01. Juni 2021 / 16:00 Uhr

RB Leipzigs Stadionsprecher Thoelke: "Fußball ohne Fans ist wie Essen ohne Salz"

RB Leipzigs Stadionsprecher Thoelke: "Fußball ohne Fans ist wie Essen ohne Salz"

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Tim Thoelke reiste als Stadionsprecher mit dem RB zum Heimspiel auswärts in die Puskas Arena nach Budapest, machte dort die Champions-League-Ansagen.
Tim Thoelke reiste als Stadionsprecher mit dem RB zum Heimspiel auswärts in die Puskas Arena nach Budapest, machte dort die Champions-League-Ansagen. © Imago / motivio
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Last-Minute-Siege, große Enttäuschungen, Abschiede: Die Saison 2020/21 war trotz Corona für RB Leipzig ereignisreich. Stadionsprecher Tim Thoelke machte seinen Job vor leeren Rängen, fieberte aber dennoch mit. Im Interview spricht er über seine Highlights und darüber, dass er gerne „eine sehr große Vase“ mit nach Leipzig genommen hätte.

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Leipzig. Ein bisschen tragikomisch wirkte es schon bisweilen. Vor den leeren Ränge der Red Bull Arena machte RB Leipzigs Stadionsprecher Tim Thoelke nimmermüde die Ansagen, zählte bei jedem Heimspiel die Spieler der Startelf auf, informierte via Lautsprecher über die üblichen Sicherheitshinweise und die corona-bedingten Schutzmaßnahmen, Torschützen, Einwechslungen und mehr. Seine Stimme hallte dabei im öden Stadion wieder, ohne jegliches Feedback. Dort wo Thoelke bei der Vorstellung des Heimteams sonst über 40.000 Kehlen den Nachnamen der Spieler entgegenschreien, war fast eine komplette Saison lang einfach nur eins, Leere.

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Stadionfeeling auch ohne Fans

Wie fühlt sich das an, wenn nur das Echo der eigenen Ansage wieder im Ohr ankommt? „Am Anfang ist es schon sehr merkwürdig gewesen. Aber auch daran habe ich mich im Laufe der Spiele gewöhnt. Es waren ja doch ziemlich viele Partien, die ich ohne Fans mitgemacht habe, auch in der Champions League und im Pokalfinale“, sagt Thoelke. Außerdem sei das Stadion ja nie wirklich leer gewesen. „Es sind ja immer noch Leute da, wie zum Beispiel die Mannschaften, Ordner und Journalisten. Deshalb ist ein solcher Kommunikationsweg trotzdem wichtig. Also hatte ich eine nicht unbedeutende Funktion, aber die war dann relativ weit entfernt von der, die ich normalerweise habe. Es war ein bisschen, wie Essen ohne Salz.“

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Ein bisschen Stadionfeeling hat Thoelke während der Corona-Saison trotzdem geschaffen, beispielsweise wenn ein Tor gefallen ist. Der Stadionsprecher über…



...sein persönliches Saisonhighlight: „Die wenigen Spiele mit Fans in der Red Bull Arena. Auch mit 8.500 Fans hat es wieder richtig Spaß gemacht. Und selbst mit 999 Zuschauern war es noch hundertmal besser als ganz ohne Fans.“

… den besten Spieler der Saison:Willi Orban. Er ist nach einer langen Pause und einer schwierigen Verletzung zurückgekommen. Und dann spielt er fast so, als wäre er nie weggewesen oder sogar noch besser. Er ist derart solide, absolut unbekümmert, was das Drumherum angeht, bis hin zu Interviews, zu denen er immer bereit ist und immer die richtigen Worte findet. Aber auch sportlich war er eben echt großartig. Es hat mich extrem für ihn gefreut, dass er so super wieder in seinen Rhythmus gefunden hat.“

… das beste Spiel der Saison: „Der 3:2-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach, als wir 0:2 hinten lagen und dann Alexander Sørloth das Siegtor in der Nachspielzeit geschossen hat. Das war sportlich die größte Euphorie, weil man zunächst total geknickt war und die Jungs dann so klasse zurückgekommen sind.“

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Wahnsinn: RB Leipzig dreht einen 0:2-Rückstand gegen Borussia Mönchengladbach und gewinnt doch noch mit 3:2. ©

… die größte Enttäuschung: „Das Pokalfinale, klar. Du bist so nah dran, der Pott, der ein bisschen wie eine riesige Vase aussieht, steht vor dir. Und das ist kein Imitat, sondern wirklich der DFB-Pokal. Und am Ende nimmt der BVB ihn mit nach Dortmund und nicht wir mit nach Leipzig. Das war schon sehr bitter, für alle im Verein.“

… das Pokalfinale in Berlin ohne Fans: „Es war ein riesiger Unterschied, ob 75.000 Leute da sind, oder, wie es eben jetzt der Fall war, niemand auf den Rängen sitzt. Das wirkt nochmal leerer, einsamer, halliger, ausgestorbener, als in einer leeren Red Bull Arena. Vor allem weil es eben auch 2019 so eine krasse Stimmung war. Das war überwältigend. Der Job jetzt, vor einer Kamera zu moderieren, statt vor eine Fankurve, war ein ganz anderer. Einziger Trost war, dass die gegnerischen Fans nicht noch stundenlang gejubelt haben. Es hat die Niederlage etwas schmerzfreier gemacht.“

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Und es hat wieder nicht gereicht: Nach einer indiskutablen ersten Spielhälfte muss sich RB Leipzig im Finale des DFB-Pokals Borussia Dortmund mit 1:4 geschlagen geben. ©

… den Trainerwechsel: „Ich finde es schon schade, dass Julian Nagelsmann geht. Ich mochte ihn sehr gerne, weil er einfach ein toller Typ ist. Er erzählt Dinge auf eine sehr sympathische Art. Ich hatte ihn nur leider aufgrund von Corona nicht so intensiv kennenlernen können. Aber ich freue mich auch sehr auf Jesse Marsch. Ich kenne ihn ja schon sehr gut und ich finde ihn als Mensch, als Typ, als Interviewpartner, aber natürlich auch als Trainer super. Ich freue mich auf die nächste Saison mit ihm, weil er eine ansteckende Art und Weise hat, mit der er alle mitreißt.“

… die Gewöhnung an Zuschauer, wenn sie wieder da sind: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für mich eine Umgewöhnung sein wird. Für mich wird es so sein wie immer. Ich werde mir sicherlich nicht denken ‚Was ist denn jetzt hier los, es ist so lautʻ. Dafür mache ich das viel zu lange. Ich erwarte, dass ich das wieder als natürliche Situation wahrnehme, nicht als neue Ungewohnte. Es wird eher so, als wenn man nach langer Zeit wieder nach Hause kommt.“