29. Oktober 2021 / 08:03 Uhr

RB Leipzig und seine Transfers: "Ich weine niemandem nach"

RB Leipzig und seine Transfers: "Ich weine niemandem nach"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
RB Leipzigs Technischer Direktor Christopher Vivell beobachtet das Training der Bundesliga-Profis.
Christopher Vivell hat RB Leipzigs Kicker immer im Auge, hier vom Kamera- und Beobachtungsturm am Cottaweg aus. © Imago / motivio
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Wichtige Säulen der vergangenen Saisons sind nicht mehr da, neue Spieler und ein neuer Trainer dafür schon: Dass bei RB Leipzig nicht alles auf Anhieb glatt laufen würde, war abzusehen – denkt auch der Technische Direktor Christopher Vivell und spricht von einer "Findungsphase", in der man sich gerade befinde. LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph hat mit dem 34-Jährigen gesprochen.

Leipzig. Platz sechs in der Bundesliga, ein mühsam erkämpftes 1:0 im DFB-Pokal bei Regionalligist Babelsberg und so gut wie raus aus der Champions League: RB Leipzigs Saisonstart war ein holpriger und keineswegs ein zufriedenstellender. Der Technische Direktor der Roten Bullen, Christopher Vivell, sieht das ähnlich – weist aber darauf hin, dass die Formkurve gerade wieder nach oben zeigt. Wir haben mit ihm über die schwankenden Leistungen des Teams, das Lacroix-Hin-und-Her und über André Silva gesprochen.

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SPORTBUZZER: Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf?

Christopher Vivell: Wir sind mit der Entwicklung zufrieden, auch wenn wir uns etwas mehr erwartet haben. Wir haben in der Champions League in Paris ein sehr gutes Spiel gemacht, leider nichts Zählbares mitgebracht. In der Bundesliga haben wir uns stabilisiert und sind, was die Punkte angeht, wieder näher an die Champions-League-Plätze herangerückt und kommen so unserem Ziel näher. Im Pokal haben wir unsere Pflichtaufgabe in Babelsberg erfüllt und das Achtelfinale erreicht.

Das Team schwankt stark, von Spiel zu Spiel aber auch innerhalb einer Partie. Wie erklären Sie sich das?

Das spielen sicher mehrere Faktoren eine Rolle. Wir haben einen breiten Kader mit vielen verschiedenen Charakteren. Wir haben einen neuen Trainer, dazu Spieler verloren und neue geholt. Wir haben dadurch automatisch eine andere Ansprache. Wir spielen teilweise richtig guten Fußball, in allen Elementen, in allen Phasen. Aber wir schaffen es bisher noch nicht, das 90 Minuten durchzuhalten, außer im Spiel gegen Hertha. Da haben wir es durchgezogen.

Hertha hatte auch einen schlechten Tag.


Es kommt auch darauf an, inwieweit man zulässt, dass der Gegner gut spielt. In der ersten Halbzeit war Greuther Fürth sehr gut, in der zweiten Halbzeit schlecht. Oder wir waren in der ersten Halbzeit schlecht und in der zweiten sehr gut. Das ist das Schöne am Fußball, dass man darüber trefflich diskutieren kann. Was ich sagen will: Wir sind noch nicht stabil genug. Das muss und wird besser werden. Es ist unser Anspruch, Spiele zu dominieren und sicherer zu gewinnen.

Es gibt unter Fans und Experten eine große Unzufriedenheit mit Jesse Marsch. Können Sie die nachvollziehen?

Ich kann grundsätzlich nachvollziehen, dass man unzufrieden ist, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Nach unserer erfolgreichen Zeit und den Abgängen von Sabitzer, Upamecano und Konaté wäre es für keinen Trainer der Welt einfach gewesen wäre, in die Fußstapfen von Julian Nagelsmann zu treten. Julian hat ja auch – ich sage es mal so – sehr viel Raum eingenommen. Jesse ist ein Typ, der alle im Team mitnimmt, sehr viel kommuniziert, sehr offen ist. Ich bin sicher, wenn die Ergebnisse kommen, wird sich die Meinung wieder drehen.

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Pflichtaufgabe erfüllt: RB Leipzig zieht durch einen 1:0-Erfolg beim SV Babelsberg 03 in das Achtelfinale des DFB-Pokals ein. Zur Galerie
Pflichtaufgabe erfüllt: RB Leipzig zieht durch einen 1:0-Erfolg beim SV Babelsberg 03 in das Achtelfinale des DFB-Pokals ein. ©

Es gibt Leute, die sagen, er ist nur ein Gute-Laune-Onkel. Wie erleben Sie ihn?

Als viel mehr als einen Gute-Laune-Onkel – den Begriff finde ich übrigens sehr abwertend. Um eine Mannschaft zu führen reicht es sicher nicht aus, nur für gute Laune zu sorgen. Das würde nicht funktionieren. Jesse hat ganz viele Facetten. Er ist ein guter Trainer und zugleich ein sehr offener Mensch, der sehr positiv eingestellt ist und nichts Negatives nach außen tragen möchte.

Der Coach sagte nach der Partie gegen Fürth, die Mannschaft wird sehr schnell sehr unsicher. Worauf führen Sie das zurück?

Auf der einen Seite waren alle sehr positiv gestimmt, als wir aus Paris zurückkamen, aber wir hatten dort natürlich trotz eines sehr guten Spiels verloren. Jede Partie hat eine andere Geschichte. Vielleicht haben Einige gedacht, heute geht es so weiter wie in Paris und alles läuft gut, und dann bewegt sich das in eine andere Richtung. Da kommt man dann nicht so einfach raus. Wir haben die 15 Minuten Pause schon gebraucht, um durchzuatmen und uns zu stabilisieren. Warum das so ist? Ich glaube, das hat viel mit dem Kopf zu tun. Die Gegner in der Bundesliga verteidigen alle sehr gut, sind aggressiv, laufen uns vorn an. Da müssen wir immer wieder neue Lösungen finden.

Sie haben den Umbruch im Sommer angesprochen. Gibt es einen Abgang, den sie gern vermieden hätten?

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Keine Mannschaft auf unserem Niveau freut sich über Abgänge von Leistungsträgern wie Marcel Sabitzer, Dayot Upamecano und Ibou Konaté. Wir wissen alle, dass wir Spieler auf einem solchen Niveau auch nicht einfach kaufen können. Aber das geht allen Mannschaften so, außer vielleicht den Top-Fünf der Welt. Aber ich weine niemandem nach. Ich bin sehr zufrieden mit unserem Kader und froh, wie wir die Abgänge ersetzt haben.

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Der Kader von RB Leipzig bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2021/22 stehen bereits fest. Zur Galerie
Der Kader von RB Leipzig bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2021/22 stehen bereits fest. ©

Jeder Wechsel für sich allein war nachvollziehbar. Aber alle zusammen ergeben ja eine Summe. War die vielleicht zu groß?

Wir hatten einen großen Umbruch, der sicher auch ein Grund ist, warum wir noch nicht so erfolgreich sind, wie wir es uns vorgestellt hatten. Bei manchen der Themen konnten wir nichts machen. Da gab es Klauseln. Es gehört zum Fußball dazu, dass man Spieler kauft und verkauft. Wir werden in den nächsten Transferfenstern auch wieder Spieler transferieren, so ist das Geschäft. Ich sage immer, Verkaufen darf kein Problem sein. Man muss nur gut ersetzen. Wenn Spieler gehen, auch gute Spieler, bietet das immer die Möglichkeit, dass andere mehr Spielzeit bekommen und sich entwickeln können.

Sie haben im Frühjahr gesagt, es gibt für jeden Spieler und jede Position einen Plan A, B und C. Wie oft konnten Sie im Sommer A realisieren?

Immer (lacht).

Da muss ich an Maxence Lacroix denken.

Ich lasse mich nicht von den Ergebnissen täuschen. Wir hatten ein sehr gutes Transferfenster, weil wir genau das gemacht haben, was wir geplant hatten. Da Sie Lacroix ansprechen: Da wir ihn nicht verpflichtet haben, sind andere vielleicht in ein zwei Monaten noch besser und weiter, als es mit ihm der Fall gewesen wäre. Josko Gvardiol zum Beispiel wird in der Zukunft zu den Top-5-Innenverteidigern in Europa gehören. Wenn wir ihn nicht spielen lassen, würde er dafür länger brauchen. Das ist immer ein schmaler Grat.

Das heißt auch, Lacroix wäre ein Extra gewesen?

Lacroix ging durch die Presse. Er hatte in Wolfsburg einen langfristigen Vertrag ohne Ausstiegsklausel. Er hätte uns sehr viel Geld gekostet. Er stand auf einer Liste wie andere auch. Es ist nicht so, dass wir uns ausschließlich auf ihn fokussiert hatten und dann gescheitert sind. Nein, wir haben uns aktiv gegen ihn entschieden.

Es gab also keine Einigung mit Lacroix?

Nein.

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Alexander Sörloth und Hee-chan Hwang wurden verliehen. Beide kamen 2020 mit viel Vorschusslorbeeren und großen Hoffnungen. Was ist schiefgelaufen?

Das ist nicht so trivial. Beide sind gute Spieler, die nicht top performt haben. Ob es an der Mannschaft lag oder an ihnen, kann man im Nachhinein immer schwer bewerten. Wir haben beiden erklärt, wie ihre Rolle aussehen würde, wie viel Spielzeit sie bekommen würden. Wir waren sehr offen. Und haben dann gemeinsam entschieden, dass es besser wäre, wenn sie erstmal wieder ins Laufen kommen. Das tun sie gerade. Ich verfolge alle unsere Leihspieler und freue mich, dass Hee-chan, Alex und auch Ademola diese Woche getroffen haben. Es bleiben unsere Spieler. Vielleicht werden sie im nächsten Sommer wieder interessant für uns.

Im Gegensatz zu den beiden wechselte André Silva nach Leipzig. Jesse Marsch sagt, er ist kein reiner Umschaltstürmer. Umschalten ist aber das, was der Trainer gern spielen lassen will. War Silva die falsche Verpflichtung?

Nein. Wir, und da nehme ich den Trainer mit ins Boot, denn er war da ja schon verpflichtet, kannten Andrés Profil sehr genau. Wir wussten vorab, wann er wo sein muss, um Tore zu erzielen. Wir wussten auch, was er weniger kann. Das Wichtigste ist deshalb, ihn so einzusetzen, dass seine Stärken zur Geltung kommen.

Also ist das, was ihm noch fehlt, dass er von seinen Mitspielern nicht richtig eingesetzt wird?

Jeder Spieler braucht Zeit, um sich an Dinge zu gewöhnen. Er hat neue Mitspieler. Wir haben unterschiedliche Systeme gespielt. Deswegen ist es noch ein bisschen eine Findungsphase, bis er explodiert. Denn das ist ja, was jeder von André erwartet, dass er in jedem Spiel ein Tor schießt. Er hat ja schon unter Beweis gestellt, dass er das kann.

Wie viel Findungsphase kann man sich als Vizemeister eigentlich leisten?

Im Unterschied zu Wolfsburg zum Beispiel, wo die Kurve seit acht Spielen nach unten ging, geht sie bei uns ja nach oben. Selbst Bayern München hat in manchen Bereichen noch eine Findungsphase, auch wenn es bei ihnen, den DFB-Pokal mal ausgeklammert, super läuft. Ich verstehe die Frage natürlich, weil wir alle wollten, dass es vom ersten Spieltag an läuft. Jetzt haben wir ein paar Spieltage gebraucht, aber es geht in die richtige Richtung.

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Nicht mehr als ein Pflichtsieg: RB Leipzig gewinnt nach ganz schwacher erster Halbzeit und Rückstand gegen die SpVgg Greuther Fürth mit 4:1. Zur Galerie
Nicht mehr als ein Pflichtsieg: RB Leipzig gewinnt nach ganz schwacher erster Halbzeit und Rückstand gegen die SpVgg Greuther Fürth mit 4:1. ©

Das Wintertransferfenster rückt näher. Wo besteht aus Ihrer Sicht am ehesten Handlungsbedarf?

Wir haben einen sehr guten Kader, der breit aufgestellt ist. Deswegen hoffe ich, dass wir so durch die Saison gehen. Ich sehe Stand heute keinen großen Bedarf auf irgendeiner Position.

Wenn Sie sich einen Spieler wünschen dürften und Geld keine Rolle spielen würde, wer wäre das?

Ich bin mit unserer Mannschaft zufrieden und möchte keinen anderen (lacht). Aber eins muss ich sagen: Wer jetzt wieder beeindruckend war, war Kylian Mbappé. Ihn live zu sehen, ist etwas Besonderes. Er wird in den nächsten Jahren gemeinsam mit Erling Haaland – wenn beide gesund bleiben – den Markt dominieren.