27. Mai 2022 / 19:44 Uhr

Real-Madrid-Legende Jorge Valdano erklärt das Phänomen Carlo Ancelotti - und warnt vor Liverpools "Armada"

Real-Madrid-Legende Jorge Valdano erklärt das Phänomen Carlo Ancelotti - und warnt vor Liverpools "Armada"

Dimitrios Dimoulas
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Carlo Ancelotti (Mitte) kann mit Real Madrid am Samstagabend Champions-League-Sieger werden. Real-Legende Jorge Valdano bewundert den Coach.
Carlo Ancelotti (Mitte) kann mit Real Madrid am Samstagabend Champions-League-Sieger werden. Real-Legende Jorge Valdano bewundert den Coach. © IMAGO/ZUMA Wire/Alterphotos/Montage
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Jorge Valdano erlangte als Spieler, Trainer und Sportdirektor bei Real Madrid Legendenstatus. Im Interview mit dem SPORTBUZZER erklärt er, warum Carlo Ancelotti ebenfalls eine lebende Legende ist und auf wen die "Königlichen" im Champions-League-Finale am Samstagabend gegen den FC Liverpool besonders aufpassen müssen.

Als Spieler führte Jorge Valdano Argentinien 1986 zum WM-Titel, traf im Finale gegen Deutschland. Der Stürmer gewann mit Real Madrid 1986 und 1987 die spanische Meisterschaft und wiederholte diesen Erfolg als Trainer (1995), bevor er als Sportdirektor der "Königlichen" endgültig Legendenstatus erlangte, weil er die "Galaktischen" um Zinédine Zidane, Luis Figo, Ronaldo und David Beckham verpflichtete. Heute ist der 66-jährige Fußballphilosoph, der zahlreiche Bücher und Essays geschrieben hat, Kommentator bei beIN Sports und Movistar Plus.

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SPORTBUZZER: Real Madrid gegen den FC Liverpool – was für ein Spiel erwarten Sie beim Finale der Champions League?

Jorge Valdano (66): Beide Teams werden das Zepter an sich reißen wollen, sind stets bemüht, dominant aufzutreten. Die Klopp-Armada will permanent den Ball haben oder zurückerobern. Es wird aber interessant, wie sie das gegen ein Team wie Real Madrid praktizieren, ein sehr erfahrenes und reifes Team. Und die Reife von Real zeigt sich in Endspielen. Liverpool ist eine Mannschaft, bei der die Handschrift des Trainers erkennbar ist und die unnahbar erscheint. Die Spieler besitzen eine enorme physische Energie, gepaart mit einem hohen Level an Konzentration. Sie haben zusammen bereits etliche Titel gewonnen. Ihr Auftritt im Halbfinale gegen Villarreal war eine regelrechte Vorführung und die zweite Hälfte beim Rückspiel in Spanien einfach nur atemberaubend.

Liverpool hat den breiteren Kader. Kann das ausschlaggebend sein?

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Sie waren im Sturm sehr gut aufgestellt, mit dem Transfer von Luis Diaz sind sie noch variabler geworden. Ich bin erstaunt, wie schnell er sich assimiliert hat und wie reibungslos er eingegliedert wurde. Er stellt eine permanente Bedrohung für die gegnerische Abwehr da.

Mbappé-Transfer zu Real Madrid hätte "weltweite Referenz dargestellt"

Wie betrachten Sie die Entwicklung von Real-Stürmer Karim Benzema?

Ich würde nicht von einer Evolution, sondern einer Revolution sprechen. Er hat sich sehr verändert, auch emotional, und ist, mittlerweile, zu einem sehr einflussreichen Spieler geworden, was vor ein paar Jahren noch unvorstellbar war. Seine Effektivität ist schon außergewöhnlich. Ich habe nie gedacht, dass so schnell ein anderer Spieler sich den Zahlen von Ronaldo und Messi nähern wird. Ich habe ihn stets als Toptalent verteidigt, aber das war eher, weil er meinem Gusto entsprach, als dass er mich mit Toren überzeugt hat. Jetzt verteidigt er sich selbst, und zwar nicht verbal, aber dank seiner Effektivität auf dem Platz.

Kylian Mbappé kommt nicht zu Real, sondern bleibt bei Paris Saint-Germain – für Sie nachvollziehbar?

Ich weiß nicht, warum er sich so entschieden hat. Er hätte jedenfalls optimal ins Schema von Real gepasst. Ich habe mit ihm mal 25 Minuten gesprochen und muss gestehen, dass er trotz seines jungen Alters eine unglaubliche Reife und Gelassenheit besitzt. Du denkst dir danach: "Der Junge ist jenseits von Gut und Böse." Wenn er nach Madrid gewechselt wäre, hätte das eine weltweite Referenz dargestellt.

Valdano über Carlo Ancelotti; "Carletto ist außergewöhnlich"

Weil Madrid das Fußballepizentrum ist, im Vergleich zu Paris?

Fußballer in Madrid zu sein ist nicht das Gleiche, wie Profi in Paris zu sein. In Madrid gibt es einen leidenschaftlicheren, anspruchsvolleren und mehr Fußball liebenden Rahmen. Dies finden die Spieler, die im Rampenlicht stehen möchten, sehr motivierend. Paris ist in dieser Hinsicht eine kühlere Metropole. Mauricio Pochettino brachte das auf den Punkt: mit 13 Champions-League-Titeln ist es nicht nur eine Frage der Spieler, sondern eine Frage der Tradition und Institution.

Carlo Ancelotti ist auf dem besten Weg, eine Trainerinstitution zu werden. Was macht ihn so besonders?

Carletto ist außergewöhnlich, um die gewöhnlichste Sache der Welt zu tun: das Simplifizieren. Niemand vermag es, die komplizierten Sachen besser zu vereinfachen als er. Das heißt jedoch nicht, dass er die Bedeutung und die Komplexität der Taktik ignoriert. Er hat AC Mailand Ende der 1980er-Jahre zum modernsten Team der neueren Fußballgeschichte geformt. Er ist auch aus einem anderen Grund hervorzuheben: weil die Figur des Real-Trainers in der Vergangenheit stets zweitrangig gewesen ist. Es ist die Rede von Di Stefanos Real, der Riege um Butragueno oder den Galaktischen, ohne dabei den jeweiligen Trainer zu erwähnen. Bei Ancelotti wird das nicht der Fall sein – zumal er, abgesehen von den Titeln, bei allen Spielern hoch angesehen ist. Das gelingt ihm, indem er den Profi fordert und die Person dahinter im vollen Umfang respektiert.

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