18. Juni 2021 / 21:41 Uhr

RB Leipzigs Haidara hilft Kindern in Mali: "Ich bin als Mutmacher hier"

RB Leipzigs Haidara hilft Kindern in Mali: "Ich bin als Mutmacher hier"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Amadou Haidara will etwas zurückgeben und organisiert in Mali unter anderem ein Fußballcamp.
Amadou Haidara will etwas zurückgeben und organisiert in Mali unter anderem ein Fußballcamp. © Imago/motivio
Anzeige

Er ist in Bamako (Mali) geboren. RB Leipzigs Amadou Haidara trägt seine Heimat trotz Karriere in Europa immer im Herzen. Am Samstag lädt er in seiner Geburtsstadt zu einem Fußball-Camp für den Nachwuchs. Mehr als 1000 kleine Kicker haben sich dafür beworben. Mit LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph hat er unter anderem über seine Beweggründe, die Ausgestaltung dieses besonderen Tages, die Situation von Kindern in Mali und mehr gesprochen.

Anzeige

Leipzig/Bamako. Nach drei Partien im Trikot der Nationalelf Malis ist Amadou Haidara am Donnerstag in seiner Heimatstadt Bamako gelandet. Für RB Leipzigs Mittelfeldspieler ist es ein ganz besonderer Aufenthalt. Denn es geht nicht nur um das ersehnte Wiedersehen mit seinen Lieben. Der 23-Jährige hat gemeinsam mit zahlreichen Helferinnen und Helfern ein Hilfsprojekt auf die Beine gestellt, das am Samstag in einem eintägigen Fußball-Camp seinen Höhepunkt findet. Für den Profi, der seine Familie bereits im Alter von zehn Jahren verließ, um an die Akademie in Bamako zu wechseln, ist das eine hoch-emotionale Angelegenheit.

Anzeige

SPORTBUZZER: Sie kehren an diesem Wochenende in Ihre Heimatstadt Bamako zurück, werden dabei mehr tun als Ihre Familie zu besuchen. Erzählen Sie von Ihrem Projekt.

Amadou Haidara: Stimmt. Das ist mehr als nur eine normale Rückkehr. Natürlich freue ich mich wahnsinnig, meine Familie endlich mal wieder zu sehen. Die Familie und Freunde sind, wie bei den meisten, Covid-bedingt viel zu kurz gekommen, deshalb freue ich mich sehr, sie endlich wieder richtig und länger zu sehen. Darüber hinaus findet aber ein Event statt, dass mir sehr am Herzen liegt. Ich werde am Wochenende ein Fußball-Camp mit 90 Kindern veranstalten. Damit möchte ich meiner Heimat etwas zurückgeben und die Kinder ermutigen, an ihre Träume zu glauben.

Was erwartet die Kinder an diesem besonderen Tag?

Wir werden ganz viel Spaß haben. Und ich hoffe, dass sie einen unvergesslichen Tag haben, aus dem sie lange Kraft und Motivation ziehen können. Wir werden gemeinsam essen, reden, lachen, träumen und Fußball spielen. In schönen Nike-Trikots, aber ansonsten so, wie ich auch angefangen habe, Fußball zu spielen – nämlich barfuß. Am Ende gibt es ein Abschlussspiel, bei dem die Kinder dabei sind, die am besten mitgemacht haben. Bei diesem Spiel werde ich natürlich auch dabei sein. Ich möchte nämlich, dass sie lernen, dass man im Leben etwas leisten muss, sich besondere Dinge verdienen muss.“

Wie sieht Ihre ganz persönliche Rolle an diesem Tag aus?

Die Kinder können mit mir sprechen, mir jede Frage stellen, und ich werde ihnen alles verraten, was ich weiß. Ich möchte, dass die Kinder erkennen, dass es sich lohnt, zu träumen und Visionen zu haben. Dass sie anhand meiner Geschichte erkennen, dass man sich Träume erfüllen kann, wenn man alles dafür tut. Wenn man auch bereit ist, Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Dass man auch mal Traurigkeit akzeptiert und bereit ist, zu leiden. Am Ende überwiegt aber das Gefühl von Glück, Freude und Stolz. Wobei ich sagen muss, dass ich persönlich natürlich noch lange nicht am Ende meiner Träume bin. Ich habe eine Zwischenetappe erreicht, mehr nicht. Ich habe noch viel vor. Aber erst einmal bin ich als Mutmacher hier, als jemand, der den Kindern gerne seine Geschichte erzählen möchte und ihnen zeigt, was im Leben möglich ist.

90 Kinder können am Samstag im Camp dabei sein. Mehr als 1000 haben sich beworben. Wie fand die Auswahl statt?

Es sind diejenigen, die sich zuvor bei Auswahl-Trainings am besten präsentiert haben. Einige der Kinder reisen aus über hundert Kilometern Entfernung an. Am liebsten hätte ich noch mehr von ihnen die Möglichkeit gegeben, mitzumachen. Aber wir wollen auch allen gerecht werden – daher sind leider nicht mehr möglich.

Kinder in Mali warten auf eines der Vor-Turniere für Amadou Haidaras Fußball-Camp

Wie viele Menschen helfen Ihnen dabei, das umzusetzen?

Mein Cousin hilft mir. Er hat schon Basketball-Camps organisiert. Außerdem ist meine Beraterin Raquel Rosa an meiner Seite. Sie hat in der Vergangenheit schon bei Großereignissen gearbeitet, bei der WM 2014 in Brasilien und der EM in Frankreich mit der deutschen Nationalmannschaft. Sie weiß, wie Events funktionieren. Und sie hat genau das richtige Gespür und Herz, um mich bei so einem Projekt zu unterstützen. Außerdem haben wir natürlich noch weitere Trainer dabei, die helfen. Wir sind also eine gute Truppe, die die Kinder unterstützt und ihnen einen wundervollen Tag bereiten will..

Sie werden nicht nur mit Talenten trainieren, sondern auch Kinderheime besuchen. Wie stellt sich die Lage für Kinder in Mali aktuell dar?

Die Kinderheime in Mali haben nichts mit dem Standard in Europa zu tun. Hier fehlt es leider an Vielem. Manchmal fehlt sogar ein simpler Schrank, in dem man das Essen aufbewahren kann, damit keine Tiere über die Speisen herfallen. Man kann also mit vermeintlichen Kleinigkeiten schon wichtige Veränderungen vornehmen.

Was kann Fußball in diesem Zusammenhang bewirken?

Anzeige

Ich glaube, dass man im Fall von Christian Eriksen gesehen hat, wozu Fußball in der Lage ist. Die ganze Welt hat nach seinem Zusammenbruch für ihn gebetet und gehofft. Alle Fans, egal woher sie kommen und welchem Team sie die Daumen drücken, waren emotional verbunden und haben nur an ihn, seine Familie und seine Gesundheit gedacht und waren respektvoll vereint. Fußball ist an sich ein einfaches Spiel. Man kann es barfuß spielen, also auch, wenn man kein Geld hat. Uns war es egal, womit wir gekickt haben. Das ist Fußball. Ein Spiel für alle. Mit tollen Emotionen.

Sie selbst haben mit zehn Jahren Ihr Zuhause verlassen und sind an die Akademie in Bamako gezogen. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Schritt?

Auf der einen Seite habe ich mich über jeden Entwicklungsschritt gefreut. Auf der anderen Seite war ich natürlich traurig und habe lernen müssen, auch ohne die direkte Wärme und Nähe meiner Familie klarzukommen. Meine großen Träume haben mir Mut gegeben, weiterzumachen.

Gab es damals schon den Gedanken, es in die Nationalmannschaft und über Mali hinaus in den internationalen Fußball zu schaffen?

Natürlich habe ich auch davon geträumt, das Trikot meines Landes zu tragen. Nichts macht einen so stolz, wie für sein Land zu spielen.

Mit 18 Jahren haben Sie Mali verlassen und wechselten nach Salzburg und Liefering. Wie schwierig war es, sich in das Leben in Europa einzufühlen?

Das ging relativ gut. In Salzburg und bei Liefering gibt es sehr erfahrene Mitarbeiter, die mich klasse unterstützt haben, damit ich mich schnell heimisch fühlen konnte. Sie haben mich mit offenen Armen und Verständnis empfangen. Genauso war es mit meinen Teamkollegen.

Seit 2012 herrscht im Norden Malis Bürgerkrieg. 2020 kam es in Bamako während eines Putsches zu gewalttätigen Ausschreitungen. Sorgen Sie sich um Ihre Familie?

Natürlich mache ich mir da Gedanken und Sorgen, weil ich ja nicht weiß, wie die Lage ist. Ich habe damals gleich mit meinen Eltern gesprochen, mir alles erklären lassen. Ich wollte wissen, ob sie sicher sind. Das waren sie. Ich war erleichtert.

Wie schwierig ist es, sich angesichts solcher Umstände auf Fußball zu konzentrieren?

Ich konnte mich zunächst auf nichts anderes konzentrieren, war in Gedanken bei meinen Eltern. Erst nachdem ich mit ihnen sprechen konnte, ging es mir besser.

Was wünschen Sie sich für Ihr Land?

Ich wünsche mir natürlich, dass sich die Lage bald beruhigt. Ich hoffe, dass die Menschen eine Ordnung für sich finden, die Frieden für alle garantiert. Damit sich niemand Sorgen machen muss, was als nächstes passieren wird oder könnte.