26. Februar 2021 / 06:01 Uhr

RB Leipzigs Tyler Adams: "Diese Saison fühlt sich wie ein Neustart an"

RB Leipzigs Tyler Adams: "Diese Saison fühlt sich wie ein Neustart an"

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Geht für die Roten Bullen raus, tritt an und will gewinnen: Tyler Adams.
Geht für die Roten Bullen raus, tritt an und will gewinnen: Tyler Adams. © Matthias Hangst/Getty Images
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Er ist bereits seit mehr als zwei Jahren Teil der Bundesliga-Mannschaft RB Leipzigs und inzwischen zu einem verlässlichen Akteur gereift: Tyler Adams. Der 22-Jährige hat mit dem SPORTBUZZER über seinen Coach Julian Nagelsmann und seinen Platz im Team gesprochen. Der Amerikaner verrät auch, was er über seinen Körper gelernt hat.

Leipzig. Am 1. Januar 2019 kam Tyler Adams von den New York Red Bulls nach Leipzig. In seiner ersten Saison – es war eigentlich nur eine halbe – konnte er sich nicht wirklich in Szene setzen, denn er erlitt früh eine Verletzung, die in lange aus dem Spielbetrieb geschmissen hatte. Jetzt aber ist er in Top-Form, hat beinahe jedes Spiel in der aktuellen Spielzeit bestritten und kann dem engen Spielplan durchaus Positives entnehmen. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, der Teil des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) ist, spricht der 22-jährige US-Amerikaner über seine Deutschkenntnisse, die Veränderungen in der Corona-Pandemie, sein Idol Thierry Henry und was er über sich gelernt hat.

SPORTBUZZER: Sie sind direkt aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gekommen, haben vorher noch nie für einen anderen europäischen Club gespielt und sind mittlerweile schon seit mehr als zwei Jahren hier. Wie war es, sich an das Leben und den Fußball in Europa zu gewöhnen?

Tyler Adams (22): Die Major League Soccer (MLS) in Amerika, in der ich vor RB Leipzig gespielt habe, ist eine Liga, die noch wächst und sich noch entwickelt. Der Wechsel in eine so etablierte Liga wie es die Bundesliga ist, war schon immer mein Traum. Als Kind bin ich damit aufgewachsen, die Spiele der europäischen Vereine und auch die Champions League im Fernsehen anzusehen. Als sich die Möglichkeit ergeben hat, nach Leipzig zu kommen, war ich sehr aufgeregt. Vor allem, weil ich wusste, dass die Ambitionen des Clubs sich mit meinen eigenen deckten. RB Leipzig ist ein junger Verein, mit dem Ziel in der Champions League zu spielen und wo viele junge Spieler sich top entwickeln können. Ich habe mich auch sehr darauf gefreut, in ein neues Land zu ziehen, eine neue Kultur kennenzulernen und eine neue Sprache zu erlernen.

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Stichwort: Neue Sprache. Wie ist es um Ihr Deutsch bestellt?

Ich denke, ich kann sagen, dass meine Deutschkenntnisse recht gut sind. Ich verstehe mittlerweile fast alles. Klar, es gibt noch Wörter zu lernen, aber es wird von Tag zu Tag besser. Vor der Corona-Pandemie habe ich sehr viel gelernt, ich hatte jeden Tag Deutschstunden. Seit der Pandemie habe ich Skype-Unterricht. Aber ich versuche auch, sehr viel aus meinem Umfeld aufzuschnappen und zu verinnerlichen. Jetzt kenne ich die Struktur der Sprache ziemlich gut und konzentriere mich nicht mehr so stark auf die Grammatik. Ich will so viel wie möglich lernen, damit ich ordentlich sprechen kann.

Was war am schwierigsten zu erlernen?


Ich hatte einige Probleme damit, den Satzbau neu zu lernen. Also beispielsweise das Verb richtig zu setzen, die Konjugation von gewissen unregelmäßigen Verben – das ist irgendwie am schwierigsten. Weil ich manchmal denke, dass ich ein Verb richtig konjugiert habe, aber sie unterscheiden sich ja doch alle. Zum Beispiel die Wörter fangen und anfangen: Allein diese zwei Buchstaben am Anfang verändern die Bedeutung komplett, obwohl es fast das gleiche Wort ist. Viele sagen, Deutsch ist eine logische Sprache – und das stimmt auch. Aber manchmal verkopft man sich als Fremdsprachler.

Sollten Sie in den nächsten Jahren Deutschland verlassen – also rein hypothetisch – würden Sie die Sprache weiterlernen?

Gute Frage. Ich hoffe, dass ich noch so lange in Deutschland bin, dass ich die Sprache auf einem guten Niveau sprechen kann. Aber ich denke schon, es wäre sehr gut, damit weiterzumachen und eine weitere Sprache – neben Englisch - sprechen zu können. Es erstaunt mich, dass hier so viele Menschen zweisprachig sind, ob es nun Englisch oder irgendeine andere Sprache ist. In den Staaten lernt man zwar eine Fremdsprache in der Schule, aber es wird nicht so ernst verfolgt. Ich habe in der siebten Klasse angefangen Italienisch zu lernen. Ich war da schon zwölf, 13 Jahre alt. Und ich denke in diesem Alter geht es mit dem Erlernen neuer Sprachen etwas schwieriger voran.

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Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie haben Sie Deutschunterricht genommen. Dann mussten Sie auf Unterricht per Skype umstellen. Was hat sich in der Pandemie noch für Sie verändert?

Die Pandemie hat sehr viele Dinge relativiert. Man sieht, wie verschiedene Menschen in ihren Lebensweisen beeinträchtigt wurden. Ich habe das Glück, dass ich weiterhin das machen kann, was ich liebe. Aber ich weiß, dass sehr viele darunter leiden, zu Hause und isoliert sein zu müssen. Niemand will das. All diese kleinen Sachen, die wir als normal empfunden haben, wie beispielsweise mal mit Freunden essen zu gehen, sind weg. Jetzt ist es alltag, sich nach seiner Maske abzutasten, wenn man das Haus verlässt. Das ist kein schönes Gefühl. Natürlich muss man die Regeln befolgen und das Virus respektieren.

Sie haben Ihre Familie nun schon längere Zeit nicht gesehen. Wie gehen Sie damit um?

In den Staaten war ich das letzte Mal im Juli. Wenn ich meine Familie hoffentlich im Sommer wiedersehe, wird es fast ein Jahr her sein. Zu Weihnachten bin ich nicht nach New York geflogen. Das ist die längste Zeitspanne, in der ich meine Familie nicht gesehen habe. Normalerweise reisen sie auch mal nach Deutschland und besuchen mich, wenn ich nicht in der Lage bin, in die USA zu fliegen. Ich habe das Glück, dass meine Freundin hier mit mir lebt. Sie ist eine große Stütze in dieser Zeit. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer Pandemie völlig alleine hier zu sein. Es ist toll, jemanden zu haben, mit dem man die Zeit verbringt und mit dem man Sachen unternehmen kann. Ich vermisse meine Familie sehr. Aber glücklicherweise können wir uns auch per Video-Anruf mal sehen. Dann passiert das vielleicht mal ein oder zweimal die Woche mehr als vor der Pandemie.

Was war die größte Veränderung für Sie persönlich?

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Es hört sich zwar möglicherweise verrückt an, aber die Tatsache, dass wir keine Fans mehr bei den Spielen haben. Es ist sehr anders, vor leeren Rängen zu spielen, wo unter Normalbedingungen 50.000 Menschen stehen und einen anfeuern. Aber das ist auch Jammern auf hohem Niveau, weil wir so unglaublich glücklich sind, dass wir überhaupt spielen dürfen.

Für den Europäer sieht es oft so aus, als ob es in den USA nur die Wahl zwischen American Football, Baseball und Basketball gäbe. Wie sind Sie zum Fußball gekommen?

In amerikanischen Familien ist es oft so, dass Eltern gewisse Vorstellungen davon haben, welche Sportart die Kinder ausüben sollten. In meiner war das nicht so. Meine Eltern haben meinen Brüdern und mir die Freiheit gelassen, den Sport zu machen, den wir wollten. Wir waren schon immer eine Fußball-Familie, alle haben Fußball gespielt, Basketball übrigens auch. Und einer meiner Brüder spielt im College American Football. Wir haben irgendwie unseren Weg jeweils zu unserer eigenen Sportart gefunden und wurden immer dahingehend unterstützt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich solche Eltern habe. Ich war immer ein Energiebündel und wollte nur herumrennen. Fußball hat also auch zu meinem Charakter gepasst.

Bei RB Leipzig haben Sie zwei Trainer gehabt – ein halbes Jahr haben Sie unter Ralf Rangnick trainiert. Nun ist Julian Nagelsmann Ihr Coach. Wie unterscheiden sich die beiden?

Ein Vergleich ist sehr schwer. Ralf Rangnick ist ein sehr erfahrener Trainer gewesen, war als Coach auch für seinen Spielstil bekannt, aber vor allem dafür, was er für den Verein getan hat. Er hat seine eigenen Ideen ins Spiel gebracht. Julian Nagelsmann entspricht dem Schema, wie sich RB Leipzig entwickeln will und in welche Richtung sich der Klub bewegen möchte. Er ist ein sehr junger Trainer, hat brillante Ideen und bringt eine neue Energie in den Fußball. Rangnick ist derjenige, der mich von den New York Red Bulls geholt hat, aber Julian hat mir geholfen, mich spielerisch weiterzuentwickeln, und das auf eine andere Art und Weise. Er hat mir geholfen, das Spiel aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und den nächsten Schritt in meiner Entwicklung zu gehen.

Sie scheinen nun Ihren permanenten Platz im Team gefunden zu haben.

Für mich war es am Anfang eine Achterbahnfahrt, weil ich mir kurz nach meinem Transfer eine Verletzung zugezogen hatte. Es war ziemlich schwierig, mich ins Team einzufinden, nachdem ich so lange verletzt ausgefallen war. Ich konnte mich nicht wirklich in die Mannschaft einbringen, weil die Spieler schon auf eine gewisse Weise etabliert waren. Diese Saison fühlt sich wie ein Neustart an. Ich habe ab und an mal gefehlt, aber in den letzten Spielen habe ich einen guten Lauf, bin gut in Form. Ich nehme das Feedback vom Trainer auf und versuche seine Anmerkungen in den Spielen umzusetzen. Entsprechend versuche ich, mich mehr ins Team einzubringen, weil es ein sehr gutes Gefühl ist, Woche für Woche zu spielen.

Sie haben seit Ihrem Transfer nach Leipzig 42 Bundesliga-Spiele absolviert, 18 allein in dieser Saison. In zehn dieser 18 Spiele standen Sie über die gesamten 90 Minuten auf dem Platz. Im Vergleich zu Ihren ersten eineinhalb Jahren hier: Wie ist es für Sie, so oft im Einsatz zu sein?

Es ist ein tolles Gefühl, vor allem fühlt es sich gut an, gesund zu sein. Ich hatte anfangs damit meine Schwierigkeiten. Das höhere Niveau im Vergleich zur MLS war ein großer Schritt. Das anspruchsvolle Level hat dann seinen Tribut gefordert. Aber die Verletzung hat mir geholfen, einen Gang zurückzuschalten und zu realisieren, dass ich meinen Körper den Ansprüchen der Liga entsprechend vorbereiten muss. In der MLS spielt man selten drei Spiele pro Woche. Und hier in Deutschland haben wir die Bundesliga, den DFB-Pokal, die Champions League – das sind sehr viele Spiele. Dieses Jahr bin ich gesund und fit. Und das ist aktuell für mich am wichtigsten.

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29.07.2011: Regionalligist RB Leipzig gibt sein Debüt im DFB-Pokal. Und was für eins! Zu Gast ist Bundesligist VfL Wolfsburg. Der haushohe Favorit fährt geschlagen nach Hause. 3:2 gewinnen die Leipziger. Held des Abends ist Daniel Frahn, der alle drei Tore erzielt. ©

Was haben Sie an Ihrer Routine verändert, dass Sie sich körperlich so entwickelt haben?

Ich habe sehr viel Krafttraining gemacht. Und ich habe meine Zeit hier im Leistungszentrum anders verwaltet: Therapie, Krafttraining, generell wie lange ich trainiere und ob ich zusätzliche Einheiten mache. Zu Beginn habe ich sehr oft zusätzlich trainiert, aber jetzt kann ich klarer unterscheiden, an welchen Tagen sich die Extraarbeit lohnt und wann ich es lassen sollte. Ich höre meinem Körper mehr zu. Ich habe oftmals zwar zu viel Energie und könnte auch mehr machen. Aber manchmal ist es besser, zu sagen: Für heute reicht es, morgen mache ich weiter.

Obwohl die Saison durchaus intensiv und eng getaktet ist, bringt es Sie dennoch professionell weiter voran, so oft zu spielen?

Definitiv! Je mehr Spiele man in meinem Alter bestreiten kann, desto besser ist es. Mir ist das sehr wichtig. Ich weiß, wenn ich die Spiele mache, kann ich mich mehr einbringen, kann ich lernen, was genau ich zu tun habe. Hauptsache man lernt weiter, ob nun aus Fehlern oder aus Erfolgen – so entwickelt man sich weiter. Das Trainerteam hat mir in meiner Entwicklung sehr geholfen, aber meine Mitspieler auch. Wir haben so ein gutes, junges Team. Wir gehen jedes Wochenende da raus und treten an, wollen Spiele gewinnen.“

Sie haben auch fast alle Spiele in der Champions League mitgemacht, auch das Achtelfinal-Hinspiel gegen Liverpool. Was für ein Gefühl ist es, international zu spielen?

Es ist total verrückt. Ich bin mit der Bundesliga aufgewachsen, habe mir immer Spiele angesehen, wenn sie in den Staaten ausgestrahlt wurden. Aber die Champions League war eben das Thema schlechthin. Ich kam nach der Schule nach Hause und habe sofort den Fernseher angemacht, wenn Champions-League-Spiele liefen. Allein schon, wenn ich die Hymne gehört habe, bekam ich Gänsehaut. Die ganzen Superstars spielen zu sehen – das war das Beste. Und dann da selbst rauszugehen und eben diese Hymne auf dem Platz zu hören, war ein unglaubliches Gefühl. Wir haben gegen Teams, wie Liverpool, Atlético Madrid, Paris Saint-Germain – die Liste ist lang – gespielt und das war sehr außergewöhnlich.

Sie sagten, Sie waren bereits als Kind ein großer Fan der Champions League. Wer war Ihr Lieblingsspieler und welchen Verein fanden Sie am besten?

Ich habe in meiner Kindheit viele Spiele von Arsenal geschaut. Und ich war schon immer ein großer Fan von Thierry Henry. Für mich, als New Yorker Kind, war sein Wechsel zu den New York Red Bulls ein extremes Highlight. Ich habe ihn sogar kennenlernen und einige Male mit ihm trainieren können. Ich habe mein Idol getroffen und mit ihm gespielt. Ich habe alle seine Spiele geschaut, die ich irgendwie sehen konnte. Das war schon ein sehr besonderer Moment. Er ist auch einmal zu einem unserer Spiele gekommen, als ich noch für New York gespielt habe. Ich glaube, es war eines meiner ersten Spiele im Profifußball. Er hatte damals schon längst seine Karriere beendet, aber er wollte ein bisschen trainieren. Und er ist ins Trainingszentrum gekommen und hat mit uns trainiert. Das war sehr cool.

Wie sehr schmerzt dann die Niederlage gegen Liverpool?

Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, ich hasse es, zu verlieren. Es hat echt keinen Spaß gemacht, die Wunde ist noch offen. Aber wir haben noch ein Rückspiel. Ich freue mich schon darauf. Sie sind ein sehr starker Gegner, aber wir wissen, dass wir ein besseres Spiel abliefern können als im Hinspiel.

Ist es die nötige Zusatzmotivation?

Zu 100 Prozent.

Und welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Wir wissen, wie schwierig es sein wird. Wir haben zwei Tore kassiert, müssen also im Rückspiel mindestens drei Tore machen. Aber wir stellen uns der Herausforderung. Davor sind wir noch nie eingeknickt.

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Und wenn es mit einem Sieg und dem Einzug ins Viertelfinale nicht klappen sollte?

Wir haben hohe Ansprüche. Und irgendwann einen Titel zu holen, wäre für uns echt klasse. Wir sind noch im Rennen für einige, aber wir wissen auch, dass wir die Sache Spiel um Spiel angehen müssen. Es stehen in dieser Saison noch viele Spiele an, und jedes einzelne wird extrem wichtig sein. Wir sind froh, dass wir jetzt wieder im Rennen um den Meistertitel sind. Aber wir haben auch noch den DFB-Pokal. Wie Sie sehen, haben wir noch einiges vor der Brust.

Am 3. März steht schon das Viertelfinale im DFB-Pokal gegen den VfL Wolfsburg an.

Wir freuen uns auch darauf. Wir müssen gegen ein sehr starkes Team antreten. Wenn wir aber dieses Spiel gewinnen, können wir unsere Reise in Richtung Finale fortsetzen. Wir haben schon in der Bundesliga gegen sie gespielt, es ging 2:2 aus. Aber wir wissen, dass wir eine bessere Leistung als damals abliefern müssen. Und hier haben wir die Möglichkeit, das zu zeigen.