21. Mai 2021 / 11:00 Uhr

RB Leipzig und seine Transferpolitik: "Es ist nicht schlimm, wenn ein Spieler geht"

RB Leipzig und seine Transferpolitik: "Es ist nicht schlimm, wenn ein Spieler geht"

Antje Henselin-Rudolph / Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Im Moment nur als Duo unterwegs: Christopher Vivell (l.) und Florian Scholz (r.) bei der Vertragsverlängerug von Amadou Haidara.
Im Moment nur als Duo unterwegs: Christopher Vivell (l.) und Florian Scholz (r.) bei der Vertragsverlängerug von Amadou Haidara. © RB Leipzig
Anzeige

Florian Scholz und Christopher Vivell arbeiten im Moment nicht nur sprichwörtlich für drei. Der Kaufmännische Leiter Sport und der Technische Direktor von RB Leipzig ersetzen zwischenzeitlich den abgewanderten Markus Krösche, verlängerten zuletzt den Vertrag mit Dominik Szoboszlai. Wie kam es dazu? Wie findet der Bundesligist eigentlich geeignete Spieler und fände Einer wie Sergio Ramos hier Platz? Diese und andere Fragen beantworten beide im SPORTBUZZER-Interview.

Anzeige

Leipzig. Seit dem vorzeitigen Abschied von Sportdirektor Markus Krösche sind bei RB Leipzig zwei Männer ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt, die bis dato etwas mehr im Hintergrund arbeiteten: der Technische Direktor Christopher Vivell und der Kaufmännische Leiter Sport Florian Scholz. Gemeinsam mit Krösche agierten sie als sportlich führendes Dreigestirn. Im SPORTBUZZER-Interview verraten die beiden unter anderem, wie sie sich die Arbeit aktuell aufteilen, welche Anforderungen der neue Sportdirektor mitbringen muss, wie sinnvoll Initiativbewerbungen von Spielern am Cottaweg eigentlich sind und warum der Vertrag mit Dominik Szoboszlai verlängert wurde.

Anzeige

Herr Scholz, seit fast einem Jahr werden die sportlichen Geschicke bei RB von einem Dreiergremium geleitet, der sportlichen Führung. Wie kam es dazu?

Florian Scholz: Die sportliche Führung wurde ins Leben gerufen, um die Strukturen um die Mannschaft an die Erfordernisse des modernen Fußballs anzupassen. Sie sind in den letzten Jahren stark gestiegen und umfassen inzwischen viel mehr als „nur“ die Profis – dazu gehören ganz viele administrative und budgetären Prozesse, die Verzahnung zwischen Profis und Nachwuchs inkl. Career Center für die bestmögliche Ausbildung junger Spieler, globales Scouting, nachhaltige Kaderplanung, Transfertätigkeiten und sehr viele Abstimmungsprozesse. Bereits nach einem Jahr hat sich das Modell mehr als bewährt, jeder bringt seine Perspektive ein.



Wie teilen Sie Ihre Aufgaben aktuell auf?

Christopher Vivell: Meine Aufgabe bei RB Leipzig ist es, eine strategische Kaderplanung vorzunehmen, bei der wir uns zukunftsgerichtet sehr genau überlegen, wo wir in zwei, drei Jahren sein wollen. Welche Spieler entwickeln sich wie? Wann müssen wir welchen Spieler abgeben, welchen im Gegenzug vielleicht schon im Alter von 15 oder 16 Jahren verpflichten? Aus welchem Land, aus welchen Märkten? Am wichtigsten dafür ist: Wir müssen genau definieren und wissen, wie unsere Vereins-Philosophie ist, sie muss belastbar sein. Denn wer zu uns kommt, muss zu uns passen.

Scholz: Ich vertrete die Sicht des Vereins bei den Profis, also die Geschäftsstelle inklusive ihrer vielen administrativen Themen. Was können wir realisieren, was geht nicht – vor allem in punkto Budget und Vereins-Philosophie. Neben Prozessen und Personalthemen gehören auch Vertragsabwicklungen und -gespräche dazu, sozusagen klassische kaufmännische Themen. Wir reden täglich mehrfach, tauschen Meinungen aus, um dann in eine gemeinsame Richtung zu marschieren. Jeder hat ein Veto-Recht. Es geht aber immer darum, einen Konsens zu erreichen.

Mehr zum Krösche-Abgang

Sie arbeiten eigentlich in einer Dreier-Konstellation mit Sportdirektor. Welche Aufgaben bleiben für diesen Posten?

Vivell: Der Sportdirektor soll vorrangig für die Spieler da sein. Sie können sich immer an ihn wenden. Dazu spielen wir alle drei Tage – der Sportdirektor ist immer dabei. Er hat eine sehr öffentlichkeitswirksame Aufgabe, führt Interviews, ist neben dem Trainer das Gesicht des Vereins. Dann gehören natürlich auch Vertragsgespräche dazu, die immer in Kombination stattfinden. Es bleibt also sehr viel übrig. Das spüren wir beide gerade.

Wenn sich drei nicht einig werden, wer entscheidet dann?

Scholz: Wenn eine Idee käme, die nicht zu RB Leipzig passen oder den finanziellen Rahmen sprengen würde, würde ich sagen, dass wir das nicht machen können. Ich vertrete in gewisser Weise in meiner Funktion die Interessen des Gesamtvereins in der Runde. Tatsächlich gab es einen solchen Fall aber bisher nicht. Das hat viel mit den handelnden Personen selbst zu tun. Wenn einer von uns dreien der absolute Ego-Shooter wäre, hätten wir sicherlich Probleme. Das war aber in der Vergangenheit nicht der Fall und soll auch in der Zukunft nicht so sein. Deshalb suchen wir das dritte Puzzleteilchen, das genau zu uns passt.

Was muss dieses Puzzleteilchen mitbringen?

Scholz: Absolute Teamfähigkeit, Diskussionsbereitschaft, Expertise in den vorhin beschriebenen Bereichen, dazu Verhandlungsgeschick und Berater-Netzwerk. So würden wir wieder alle Bereiche abdecken.

Wie lange wird es dauern, das perfekt passende Puzzleteilchen zu finden?

Scholz: Der Ball liegt in erster Linie bei Oliver Mintzlaff als Vorsitzendem der Geschäftsführung. Die Gespräche werden jetzt aufgenommen.

Anzeige

Wie viele Kandidaten gibt es?

Scholz: Eine ausreichende Anzahl. Wir sind sehr zuversichtlich, die passende Person zu finden.

Wenn sich andeutet, dass bei RB Leipzig ein Posten frei wird, kommen dann Initiativbewerbungen rein?

Scholz: Es gibt einige Kandidaten.

Wie war es beim Trainerjob?

Vivell: Da ist es etwas anderes.

Wie viele Initiativbewerbungen gab es denn?

Vivell: Das kann ich gar nicht beziffern. Das geht ja über alle möglichen Ecken. Das lässt sich schlecht zählen.

DURCHKLICKEN: Sie saßen bisher bei RB auf der Bank

<b>Tino Vogel:</b> In RB Leipzigs erster Fußballsaison (2009/10) überhaupt, agierte Tino Vogel als Cheftrainer, bevor es für ihn über die U19 in die zweite Mannschaft von RB ging. Nachdem er am Saisonende 2016 die U23 abgeben musste, übernahm das Urgestein des Clubs die Aufgabe als RB-Scout. Zur Galerie
Tino Vogel: In RB Leipzigs erster Fußballsaison (2009/10) überhaupt, agierte Tino Vogel als Cheftrainer, bevor es für ihn über die U19 in die zweite Mannschaft von RB ging. Nachdem er am Saisonende 2016 die U23 abgeben musste, übernahm das Urgestein des Clubs die Aufgabe als RB-Scout. ©

Aber wir können davon ausgehen, dass es einige waren?

Vivell: Ja, natürlich. Wir sind ein sehr attraktiver Verein, einer der spannendsten in Deutschland. Wenn der Trainerposten frei wird, heißt das, dass sich Dinge im Club verändern. Deshalb gibt es über alle möglichen Kanäle Anfragen oder Kontaktaufnahmen.

Scholz: Es bewirbt sich ja auch kein Trainer selbst. Das geht über Berater oder Dritte, deshalb kann man das auch nicht wirklich quantifizieren. Manchmal ist es nur Smalltalk und da steckt vielleicht gar nichts dahinter.

Vivell: Generell sind wir ein Club, der genau weiß, was er will. Sich bei uns zu bewerben, ist deshalb ganz schön schwierig. Wir wissen, was wir suchen und deshalb muss uns eigentlich niemand etwas empfehlen. Das betrifft alle Positionen im sportlichen Bereich. Wir erhalten viele Vorschläge, aber meistens sind es nicht die richtigen.

Wir gehen davon aus, dass auch ständig Spielerbewerbungen eintrudeln?

Vivell: Oh ja!

Wie finden Sie den Einen, von dem Sie sagen, dass er passt? Schauen Sie sich jede Bewerbung an?

Vivell: Nein, das geht gar nicht. Wir arbeiten proaktiv, nicht reaktiv. Das ist es, was uns auszeichnet. Wir kennen den Markt, sind gut vernetzt und haben eine Struktur im Verein, die passt. So können wir – egal, was kommt – immer vorbereitet sein. Wir wollen Ad-hoc-Situationen vorbeugen. Deshalb haben wir zum Beispiel in dieser Saison schon sehr früh neue Verträge für die kommende Saison geschlossen, auch auf der Position des Innenverteidigers. So konnte uns zum Beispiel der Wechsel von Dayot Upamecano nicht mehr überraschen. Ich sage immer: Es ist nicht schlimm, wenn ein Spieler geht. Schlimm ist aber, wenn man ihn nicht gut ersetzt. Wenn einer geht und wir panisch reagieren, werden wir keinen Erfolg haben. Deshalb müssen wir immer frühzeitig überlegen, wo wir hin wollen.

Also haben sie für jeden einzelnen im Kader eine Variante A, B und C?

Scholz: Wir wollen selbstbestimmt handeln. Das geht aber nicht immer: Wenn ein Spieler keine Ausstiegsklausel hat, greift Plan A. Dann haben wir das Heft des Handelns in der eigenen Hand und könnten schnell – wenn wir es denn wollten - „Nein“ sagen. Hat ein Spieler eine Ausstiegsklausel, und die schreiben wir ja mit klarem Menschenverstand in den Vertrag rein, haben wir einen Plan B. Bisher sind recht viele Pläne in den vergangenen Jahren aufgegangen (lacht).

Wie viele Jahre im Voraus planen Sie?

Vivell: Für die erste Mannschaft ist ein Zeitraum von zwei Transferfenstern realistisch. Im Nachwuchs ist es viel schwieriger. Bei Spielern im Alter von 13 oder 14 Jahren kann in der Zukunft noch so viel passieren. Das ist schwer zu planen.

DURCHKLICKEN: Diese Spieler kamen aus Salzburg nach Leipzig

Hwang Hee-Chan ist der neueste Salzburg-Import bei RB Leipzig. Der SPORTBUZZER blickt auf die Spieler zurück, die von Salzburg nach Leipzig wechselten. Zur Galerie
Hwang Hee-Chan ist der neueste Salzburg-Import bei RB Leipzig. Der SPORTBUZZER blickt auf die Spieler zurück, die von Salzburg nach Leipzig wechselten. ©

Kann man sich die Kaderplanung ähnlich einem Schachspiel vorstellen, wo man verschiedene Züge im Voraus berechnet und einkalkuliert?

Vivell: Schöner Vergleich, aber nein, nicht wirklich. Es geht einfach darum, den Markt zu kennen. Und es geht um Momente. Manchmal rechnet man sich hohe Chancen bei einem Spieler aus und plötzlich verletzt er sich. Plan A ist damit weg. Plan B ist in der Zwischenzeit zu einem anderen Verein gewechselt, weil man die ganze Zeit auf Plan A gesetzt hat. Deshalb ist die Kaderplanung ständig in Bewegung. Man kann Jahre im Voraus noch so gut planen und plötzlich verletzen sich drei, vier Spieler. Dann muss man neu anfangen.

Wussten Sie das Dominik Szoboszlai so schwer verletzt ist, als Sie ihn verpflichtet haben?

Scholz: Wir wussten, dass er angeschlagen ist und haben uns mit offenen Augen dafür entschieden, ihn dennoch zu verpflichten. Und seine Verlängerung zeigt, dass sich Domi bei uns wohl fühlt und uns als langfristige Station sieht.

Er konnte bisher kein Spiel für RB machen. Sind Sie sauer auf die Verantwortlichen in Salzburg?

Vivell: Überhaupt nicht. Wir sind sportlich total von ihm überzeugt. Wenn wir ihn nicht bekommen hätten, wäre er zu einem anderen Top-Verein gewechselt. Ich halte es für einen Riesenerfolg, eines der größten Talente Europas in seinem Jahrgang zu uns geholt zu haben. Wir sind sehr zuversichtlich, dass er uns im Sommer helfen wird.

Warum haben Sie gerade jetzt mit ihm verlängert, obwohl er noch keine Minute gespielt hat?

Scholz: Weil wir von ihm als Spieler komplett überzeugt sind. Dominik wollte mit einer Vertragsverlängerung nach einem für ihn schwierigen ersten halben Jahr ein Zeichen setzen. Darauf sind wir dankend eingegangen, da uns jedes zusätzliche Vertragsjahr nicht nur Planungssicherheit gibt, sondern auch die Wertigkeit des Spielers widerspiegelt. Daher war die Verlängerung für beide Seiten eine Win-Win-Situation.

Mehr zu RB

Was wird mit den Leihspielern passieren, die im Sommer zurückkehren?

Vivell: Wir sind aktuell im Austausch mit unserem neuen Trainer und bewerten jeden Spieler neu. Sicher ist, dass wir mit einem starken Kader in die neue Saison gehen werden. Ob einer von den Jungs dabei ist, wird sich zeigen. Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nichts ausschließen.

Scholz: Der Trainer hat bei uns eine extrem hohe Aussagefähigkeit. Es hängt viel davon ab, wen er spielen lassen möchte.

In den vergangenen Wochen wurde immer mal wieder bemerkt, dass es RB an einem Leader fehle…

Vivell: Ich bin der Meinung, dass wir sehr viele gute Leader haben. Wir haben Spieler, die bei uns gewachsen und unseren Weg mitgegangen sind. Willi Orban ist ein solches Beispiel, oder Peter Gulacsi. Wir bilden Führungsspieler aus, indem wir gemeinsam wachsen. Orban ist seit der zweiten Liga bei uns, spielt jetzt in der Champions League und performt auf einem super Niveau. Gibt es einen besseren Leader, den man von außen holt und alles neu kennenlernen muss? Ich denke nicht.

Vielleicht wünschen sich Einige jemanden wie Sergio Ramos, der rausgeht, drei Gegenspieler foult und dann ist Ruhe…

Scholz: Also mit der Idee wären Sie in unserem Gremium nicht weit gekommen. (lacht)

Vivell: Bei keinem der drei Beteiligten. (lacht)

Scholz: Wir haben eine klare Vereinsphilosophie, eine ganz klare Spielphilosophie und eine klare Kaderphilosophie. Das sind unsere Leitplanken. Wenn wir sagen: „Das könnte jetzt aber schön sein“, lassen wir den ersten Domino-Stein fallen. Fangen wir einmal damit an, fällt irgendwann der nächste, dann wieder der nächste. Dann geraten wir in einen Strudel. Das ist dann nicht mehr nachhaltig. Es kostet definitiv viel Kraft, als Verein in seinen Leitplanken zu bleiben, weil man sich damit von vielen in der Branche abhebt. Aber es ist gleichzeitig extrem wichtig, um jedes Jahr erfolgreich zu sein.

Tipp: Die komplette SPORTBUZZER-Berichterstattung zur EM 2021 findest Du auch in der superschnellen EM-App von Toralarm. Und folge gerne @sportbuzzer auf Instagram!