26. November 2021 / 07:55 Uhr

RB Leipzigs Demonstration der Stärke und Eingeständnis von Wankelmütigkeit

RB Leipzigs Demonstration der Stärke und Eingeständnis von Wankelmütigkeit

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Einer für alle. Alle für einen. Rudelbildung in der Champions-League-Begegnung des FC Brügge gegen RB Leipzig.
Einer für alle. Alle für einen. Rudelbildung in der Champions-League-Begegnung des FC Brügge gegen RB Leipzig. © Kurt Desplenter/BELGA/dpa
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RB Leipzig gewinnt in Brügge sensationell mit 5:0. Der Bundesligist nahm die Gastgeber nach allen Regeln der Kunst auseinander. Die Belgier revanchierten sich mit Bier. Der Erfolg hat aus Sicht der Sachsen allerdings mehr als nur eine Seite.

Brügge. Brügge sehen, gewinnen, duschen, schlafen und hurtig heeme nach Leipzig. Entgegen der ursprünglichen RB-Planung (Auslaufen in Brügge, nachmittäglicher Rückflug), ging nach dem Aufwachen am Donnerstag auf Wunsch der Spieler alles ganz schnell. Frühstück, Airport, Abflug. Um 11.30 Uhr setzte der Flieger mit den 5:0-Helden des Vortags in Leipzig auf. Möglicherweise dämmerte den Siegern während des 70-minütigen Flugs, was sich so alles am historischen Vorabend zugetragen hatte. Und was in Gruppe A der Champions League möglich gewesen wäre, wenn sie öfter an ihre körperlichen, mentalen und fußballerischen Grenzen gegangen wären.

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Nach Stand der Dinge bekommt Jesse Marschs Hochglanz-Kader auch 2022 internationalen Auslauf. In der Europa League. Gegen Teams wie Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Olympique Lyon, West Ham United und so weiter. Der einstige „Cup der Verlierer“ (Franz Beckenbauer nannte den Wettbewerb mal so) hat sich gemausert und ist auch deswegen sexy, weil sich der Cup-Gewinner für die Königsklasse qualifiziert. Der Weg zum Titel ist, nun ja, relativ kurz.

DURCHKLICKEN: So kommentiert die in- und ausländische Presse

De Standaard (Belgien): Unerkennbarer Club Brügge wird von RB umgehauen. Der rote Bulle im Leipzig-Logo? Das bezieht sich nicht nur auf den Energy-Drink-Giganten, dem der Club gehört. Wie ein Stier auf einen Torero ging RBL auf Balljagd. Brügge schien nach der Pause den Schaden zu begrenzen, doch der Ehrenretter war nicht dabei. Außerdem endete dieser dramatische Abend mit dem Vorschlaghammer durch Nkunku – 0:5. So schön die Champions-League-Saison begann, so schmerzhaft endete das Abenteuer. Zur Galerie
De Standaard (Belgien): "Unerkennbarer Club Brügge wird von RB umgehauen. Der rote Bulle im Leipzig-Logo? Das bezieht sich nicht nur auf den Energy-Drink-Giganten, dem der Club gehört. Wie ein Stier auf einen Torero ging RBL auf Balljagd. Brügge schien nach der Pause den Schaden zu begrenzen, doch der Ehrenretter war nicht dabei. Außerdem endete dieser dramatische Abend mit dem Vorschlaghammer durch Nkunku – 0:5. So schön die Champions-League-Saison begann, so schmerzhaft endete das Abenteuer." ©

Wobei der FC Brügge noch nicht vollends aus dem Rennen um die Europa League ist. Denn wenn der „Club“ am 7. Dezember in Paris mehr Punkte holt als RB Leipzig zeitgleich im heimischen Geisterspiel gegen Manchester City, ist Leipzig raus.


Die magische Nacht von Brügge: Was war das denn?

Nun, es war auch ohne elf fehlende Profis eine Demonstration der Stärke. Und auch ein Eingeständnis von Wankelmütigkeit. Denn: Eben jene Mannschaft, die den belgischen Abo-Meister der Lächerlichkeit preisgegeben hat, lieferte vier Tage vorher in Hoffenheim ein Spiel, das den Begriff Arbeitsverweigerung zumindest schrammte.

In Brügge rissen sich alle am Riemen, angelte keiner, gingen die Routiniers voran, folgten die weniger berühmten und weniger gut bezahlten Sportler mit Mut und Kraft. Kapitän Kevin Kampl lief über zwölf Kilometer, dirigierte, sortierte. Doppeltorschütze Emil Forsberg wies nach, dass er offensiv spielen und defensiv denken kann, grätschte und kämpfte wie ein Wikinger. Konrad Laimer und Lukas Klostermann, im Gesamtzusammenhang der Jugend-forscht-Equipe auch schon Oldies, stürzten sich auf Bälle und Räume wie ein Labrador auf die Wurstsemmel.

Um die Altvorderen herum standen die jungen Burschen ihren Mann. Keeper Josep Martínez – von der Bank zur Bank. Josko Gvardiol – furchteinflößend, trug wahrscheinlich schon bei der Geburt Vollbart. Angeliño – vom bärbeißigen Gvardiol zur Höchstleistung genötigt. Nordi Mukiele – kanalisiert Wut, Stolz und Können zielführend. Christopher Nkunku – trifft in der 12. Minute und in der Nachspielzeit, ist aber viel mehr als ein Mann für gewisse Stunden. André Silva – köpft ein Weltklasse-Tor, ist omnipräsent. Brian Brobbey – war ein Versprechen für die Zukunft, kann es auch im Hier und Heute. Der verletzte Yussuf Poulsen – gelebtes Wir-Gefühl am Spielfeldrand.

Weitere Meldungen zu RB Leipzig

Marsch-Route, funktionierende: Zu den Gewinnern gehören auch Jesse Marsch (weilte coronabedingt in Leipzig) und sein Assistent Achim Beierlorzer. Beider Matchplan zündete, Einstellung und Aufstellung fügten sich stimmig zueinander. Die Fußballer haben nicht für oder gegen Marsch, sondern für sich und den Club gespielt. Der US-Amerikaner ist ein Fan von hoher Spiel-Intensität und Eigenverantwortung beim Thema Leadership, sah beim 5:0 gegen Brügge, dass es auch diesbezüglich gut war.

Nass gemacht I: Nach Nkunkus Treffer zur 1:0-Führung liefen die RB-Profis zum Feiern Richtung Eckfahne. Weil ein im Anflug befindlicher voller Bierbecher störend gewirkt hätte, köpfte Gvardiol die Gabe des Brügge-Fanblocks raus aus der Jubel-Traube. Irre Szene, irrer Typ.

Nassgemacht II: Das mit dem im Flug gereichten Bier scheint in Brügge eine weit verbreitete Übung zu sein. Nach dem 3:0 ergoss sich eine mächtige Ladung über dem Haupt von Oliver Mintzlaff. Der durchnässte RB-Chef bekam einen trockenen Mantel gereicht und hielt bis zum Abpfiff durch.