26. April 2017 / 07:13 Uhr

RB Leipzigs Werner im Sportbuzzer-Interview: „Ich kneife nie!“

RB Leipzigs Werner im Sportbuzzer-Interview: „Ich kneife nie!“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Timo Werner wechselte 2016 vom VfB Stuttgart zu RB Leipzig und schoss in dieser Saison schon 14 Tore.
Timo Werner wechselte 2016 vom VfB Stuttgart zu RB Leipzig und schoss in dieser Saison schon 14 Tore. © dpa
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Nationalspieler Timo Werner über das 1:1 auf Schalke, Topform, Frisuren und Höflichkeit

Leipzig. Timo Werner in Zahlen: 21 Jahre, 27 Bundesligaspiele für RB Leipzig, 17 Tore, 7 Vorlagen, eine Schwalbe, eine Berufung in die Nationalmannschaft, eine Debütanten-Rede vor Jogi & Co., eine Zerrung, ein glanzvolles Comeback, Platz zwei in der Bundesliga. Der Fußballer Werner: Frühreif, höllisch schnell auf den Beinen und im Kopf, ehrgeizig, lernwillig, den Spieß­ruten-Lauf in Gelsenkirchen bravourös und mit einem Kopfballtor meisternd. Der (Familien-)Mensch Werner: Wohlerzogen, höflich, nahbar. Der Interviewpartner Werner: Unterhaltsam, offen, angriffs­lustig. Das Gegenteil von: Gegen Abend ist mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen.

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Wenn Sie sich gegen Freiburg die fünfte gelbe Karte ...

... Sie müssen gar nicht weiterreden. Warum hätte ich das tun sollen? Um Schalke aus dem Weg zu gehen? Nein, ich kneife nicht, hab jetzt einiges hinter mir und wusste, dass ich auch dieses Spiel schaffen werde. Wir wollten auf Schalke unserem Traum von der direkten Champions League-Qualifikation näherkommen. Das ist uns gelungen.

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Wo ein Punkt ist, sind drei nicht weit weg.

Wir können mit dem 1:1 gut leben, denke ich.

Die Schalker kamen direkt von einer Doppelschicht unter Tage zum Spiel und trugen noch die Grubenlampe auf dem Kopf. Wurdet ihr, wurde die Öffentlichkeit geblendet?

Wir hatten in der ersten Halbzeit alles im Griff und hätten 2:0 führen können. Danach war es von uns zu wenig, um drei Punkte mitzunehmen. Zu Ihrer Information: Ein Profi kann alle drei Tage Fußball spielen.

Ihr Torjubel ...

... fiel aus nachvollziehbaren Gründen bescheiden aus. Ich habe mich nach innen gefreut. So, und jetzt haken wir dieses Thema ab, ok?

Sie gehören zu der aussterbenden Sorte Fußball-Star, die jahrelang dieselbe Handy-Nummer haben und sogar drangehen, wenn man als Normalsterblicher anruft.

War das jetzt eine Frage?

Eine Feststellung.

Für mich ist das nichts Besonderes. Sie haben mich gefragt, ob wir telefonieren können und ich habe gesagt, ja, das können wir. Und das tun wir jetzt. Und als Star fühle ich mich auch nicht.

Es geht die Legende, dass die Ausbildung in der Jugend des VfB Stuttgart viel mehr als Passspiel, Torschuss und Taktik war.


Das ist so. Beim VfB wurde viel Wert darauf gelegt, dass man allen mit Respekt begegnet, höflich grüßt ...

Timo Werner: Ich habe beim VfB jedenfalls gelernt, was wichtig ist und was ablenkt von der Hauptsache Fußball. 
Timo Werner: "Ich habe beim VfB jedenfalls gelernt, was wichtig ist und was ablenkt von der Hauptsache Fußball."  © dpa

... und sich Extravaganzen fürs Spiel aufhebt.

Ja. Auffallen sollten wir auf dem Platz, nicht neben dem Platz.

Wer alle drei Tage mit einer neuen Frisur oder einem Tattoo auftaucht, bekam Probleme.

Die bekam er nicht, die hatte derjenige dann schon.

Lassen Sie sich aus dieser Erfahrung heraus auch heute noch immer nur die Spitzen schneiden?

Ich habe beim VfB jedenfalls gelernt, was wichtig ist und was ablenkt von der Hauptsache. Manches kam mir damals ab und zu übertrieben vor, heute profitiere ich davon. Sie könnten übrigens auch mal zum Frisör gehen.

Sie sind der jüngste Fußballer, der die 100-Bundesliga-Spiele-Mauer übersprungen hat. Sind Sie stolz auf diesen Rekord, der einer für die Ewigkeit sein könnte?

Ja, ich will aber schon noch ein paar mehr Spiele machen.

Sie sind der jüngste VfB-Spieler, der ein Bundesligator gemacht hat. Wie erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal?

22. September 2013, ich habe gegen Frankfurt den 1:1-Ausgleich gemacht. Das beste Gefühl, das ich bis dato hatte. Der VfB feierte sein 120-Jähriges, wir spielten in Retro-Trikots. Und ich als Stuttgarter Bub schieße mit 17 mein erstes Tor. Wahnsinn!

Apropos erstes Tor. Haben Sie am dentalen Sonnabend gegen Freiburg bei der Zahnsuche geholfen?

Als ich Diego da liegen sah und Doc Halstenberg das Fehlen des Zahnes diagnostizierte, mussten alle lachen. Sogar Diego, der alte Kämpfer. Er führt uns als Kapitän aufs Feld, macht sein erstes Tor und verliert einen Zahn. Den Tag wird er nie vergessen. Es gibt keinen, der ihm dieses Tor nicht gegönnt hat. Und es gibt wenige, die in dieser Situation mit dem Kopf hingehen.

Sie sind der erste Leipziger Nationalspieler seit zig Jahren. Insofern war der Anruf von Joachim Löw ein historischer. Wie war das, als Ihr Handy klingelte?

Es klingelte nicht anders, als vorhin bei Ihrem Anruf.

Unterdrückte Nummer?

Nein, mit Nummer. Aber weil ich die des Bundestrainers noch nicht kannte, wusste ich nicht, wer anruft.

Berühmte Menschen nehmen nicht ab, wenn kein Name im Display erscheint.

Ich bin drangegangen.

Und dann hat der Coach was gesagt?

Seinen Namen.

Timo Werner feierte am 22. März 2017 gegen England sein Debüt im Nationalteam. 
Timo Werner feierte am 22. März 2017 gegen England sein Debüt im Nationalteam.  © dpa

Es gibt Heerscharen von Stimmen-Imitatoren, die mit Löw-Stücken ihr Geld verdienen.

Habe ich für einen kurzen Moment auch gedacht. Wenn mich ein Radiosender verarscht hätte, hätte ich mitgelacht. Aber es war der Bundestrainer. Er hat gesagt, dass er mich so sehen will, wie in dieser Saison – und mich fürs England-Spiel eingeladen.

Nach Ihrem Debüt mussten Sie vor versammelter Mannschaft eine Rede halten.

Musste ich. Besser, als singen zu müssen.

Und mittenmang zwickte Ihr Oberschenkel.

Ja, da wusste ich, dass ich mich verletzt habe. Aber ich war schon an diesem Abend überzeugt, dass es nichts Schlimmes ist und ich bei unseren Ärzten und Therapeuten in guten Händen bin.

Sie wurden von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Kurt Mosetter, Alex Sekora und Frank Striegler bekurt. Ist mehr mehr?

In diesem Fall schon. Alle haben einen tollen Job und mich schnell fit gemacht.

Warum spielen Sie d i e Saison Ihres jungen Lebens?

Es passt momentan alles. Das Umfeld ist top, ich fühle mich superwohl in Leipzig, der Fußball, den wir spielen, kommt mir entgegen, ich spüre Vertrauen. Und wir haben eine Top-Mannschaft...

... und einen Trainer habt Ihr auch.

Er ist ein klasse Typ und klasse Trainer.

Sie haben im Sommer Ihr Stuttgarter Nest verlassen. Weg von der Heimat, von Familie und Freunden. Wie schmerzhaft war der Abnabelungsprozess?

Am Anfang war es nicht einfach, kam auch mal Heimweh auf. Aber das hat sich schnell gelegt. Jetzt genieße ich es, auf eigenen Füßen zu stehen. Es hat mich als Mensch und Fußballer weitergebracht. Und Stuttgart ist ja nicht aus der Welt. Ich war Ostern zwei Tage daheim, mein Vater ist bei jedem Heimspiel. Und wenn der VfB aufsteigt, wovon ich fest ausgehe, spiele ich pro Saison zweimal gegen Stuttgart.

Alexander Zorniger hat Sie beim VfB öffentlich kritisiert. Steht da noch Unausgesprochenes in der Tiefe des Raumes?

Nein. Trainer dürfen kritisieren und wir Spieler müssen das richtig einordnen. Wir hatten keine Probleme miteinander, ich habe unter ihm viel gespielt. Wir sind uns vor Kurzem über den Weg gelaufen, haben uns die Hand gegeben, uns unterhalten. Alles gut.

Was unterscheidet den Schwaben vom Sachsen?

Die Sachsen sind entspannter, da macht jeder sein Ding. Der Schwabe guckt schon mal rüber zum Nachbarn und schaut, wie groß das neue Auto ist.

Der eine springt hoch wie ein Pferd, der andere ist schnell wie ein Pferd. Sagte Freiburgs Nils Petersen nach dem 0:4 in Leipzig über Yussuf Poulsen und Sie.

Ist doch ein schönes Lob. Vor nicht langer Zeit hat man ohne Stürmer gespielt, jetzt spielt man wieder mit zwei oder drei. ­Yussi und ich sind unterschiedliche Typen und ergänzen uns deshalb so gut. Es passt bei uns. Wir haben eine gute Geschwindigkeit, Talent, Erfahrung und Mentalität.

Auf einen Sieger im Sprintduell gegen Dayot Upamecano wollte sich Timo Werner nicht festlegen. Beide gehören zu den sprintstärksten Spielern der Bundesliga. 
Auf einen Sieger im Sprintduell gegen Dayot Upamecano wollte sich Timo Werner nicht festlegen. Beide gehören zu den sprintstärksten Spielern der Bundesliga.  © dpa

Wie würde ein Sprintduell Timo Werner gegen Dayot Upamecano ausgehen?

Knapp. Ich habe noch keinen schnelleren Innenverteidiger gesehen. Und Dayot hat einen unglaublichen Körper. Er kann so gut wie Jerome Boateng werden, wenn er weiter an sich arbeitet.

Apropos Arbeit. Stimmt es, dass Ihr Berater Karl-Heinz Förster jedes Gespräch und jede SMS mit einer immer gleichen Aufforderung würzt?

Ja. Arbeite weiter jeden Tag hart an dir, lass’ nicht nach! Karl-Heinz hat sich alles in seiner Karriere erarbeitet, er weiß, wovon er spricht. Er kümmert sich immer um mich. Ich kann mir keinen besseren Berater und Freund vorstellen.

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