontakt zum normalen Leben. Es gibt bei allem Stress und Druck viele Momente, in denen ich mir bewusst mache, dass es ein großes Privileg ist, Bundesliga-Trainer zu sein, und dass ich ein gutes Leben führe. Ich weiß, dass es aktuell vielen Menschen schlecht geht, dass viele gesundheitliche und/oder existenzielle Sorgen haben. Das ist auch Thema bei uns, wird diskutiert.

Gibt es Tage, an denen Sie keinen Bock haben, arbeiten zu gehen?

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Ja, nach Niederlagen ist meine Laune beim Aufstehen nicht so doll. Aber nach dem ersten Kaffee geht es schon wieder. Ich trage Verantwortung, muss analysieren, motivieren, mitreißen. Das geht nicht, wenn ich mich mit einem dicken Hals durchs Trainingszentrum schleppe. Ich habe viel Energie, empfinde den Beruf in all seinen Facetten nie als Belastung.

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Wie sieht ein perfekter Spieltag für Sie aus?

Wenn die Spieler alles umsetzen und wir drei Punkte holen.

Haben Sie eigentlich schon einmal ein Ihrer Meinung nach perfektes Spiel gecoacht?

Ja, mit der Hoffenheimer U19 haben wir mal bei Bayern 6:0 gewonnen – es war alles dabei. Wir haben Tore aus dem Pressing erzielt, aus dem Gegenpressing, per Standard, eins per Weitschuss, mit einer Flanke vorbereitet, eines via Abstauber. Das fühlte sich ziemlich gut und, ja, perfekt an.

Wie nehmen Sie Ihre Trainerkollegen an der Seitenlinie wahr?

Manchmal wundere ich mich, wenn sich einer tierisch über einen Einwurf an der Mittellinie aufregt. Und eine Minute später flippe ich genau wegen so eines Einwurfs selbst aus.

Nagelsmann: "Mein Vertrag läuft bis 2023"

Wie lange sitzen Sie noch auf der Leipziger Trainerbank?

Mein Vertrag läuft bis 2023. Den habe ich freiwillig unterschrieben.

Stimmt es, dass Sie sich einen Traktor gekauft haben und damit Feld und Wiesen in Bayern unsicher machen?

Den Traktor habe ich schon länger. Ansgar Brinkmann hätte seine reine Freude. Nagelsmann in Engelbert-Strauss-Klamotten (rustikale Berufsbekleidung, d. Red.) auf dem Traktor.

Was werden Sie mit 60 Jahren so treiben? Trecker fahren?

Jedenfalls nicht mehr an der Seitenlinie stehen.