19. November 2020 / 07:24 Uhr

RB Leipzig und seine Transfers: "Können keine maximale Qualität einkaufen"

RB Leipzig und seine Transfers: "Können keine maximale Qualität einkaufen"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
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LVZ-Chefreporter Guido Schäfer im Gespräch mit Christopher Vivell.
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Seit diesem Sommer ist Christopher Vivell Technischer Leiter bei RB Leipzig, unterstützt bei der Kaderplanung und scoutet junge Talente. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 33-Jährige über Salzburg und Leipzig, den Ablauf bei Transfers und Cheftrainer Julian Nagelsmann.

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Leipzig. Er ist Karlsruher, war Jugend-Bundesligaspieler beim KSC, stürmte in Durlach in der Oberliga, machte nach diversen Verletzungen mit 23 Schluss – und Karriere. Sportstudium, von 2010 bis 2015 Videoanalyst und Scout in Hoffenheim, Wechsel zu Red Bull Salzburg als Sportkoordinator und Chefscout. Seit Sommer 2020 ist Christopher Vivell, 33, Technischer Direktor bei den Roten Bullen, Kaderplaner, federführend bei der Spieler-Suche. Altersübergreifend, zuständig auch für die Standorte Brasilien und New York. Er gilt als Entdecker eines gewissen Erling Haaland. Vivell spricht im SPORTBUZZER-Interview über die (nicht vorhandene?) Einbahnstraße zwischen Salzburg und Leipzig, den ungarischen Nationalspieler Dominik Szoboszlai, die Arbeitsteilung mit Sportdirektor Markus Krösche und Florian Scholz (Kaufmännischer Leiter Sport), unbezahlbare Weltklasse und Cheftrainer Julian Nagelsmann.

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Am 28. Bundesligaspieltag der vergangenen Saison waren 14 Spieler mit RB-Vita am Ball. Zufrieden, froh und glücklich?

Natürlich ist es ein schönes Gefühl, zu sehen, wie viele es von unseren Jungs in den Profifußball geschafft haben. Bei einigen war ich von Anfang an dabei, habe mit Eltern und Beratern gesprochen, sie vom Konzept meines damaligen Arbeitgebers in Liefering und Salzburg überzeugt.

Auch bei Erling Haaland?

Ja, ein toller Typ und Fußballer, klasse Elternhaus, da stimmt alles. Er wird eine große Karriere haben. Wir schreiben uns heute noch regelmäßig. Haaland hat einen augenfälligen Nachteil: Er spielt in Dortmund. Es gab nie eine Einbahnstraße, die direkt von Salzburg nach Leipzig führt. Sadio Mane, Martin Hinteregger oder Erling, um nur drei zu nennen, haben einen anderen Weg gewählt.

Hat Leipzig bei Salzburgs-Ass Dominik Szoboszlai bessere Karten?

Wir kennen und schätzen Dominik. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Ist die Attraktivität der Stadt Leipzig bei der Balz nur ein weicher oder ein mitentscheidender Faktor?

Die Lebensqualität ist schon auch wichtig, aber über allem steht die Qualität des Clubs. Und da müssen sich RB und Leipzig nicht verstecken – im Gegenteil.

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Gibt es noch die Blaue Mauritius, das Supertalent vom Hinterhof, das keiner kennt?

In Europa nicht, da ist es quasi unmöglich alleine und unerkannt auf ein unbekanntes Juwel zu stoßen. Auf einem Sandplatz in Afrika oder in Südamerika ist das schon eher denkbar.

Die Athletik, Trainingsbedingungen und medizinische Betreuung bieten nicht mehr viel Luft nach oben. Wo geht noch was?

Das größte Potenzial liegt zwischen den Ohren, im kognitiven Bereich. Den Spielern werden heutzutage und künftig zwei Dinge immer mehr beschnitten: Raum und Zeit. Da sind möglichst schnelle und möglichst gute Entscheidungen in Stresssituationen gefragt. Daran arbeiten wir in Leipzig, New York und Brasilien.

Und Julian Nagelsmann ist der Mann, der den Roten Bullen den Werkzeugkasten befüllt.

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Julian arbeitet inhaltlich unglaublich fortschrittlich und variantenreich. Er ist ein besonderer Trainer mit besonderen Ansprüchen an sich, seine Spieler und ans eigene Spiel. Seine Auffassungsgabe während des Spiels ist enorm, die Königsdisziplin „Coachen im Wortsinn“ ist eine seiner Stärken.

Fußballer, die älter als 23 sind, haben kaum Chancen auf einen Job bei RB. Bleibt das so?

Ich will mich da nicht auf eine Altersgrenze festlegen, aber unser Credo ist schon, dass wir mit jungen Spielern arbeiten, sie fordern, fördern und entwickeln.

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(1) Peter Gulacsi: 11 Millionen Euro (+ 1,5 Millionen Euro). Zur Galerie
(1) Peter Gulacsi: 11 Millionen Euro (+ 1,5 Millionen Euro). ©

Weil junge Spieler schneller und ausdauernder als alte Spieler sind und weniger Fragen stellen.

Fragen und Austausch sind bei uns ausdrücklich erwünscht. Der RB-Spielstil mit vielen Sprints und intensiven Läufen stellt gewisse athletische Voraussetzungen. Das kann ein 20-Jähriger leichter leisten als ein 35-Jähriger.

Einfach mal einen Weltklassespieler pflücken wäre auch mal ganz nett, oder? Da weiß man, was man hat.

Wir können bei unseren Verpflichtungen nicht ins obere Fach greifen, können keine maximale Qualität einkaufen. Weltklasse müssen wir entwickeln.

Ein guter Stratege...

... lebt im Hier und Jetzt, ist aber gedanklich schon in den Jahren 2021, 2022 und 2023 unterwegs. Wir müssen uns permanent die Frage stellen, wo wir hin wollen, wie wir das erreichen, welche Waffen uns fehlen, welche Waffen wir schärfen müssen. Und weil der Anspruch bei RB Leipzig national und international hoch ist, müssen wir alle einen guten Job machen, das Erreichte schätzen, aber auch modern, dynamisch, neugierig, innovativ und fleißig bleiben. Die Schnellen fressen die Langsamen, nicht die Großen die Kleinen.

Wenn der Trainer einen Mann für hinten links braucht...

... müssen wir in die Spur gehen und mehrere Optionen möglich machen. Wenn Option eins nicht klappt, muss eine andere da sein und greifen können. Über den Kopf des Cheftrainers wird bei uns kein Spieler verpflichtet.

Es gibt unzählige Datenbanken, Millionen Videos über Millionen Fußballspieler. Was gibt den Ausschlag, wer kommt in die enge Auswahl, wer wird verpflichtet?

Am Ende zählt das persönliche Erleben. Im Stadion und beim Gespräch. Was macht der Spieler, wenn der Ball beim Gegner ist. Wie ist seine Körpersprache? Wie denkt er? Das gegenseitige Kennenlernen ist extrem wichtig. Beide Parteien müssen überzeugt sein, dass es passt.

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Hwang Hee-Chan ist der neueste Salzburg-Import bei RB Leipzig. Der SPORTBUZZER blickt auf die Spieler zurück, die von Salzburg nach Leipzig wechselten. ©

Afrikanisch-stämmige Spieler machen mittlerweile in vielen europäischen Top-Ligen den Unterschied. Sie und die Ihren gelten als Afrika-Experten.

Wir sind weltweit vernetzt, auch in Afrika. Ein riesiger Kontinent, unterschiedliche soziale Verhältnisse, Charaktere und Fußballer. Wir haben bisher gute Erfahrungen mit Spielern aus Afrika gemacht.

Naby Keita galt in Leipzig als mindestens betreuungsaufwendig.

Dass Unterschiedsspieler zuweilen auch neben dem Platz den Unterschied ausmachen, ist bekannt.

Wie ist die RB-Kooperation mit dem indischen Club FC Goa zu bewerten?

Indien hat 1,3 Milliarden Einwohner. Wenn wir es schaffen, gut auszubilden und gut zu scouten, will ich nicht ausschließen, dass ein Talent irgendwann in Europa spielt. Der Fokus der Zusammenarbeit liegt zunächst auf dem Nachwuchs. Im Januar sollen die ersten Fußball-Camps starten. Dabei sollen jeweils 20 Kinder von einem indischen und einem deutschen Coach trainiert werden. Wir wollen uns gegenseitig helfen, auch wir können noch dazulernen. Der FC Goa ist ein ähnlich junger Verein wie wir, das Ganze ist kein Marketing-Gag.

Sie, Markus Krösche und Florian Scholz bilden das Dreigestirn im sportlichen Bereich. Bedeutet mehr Personal weniger Stress für den Einzelnen und mehr Output für den Club?

So ist es. Einer alleine könnte das riesige Betätigungsfeld nicht stemmen. Ich sehe in der Zusammenarbeit mit Florian und Markus nur Vorteile für den Verein. Markus ist das Gesicht des Sports, ist Sportdirektor. Florian vertritt den Verein im Sport, verantwortet Kommunikation, Personal und Budget. Jeder hat seine Expertise in unserem Team. Bei uns guckt keiner auf die Uhr und zählt die Stunden bis zum Feierabend.