09. Juni 2021 / 12:18 Uhr

RB Leipzigs Ex-Coach Rangnick sieht keinen Platz mehr für "Sauhunde" im Fußball

RB Leipzigs Ex-Coach Rangnick sieht keinen Platz mehr für "Sauhunde" im Fußball

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Ralf Rangnick sieht den Fußball der Zukunft dynamischer und schneller werden.
Ralf Rangnick sieht den Fußball der Zukunft dynamischer und schneller werden. © André Kempner
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Der Fußball verändert sich rasant. Einer, der daran nicht ganz unschuldig ist, ist Ralf Rangnick. Im Interview mit dem Red Bulletin hat sich RB Leipzigs Ex-Trainer und -Sportdirektor ausführlich zu aktuellen Entwicklungen geäußert. Herausforderungen sieht er nicht nur auf Trainer, sondern auch auf Kicker zukommen. 

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Leipzig. Er war bei RB Leipzig lange Zeit Sportdirektor und Trainer, prägte das Team, die Spieler, vor allem aber die Vereinsphilosophie der Roten Bullen. Im Interview mit dem aktuellen Red Bulletin hat Ralf Rangnick nicht nur über die Zukunft des Fußballs an sich, sondern auch darüber, was Spieler und Trainer mitbringen müssen, gesprochen.

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In Zukunft sieht Rangnick das Spiel…

… dynamischer und schneller, ohne Raum für Akteure, die den Ball ruhig und flach halten. „Fußball hat sich in den letzten Jahren zu einer Hochgeschwindigkeitssportart gewandelt, und diese Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Passschärfe, Passpräzision und Entscheidungsschnellig­keit werden weiter zunehmen. Spieler bekommen noch weniger Zeit und Raum, einen Ball in Ruhe anzunehmen.“

DURCHKLICKEN: Rangnicks Karriere bei RB Leipzig in Bildern

Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. Zur Galerie
Ralf Rangnick übernimmt zum zweiten Mal den RB-Trainerposten. ©

Die körperliche Leistung von Spielern…

… wird irgendwann nicht mehr reichen, meint der ehemalige RB-Coach. „In Zukunft wird es aber vor allem um „train the brain“, also kognitives Training gehen: Spieler zu provozieren, sie im Training aus der Komfortzone zu holen, sie unter erschwerten Bedingungen trainieren und Entscheidungen auf engstem Raum unter Zeitdruck treffen zu lassen.“ Für Kicker, die sich mental nicht professionell verhalten können, sieht er keine Chancen: „Es gab ja lange eine Meinung unter Trainern und TV-Experten, die lautete: 'Du brauchst auch ein paar Sauhunde in der Mannschaft, die aus dem Trainingslager ausbüxen, die Nacht zum Tag machen, einmal einen über den Durst trinken.'" Hier ist Rangnick ganz klar: Wer das macht, kann nicht das Maximale aus sich herausholen.

Trainer müssen in Zukunft mehr können…

… sagt der gebürtige Schwabe und meint damit, dass ein moderner Coach wie ein moderner Manager agieren sollte. Ein Trainer müsse Teamverständnis, Menschenführung und Entscheidungssicherheit mitbringen. „Bei meinem ersten Trainerjob waren wir zu dritt: Co-Trainer, Torwarttrainer, ich. Heute musst du Ansprechpartner sein für 15 bis 20 Fachleute, vom Videoanalysten bis zum Ernährungsberater. Und es ist nicht getan, Aufgaben an diese Experten zu delegieren, du musst mit ihnen in den Dialog treten können. Deshalb muss ein Trainer auch über viel mehr Spezialwissen als früher verfügen.“

Den Erfolg eines Teams…

… macht Rangnick an drei Ks fest: Konzept, Kompetenz und Kapital. „Kapital ist schnell einmal wo vorhanden, meistens scheitert es an fehlender Kompetenz der Handelnden und am fehlenden Konzept.“ Als ein Negativbeispiel führt er seinen Ex-Verein Schalke 04 auf. „Es braucht eine klare Vereinsphilosophie. Wofür möchte ich stehen? In der freien Wirtschaft redet man von Corporate Identity. Ohne Corporate Identity gibt es auch kein Corporate Behaviour. Wenn es keine Fußball-Identität gibt bzw. sich die mit jedem Trainerwechsel ändert, stehst du als Verein für nichts. Deshalb spielt Schalke 04 nächste Saison in der zweiten Liga.“ Positiv bewertet er die Arbeit von Jürgen Klopp sowohl bei Borussia Dortmund als auch beim Liverpool FC: „Er hat Verein, Spieler und die ganze Stadt elektrisiert.“

In der Vergangenheit war…

… die Atmosphäre in den Stadien besser, sagt der 62-Jährige: „Ich kann mich an Besuche im alten Stuttgarter Stadion, im Highbury von Arsenal oder im Upton Park in London erinnern – da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Damals gab es so gut wie keine VIP-­Räume oder Lounges, keine Leute, die zum Spiel gekommen sind, um gut zu essen und sich zu unterhalten. Es ging nur um Fuß­ball. Um Herz, Emotionen und die Liebe zu dieser Sportart. Genau das darf man nie aus den Augen verlieren. Moderne Methoden, um Spieler und Mannschaften zu entwickeln, sind mit offenen Armen zu begrüssen. Aber die Essenz muss die Liebe zum Sport bleiben.“