04. Juni 2021 / 15:26 Uhr

RB Leipzigs OFCs: Kultras bleiben ganz bewusst klein aber fein

RB Leipzigs OFCs: Kultras bleiben ganz bewusst klein aber fein

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Die Kultras streamen in ihrer BuLiGarage die Spiele von RB Leipzig, wenn sie nicht ins Stadion gehen können.
Die Kultras streamen in ihrer BuLiGarage die Spiele von RB Leipzig, wenn sie nicht ins Stadion gehen können. © privat
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Der SPORTBUZZER stellt in einer Serie die Offiziellen Fanclubs von RB Leipzig vor. In der 17. Folge erzählt Michel Ziebell, warum für die Kultras von der ersten Stunde an feststand, dass sie eine überschaubare Größe halten wollen und was hinter dem Namen steckt.

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Leipzig. Der Name könnte Böses ahnen lassen, bei den Kultras ist das aber nicht der Fall. „Am Anfang gab es ja das Theater mit der Akzeptanz des Vereins in der Bundesliga“, erklärt Michel Ziebell, Vorsitzender der Kultras. „Uns wurde vorgeworfen, keine Kultur und keine Tradition zu haben. Damals haben wir uns dazu entschieden, das bei der Namensfindung aufs Korn zu nehmen.“ In der Regel sind die Ultras die Fangruppierungen, die den Fußball mitbestimmen wollen, so Ziebell. Die Kultras möchten dagegen "nur" den Sport und das Fan-Dasein genießen.

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„Fan wird man nicht direkt beim ersten Spiel“

Ziebell erinnert sich an die Zeit, als RB Leipzig noch in der dritten Liga spielte: „An der Küste, also in Rostock, gab es allein schon deswegen Auseinandersetzungen, weil man die Klamotten mit dem Vereinslogo trug.“ Damals seien die Kultras viel unterwegs gewesen – in Düsseldorf, Bochum. „Fast in jeder Kneipe gab es Diskussionen, manchmal auch ein bisschen mehr als das. Das sind Sachen, an die man sich nicht so gerne erinnert, aber diese Zeiten sind – Gott sei Dank – vorbei“, so Ziebell. Über die Jahre sei die Situation sehr viel ruhiger geworden.

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Anhänger von RB Leipzig sind die Kultras seit dem 19. Mai 2009, also von der ersten Stunde an. „Diese ganze Geschichte war am Ende meine Idee und mein Drang. Damals waren wir zu dritt, also ich und zwei ältere Kameraden, die mittlerweile gar nicht mehr dabei sind“, erinnert sich Ziebell. Zwar standen sie von Beginn an hinter RB, aber: „Fan wird man natürlich nicht direkt beim ersten Spiel. Wir kommen aus Markranstädt und sind zu jedem Spiel mit dem Fahrrad hingefahren und haben uns das angesehen. Irgendwann, einige Monate später, das war dann schon 2010, haben wir beschlossen, einen Fanclub zu gründen.“ Schon damals stand für sie fest: „Wir machen das Ding nicht riesengroß, also maximal 20 Leute. Zwischenzeitlich waren wir vielleicht mal 25.“



OFC-Status kam spät

Alles andere wäre ihnen zu stressig geworden. Denn die Kultras erheben nicht einmal einen Mitgliedsbeitrag. „Ich bin ganz zufrieden, dass der Club so klein ist“, sagt Ziebell. Wer Mitglied werden will, hat im Grunde keine Chance. So ist denn auch auf der Webseite zu lesen: „Zur Zeit nehmen wir keine neuen Mitglieder auf. Wir sind ein feiner, kleiner und elitärer OFC, der nicht unkontrolliert wachsen möchte und dabei die Gemütlichkeit und die Unterstützung unseres Vereins als Priorität sieht. Wir haben nicht das Ziel, der stärkste Fanclub von RB Leipzig zu werden!“ Die kleine Basis zu erhalten, war Voraussetzung für den Fanclub: „Ich habe mich um alles gekümmert, wir haben uns regelmäßig getroffen, sind zum Spiel gegangen“, erzählt Ziebell von den Anfängen des Clubs. Zum offiziellen Fanclub wurden sie erst am 2. Dezember 2016, also ziemlich spät. „Irgendwann wollten wir die Möglichkeiten, die ein OFC-Status mit sich bringt, auch mitnehmen.“ Dazu gehört die Chance auf Karten für Auswärtsspiele und die Champions League.

Die „Kartenlaune“ sei für viele Fanclubs der Grund zur Gründung gewesen, wie auch für viele Anhänger der Grund zur Mitgliedschaft, weiß Ziebell. „Oftmals haben sie aber dieses Clubleben an sich wahrgenommen. Das weiß ich von vielen.“ Man habe in einem Fanclub schließlich mit Menschen verschiedenster Charaktere zu tun. „Einer macht vielleicht mal mehr, der andere vielleicht gar nichts. Es ist wie in einer Familie.“ Kommunikation ist nicht nur auf dem Fußballfeld ein wichtiges Werkzeug für das reibungslose Funktionieren einer Mannschaft. Auch in einem Fanclub muss viel geredet werden, damit der Haussegen nicht schief hängt. „Ich versuche, sozusagen, als oberster Kultra, die innere Ruhe im Club zu haben und zu halten.“

Rückkehr nur in ein volles Stadion

Aufgrund der Pandemie sei das noch ausgeprägter. „Wir hatten ein Jahr ohne Fußball, ohne Arena, ohne Auswärtsspiele. Automatisch hat man keinen Kontakt zueinander.“ Darunter habe nicht nur das Vereinsleben und die Bereitschaft, daran teilzunehmen, gelitten. „Wenn man vor dem Fernseher das Spiel verfolgt, ruft man auch nicht seine zehn Kumpels an. Da hat dann doch den einen oder den anderen sich vom Fußball zurückziehen lassen.“ Zwar bleiben die Kultras „fußballverrückt“, wie Ziebell sagt. Gelitten hat das Interesse dennoch. „Ich habe eine erste Veranstaltung für den 19. Juni im Zuge des EM-Spiels zwischen Deutschland und Portugal vorgeschlagen. Die Rückmeldungen waren eher verhalten. Vor einem Jahr war noch Ekstase pur.“

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An einer Räumlichkeit zum Zusammentreffen fehlt es ihnen aber zum Glück nicht. Denn die Kultras haben ihre „BuLiGarage“. „Wir hatten vorher die ‚BuLiLoungeʻ in Borna, die haben wir aber irgendwann aufgegeben. Jetzt streame ich in der Garage die Bundesligaspiele und die CL-Partien. Wir schauen uns gerne auch andere Liga-Spiele an, aber eben schwerpunktmäßig Leipzig“, so Ziebell. In der Corona-Pandemie war die Garage zumindest kurzzeitig eine Möglichkeit sich zu treffen und zusammen Fußball zu schauen. Die Hoffnung auf einen Re-Start ist deshalb auch bei den Kultras groß. Allerdings wäre es ihnen lieber, wenn sie direkt in ein volles Stadion gehen dürften. „Halbe Stadien und Besucherkontingente, die mit Bewerbungen und Auslosungen funktionieren, interessieren uns eher nicht.“